Berliner Merkwürdigkeit

Peepshow mit Märklin

"Frauen und Staub, das sind unsere Hauptfeinde." Thomas Koch lebt allein - mit 70 Loks und 600 Waggons (Spur N) und 45 Loks und 250 Wagen, Spur H0. Spur N? Spur H0? "Na, N für Neun Millimeter." - "Hat das vielleicht mit Märklin zu tun?", wagt der Laie den Kunden im "Modellbahnen am Mierendorffplatz" hilflos zu fragen.

Immerhin ist Modellbahnbauer Märklin vor wenigen Tagen Pleite gegangen. Könnte also sein, dass er noch schnell die letzten Teile aufkaufen will. Koch schüttelt nachsichtig den Kopf: "Ich bin doch kein Märklinist." Denn wer Märklin sammelt, ist auf Märklin festgelegt - Teile anderer Hersteller sind nicht kompatibel.

Willkommen in einer Welt, in der einschlägige Zeitschriften seitenweise Fehler an Modellen auflisten und dem Hersteller nachweisen, dass die Räder 0,3 mm zu weit voneinander entfernt sind im Vergleich zum Vorbild. Und wenn noch das Riffelblech fehlt und die Einstiegsgriffe neben der Führertür nur geprägt, nicht angesetzt sind, ist der Kunde abgesprungen.

Ein Mann mit Falten im Gesicht und Pelzmütze auf dem Kopf betritt den Laden, läuft zielstrebig zur Auslage mit den Magazinen, die Münzen hat er fertig abgezählt, so wie andere 50 Cent für die "Bild"-Zeitung bereithalten. Bloß: Bild ist billiger. Züge sammeln und sie fahren lassen, im Verein oder daheim, ist eine teure Spielerei. Größere Modelle kosten bis zu 40 000 Euro, Kleinere auf Auktionen einige Tausend. Da spaziert mancher in den Laden, dem sieht man an, dass er zum Träumen kommt und nicht zum Kaufen. Aber es ist nicht nur der Preis. Das Problem ist, dass man nicht mehr aufhören kann.

In den Regalen stehen Kiefern, Fichten, Birken, dazu Baggerseen mit Gussharz gefüllt, ein Wandersmann mit Proviant, Kreuzträger bei der Prozession, ein Elch, König Ludwig II und ein VW-Bus, lilagrün mit Flower-Power-Druck, davor sitzt nackig ein Paar, auf der Gitarre klimpernd ein paar Weisen. "Es gab sogar mal ein Open-Air-Kino, mit echter DVD", erklärt Geschäftsführer Hartmut Weidemann.

Die Leute kommen von weit her der Berliner Spezialitäten wegen. Horst Armbrust ist aus der Pfalz angereist, um nach Berliner S-Bahnen für seine Welt zu suchen, 40 Quadratmeter ist sie groß, den ganzen Dachboden hat er ausgebaut. Das Ziel: "Möglichst nah ran an die Wirklichkeit." Ganze Paletten an Farben und Pinsel in kleinsten Größen. "Das ist ganz filigrane Arbeit, eine große Herausforderung." Aus Neustadt kommt er, "da wo auch der beste Wein herkommt". Ob auf seinem Dachboden auch Wein wachse? "Noch nicht", sagt der Mann mit der schiefen Brille, "die Weinreben liegen noch in der Packung". Weidemann erinnert sich an einen Kunden, einen Arzt, der bis zu seinem Tod immer zu ihm kam. "Die Züge fuhren durch die ganze Praxis." Und für seine "Peepshow" könnte ein Villenbesitzer in Westend Eintritt verlangen: Die komplette erste Etage hat er zum Eisenbahnertraum gemacht, auf echtem Eichenparkett. Ein anderer hat in Tegel eine der Borsighallen angemietet. "Die hat mindestens 500 Quadratmeter."

Ob das Sammeln in den Genen liegt? Wer Bahnen sammelt, hat oft auch eine ganz andere Passion. Verkäufer Sören Huschke mit dem Metallica-Pulli spart sich stets "das Geld vom Mund ab". Er hat ein 400-Liter-Aquarium und besitzt alle Musikalben im Original, "die was mit Kopfbewegungen zu tun haben". Ein anderer sammelt Klaviernoten, der Angestellte Dirk Krüger hat "die Wohnung voller Modellautos, 500 Stück vielleicht", und dem Laden sieht man unschwer an, was der Chef sonst noch sammelt: Er verkauft hier auch Affen aus Plüsch und Teddybären.

Ein Mann ohne Namen sammelt Epoche III, "das ist am vielfältigsten": Nachkriegszeit, als es schon moderne E-Loks gab, aber auch noch die Dampfloks auf den Gleisen hupten. Er trägt Krawatte, Schnauzer und Aktentasche. Seinen Namen will er nicht verraten. "Sonst liest meine Frau noch, dass ich hier war."

120 Loks sind der Grundstock eines Sammlers, der sich laut Weidemann dadurch auszeichnet, "dass man ihm nicht ansieht, dass er Modellbahner ist", oft jedoch ein Mann gehobenen Alters. Huschke fällt aus dem Rahmen. Wenn der 23-Jährige im Bekanntenkreis erzählt, dass er nach Polen zum Dampflokfest fährt, "ist das eine Lachnummer".

Das war nicht immer so. Schon Goethe soll seinen Enkeln eine Miniatureisenbahn aus England geschickt haben, die die Kleinen an einer Schnur über den Boden zogen. In den 50ern und 60ern wollte jeder Junge eine Bahn, sie war der Inbegriff für Mobilität und Wirtschaftsaufschwung. Die Väter sammelten fleißig mit, oft gehobene Beamte, mit entsprechendem Salair und der Zeit: Im Winter die Modellbahn, im Sommer der Kleingarten. Doch die Kunden sterben aus. Weidemann blickt auf den alten Mann mit der Pelzmütze: "Der kommt in zehn Jahren nicht mehr."

Thomas Koch hat zwei Loks zur Reparatur abgegeben und einen Ersatzmotor bestellt für eine andere, die in seiner Vitrine ruht - beleuchtet und verspiegelt: "Ich will ja auch was davon haben." So, wie andere um den gepflegten Rolls-Royce Silver Shadow oder den Jaguar E streichen, so fühlt Koch sich wohl von der Urwüchsigkeit von Dampfloks angezogen.

Frauen spielen, sieht man von der stillen Gattin ab, keine Rolle im Laden. Obwohl, bei schönsten Sache der Welt dann doch. "Das Liebespaar gibt's sogar mit Funktion", sagt ein Angestellter. Funktion? Die Röte steigt in seine Wangen. "Naja, eine Auf- und Abbewegung eben."