Wissenschaft

Die Acht ist eine ausweglose Zahl

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Der Physiker Peter Klimek ist Doktorand an der Medizinischen Universität Wien und arbeitet für die "complex systems research group", die sich unter anderem damit befasst, wie Menschen in Gruppen zu Entscheidungen kommen - und was das mit der Größe dieser Gruppen zu tun hat.

Berliner Illustrirte Zeitung:

Herr Klimek, Sie haben sich in Ihren Forschungen mit der Zahl Acht beschäftigt.

Peter Klimek:

Ja. Auch wenn die Acht eher ein skurriles Nebenresultat unserer Arbeit war. Wir konnten bestätigen, dass Gruppen wie Gremien oder Kabinette sich mit Entscheidungen dann besonders schwer tun, wenn sie aus acht Teilnehmern bestehen.

Was haben Sie denn genau erforscht?

Wir wollten wissen, in welcher Größe bestimmte Ansammlungen von Menschen in der Lage sind, effizient zu Resultaten zu gelangen - und in welcher nicht.

Warum ist das interessant?

Wir denken, dass dies für die Unternehmensberatung relevant sein könnte. Die Idee dafür geht auf die Essays des Historikers Cyril Northcote Parkinson zurück.

Von ihm stammt das Gesetz, wonach sich jede Arbeit immer genau in jenem Maße ausdehnt, wie Zeit zu ihrer Erledigung zur Verfügung steht.

Genau. Parkinson zufolge hat das Konsequenzen für die Arbeit von bürokratischen Apparaten. Er hat sich die Kabinette der Weltgeschichte angesehen. Ihm fiel auf, dass keines der von ihm untersuchten Gremien die Größe von acht Personen hatte - mit einer Ausnahme.

Welcher?

Es war die Regierung von Charles I. (1600-1649), der dadurch in die Geschichte einging, dass in seiner Amtszeit der erste englische Bürgerkrieg begonnen hat. Am 30. Januar wurde er vor dem Banqueting House in London enthauptet. Sein Kabinett hatte acht Mitglieder und war in seinen Entscheidungen gelähmt.

Und Sie konnten mit ihrer Arbeit Parkinsons Thesen bestätigen?

Ja. Wir konnten sie mit Hilfe eines Computermodells beweisen, das die Bildung von Koalitionen anhand bestimmter Parameter simuliert. Ab einem bestimmten Punkt finden sich die Interessengruppen leichter zusammen und gehen dann gegeneinander in Front, sodass Konflikte schwerer lösbar sind.

Was für die Zahl Acht offenbar auch gilt. Gibt es dafür weitere Beispiele?

Ja. Das kurzlebige Kriegskabinett des britischen Premiers Neville Chamberlains hatte acht Mitglieder.

Oder die zu trauriger Berühmtheit gelangte britische SAS-Patrouille "Bravo Two Zero", die im ersten Golfkrieg in irakische Gefangenschaft geriet. Aber was ist denn nun die Erklärung dafür?

Wir können den Effekt mit der Acht im Modell schon rekonstruieren, aber wissenschaftliche Relevanz würde ich nicht unbedingt unterstellen. Denn, um es ehrlich zu sagen: Wir haben keine überzeugende Erklärung gefunden. Es kann ja nicht nur daran liegen, dass wir es mit einer geraden Zahl zu tun haben. Wir wissen aber: Die Art und Weise, wie die Leute eines Gremiums Einfluss aufeinander ausüben, ändert sich abhängig von der Größe dieses Gremiums - bei acht Personen scheint er sich so auszugleichen, dass permanent Pattsituationen entstehen. Eine weitere Annahme Parkinsons lautete übrigens, dass bei einer Größe von 20 Leuten die Grenze zur Ineffizienz überschritten wird.

Gibt es also einen Zusammenhang zwischen der Größe von Kabinetten und der Stabilität von Staaten?

Generell kann man sagen: Instabile Staaten tendieren zu großen Kabinetten. Die Frage lautet: Wie misst man effiziente Entscheidungsstrukturen? Dazu gibt es Indikatoren, die von der Weltbank zur Verfügung gestellt werden - zusammengesetzte Indikatoren mit mehr als 33 verschiedenen Größen - einer davon ist die politische Stabilität.

Gordon Browns Kabinett hat 24 Minister. Müssen wir um England fürchten?

Die Aussagen, die wir mit unserer Arbeit machen können, sind statistischer Natur. Es ist davon abzuraten, auf ein einzelnes Land zu schließen. Wir können aber sagen: Die Wahrscheinlichkeit ineffizienter Entscheidungsstrukturen ist bei großer Personalstärke höher.

Kabinette sind also deshalb ineffizient, weil dort so viele Leute herumsitzen?

Nicht nur. Die Anzahl der Personen im Kabinett hängt ja auch davon ab, wie viele Interessen in diesem Land vertreten werden müssen. Länder, die Mitglieder in der Opec sind, haben einen Minister für Erdöl. Ein Land mit gemischten Ethnien braucht auch viele Minister. Aber wenn zu viele Interessen das Land in eine ihnen genehme Richtung drängen möchten, dann funktioniert das ab einem bestimmten Punkt nicht mehr. Man kann also nicht sagen: Ihr habt ein Kabinett von 25, also schmeißt sechs Leute raus, dann wird es euch schon besser gehen.

Welche Staaten der Welt haben die größten Kabinette?

Geographisch betrachtet gewinnt am Ende Afrika. Dort sind die Kabinette deutlich größer als in Westeuropa oder in Nordamerika.

Wissen Sie, welches Land das größte Kabinett hat?

Das Größte, das wir gefunden haben, gibt es in Sri Lanka mit 54 Mitgliedern. Ich habe aber letztens gehört, dass Kambodscha ziemlich aufgeholt hat.

Und das kleinste?

Die kleinsten Kabinette sind in Zwergstaaten zu finden - Monaco, Liechtenstein etc. Die haben um die fünf Minister.

Das ist dann aber wieder eine effiziente Kabinettsgröße?

In diesen Ländern sind mehrere Ministerien häufig in der Hand einer Person. Schon allein das führt zur Effizienz von Entscheidungen.