Erinnerungen

Driving Home for Christmas

Die Drei Brüder

Weihnachten zuhause, das ging bei uns immer so: Meine beiden Brüder und ich lieferten uns zuerst eine Art Kochduell. Jedes Jahr war ein anderer dran, und jedes Jahr versuchte man die Leistung des Vorgängers zu überbieten - oder doch wenigstens gleichzuziehen. Das ging bei einigen Fischgerichten übel daneben, war aber immer ziemlich lustig, und wenn dann alle satt und ein bisschen angetrunken waren, haben wir Geschenke ausgetauscht. Nicht alle auf einmal, sondern eins nach dem anderen. Wir zogen sie aus einem großen Bettbezug, um es spannender zu machen. Als wir Kinder waren, dauerte es Stunden; als wir älter wurden, nicht mehr so lange, die Geschenke werden ja weniger mit den Jahren. Aber schön war es trotzdem immer. War? Ja.

Denn Weihnachten zuhause, das geht ab jetzt anders. Weil ich in diesem Jahr Vater geworden bin, fahren wir mit dem Kleinen in die Heimat meiner Frau. Das ist ein kleines Dorf in Norditalien, es hat vielleicht 100 Einwohner und liegt inmitten ausgedehnter Wein- und Apfelfelder. Zwei schöne Seen sind gleich vor der Tür, rundherum erheben sich mächtig die Alpen. Vor ein paar Tagen hat es dort geschneit, der Schnee liegt meterhoch, die Seen sind zugefroren. Und bald wird der Kleine das alles zum ersten Mal sehen: schlittschuhlaufende Menschen, schlittenfahrende Kinder, den Weihnachtsbaum, die Zweige, Kugeln, Lichter. Schön wird das mindestens, wahrscheinlich sogar großartig - und doch werde ich mich zwischendurch irgendwann fragen, was sie wohl gerade kochen, meine Brüder dort oben im fernen Berlin.

Der verlorene Sohn

Unser Weihnachts-Familienritual beginnt am 24. Dezember, wenn die altmodische Holzuhr mit schwerem Pendel am Abend sechs Mal schlägt. Mein Vater legt dann die Schallplatte - heute CD - mit dem Glockenläuten auf, und kurz darauf kommen Mutter, Bruder und ich im Wohnzimmer zusammen. Jeder nimmt ein Glas Sekt, und mein Vater sagt: "Und jetzt denken wir an die, die uns lieb sind."

Dieser Satz ist mehr als nur das Erinnern daran, dass jetzt überall in der Welt andere mit unserem Familiennamen stehen und einander zuprosten. Obwohl allein das schon ein wohliges Gefühl machte. Selbst, als ich klein war und noch rote Brause in dem Sektglas war. Anders als in amerikanischen Filmen ist es ja schließlich in Deutschland nicht üblich, einander "I love you" ins Gesicht zu sagen. Auf diese indirekte Art können wir das. Doch man dachte auch an heimliche Liebschaften, die man den Eltern nicht vorstellen wollte, oder an den besten Freund, der gerade im Krankenhaus lag, und natürlich an die verstorbene Oma. Es gab oft Tränen.

Sehr emotional war es, als mein Bruder vor einigen Jahren zu Weihnachten nicht nach Hause kam. Genauer: Er durfte seinen Heimatort in einem Radius von 50 Kilometern für mindestens zwei Jahre nicht betreten. So lautete die Traditions-Regel, die für wandernde Gesellen gilt - er war eben "auf der Walz". Heiligabend verbrachte er in irgendeiner Handwerker-Kneipe in Norddeutschland. Aber als bei uns dreien im Wohnzimmer der Gong der Holzuhr sechsmal schlug - da bin ich mir sicher - hob mein Bruder eine Bierflasche hoch in die Luft und rief durch den Zigarettenqualm der Kneipe: "Auf die, die uns lieb sind!" Und bei uns klangen die Sektgläser etwas leiser als sonst.

Tischlein deck dich

Mein Mann hat Angst vor Weihnachten. Nicht prinzipiell, nein, nein, erst seit ihm klar geworden ist, dass er dieses Jahr zu Hause feiern wird, also bei mir, nicht bei sich. Wir haben das vor langer Zeit ausgemacht. Er hatte mich gefragt, ob ich ihn heiraten will. Ich habe gesagt, ja, aber das erste Weihnachten feiern wir bei meiner Familie. Es mag kein ganz fairer Deal gewesen sein, aber er gilt, darauf bestehe ich.

Mein Mann hat eigentlich nichts gegen meine Familie. Er hat bisher alles mitgemacht: Trinkspiele mit meinen Geschwistern, Tiefschneefahren mit meinem Vater, Baumarkteinkäufe mit meiner Mutter - und er hat nie geklagt.

Bis jetzt. Okay, er klagt nicht, aber er hat Zweifel. Vor allem wegen des Essens. Essen ist sehr wichtig bei ihm zu Hause. Als wir das letzte Mal dort waren, gab es geschäumte Kürbiscremesuppe, Rehrücken mit selbst gemachten Serviettenknödeln und Blaukraut, Mangosorbet mit frischen Himbeeren und zum Schluss Vacherin. Bei meinem Mann zu Hause gibt es nie einfach nur Käse.

Bei uns zu Hause ist wichtig, dass Essen praktisch ist. Deshalb gibt es meistens Geschnetzeltes (weil man ja nie weiß, wie viele wir am Ende sind, sagt meine Mutter) und zu Weihnachten Fondue (weil man das gut vorbereiten kann).

Mein Mann findet, Fondue passt nicht zu Weihnachten. Schon gar nicht die Version, bei der am Ende keine Bouillon übrig bleibt, sondern nur ein Topf heißes Fett. So etwas würden sie bei ihm zu Hause höchstens zu Silvester essen. Aber mein Mann weiß auch, dass niemand eine Chance gegen Dinge hat, die meine Mutter praktisch findet.

Deshalb ist er gerade zu Hause. Bei sich, nicht bei mir. Er erledigt Botendienste. Er hilft, den Baum zu schmücken. Er bastelt sogar Kerzen. Aber ob es den Rehrücken auch als Lunchpaket gibt, das weiß er noch nicht.

Rumpelstilzchen

Tja, Weihnachten. Dieses Fest war für mich schon immer stark mit Problemen beladen. Habe mich gedrückt, wenn es irgendwie ging, zum Beispiel freiwillig Dienst geschoben zu Bundeswehrzeiten. Dann hat man seine Kinder großgezogen: Da war Weihnachten selbstverständlich ein großes Fest. Mit Lichterbaum. Ich hatte mich mit ihm versöhnt, als ich erfuhr, dass er heidnischen Ursprungs ist. Sogar Weihnachtslieder gesungen mit den Kleinen. Warum auch nicht, letztlich. Und dann waren die Kleinen die Großen und die Familie auseinander. Keine weihnachtlichen Zusammenkünfte mehr. Eher angenehm. Und, siehe da, jetzt, wo der Enkel mit dem schönen Namen Nicodemus auf dem Anrufbeantworter "O Tannenbaum" singt, mit 2,5 Jahren, ist man gerührt. Und alte Traditionen leben auf: Der erste Weihnachtstag gehört ihm und seiner Familie. Die anderen sind auch dabei. Vier Kilo Klamotten einzeln verpackt als Geschenk, damit er immer "der schickste Vogel im Walde" (nach F. K. Waechter) ist. Ach, Weihnachten.

Von einem, der auszog

Vor vielen Jahren saßen wir am 23. Dezember in der Kneipe meines Heimatstädtchens. Meine zwei besten Freunde und ich. Wir waren betrunken. Und weil wir so betrunken waren, und uns klar wurde, dass irgendwann eine Zeit kommt, in der wir uns nicht mehr zum Rauchen auf dem Schulhof treffen würden, in der wir nicht mehr mit dem Fahrrad zum Haus des anderen fahren könnten, um Platten zu hören, hatte ich eine Vision. Es war so zwei Uhr Morgens, als die Welt von meiner Vision erfuhr: "Wr knntennuns immr", sagte ich. Ich war sehr betrunken, muss man wissen. "Wr könntenuns jedes Jahrtreffen", bemühte ich mich, "und wrnennendasganze dann...", - ich musste eine Pause machen - "...Heiliger Morgen", sagte ich. Sie schwiegen erst, doch dann sagten sie die Worte, die das Weihnachtsfest für Generationen von Menschen in meiner Heimatstadt verändern würde. Sie sagten: "Ja ja." Und sie schickten mich zum Schnapsholen, obwohl ich gar nicht an der Reihe war. Seit diesem Tag jedenfalls gibt es in meiner Heimatstadt diese Tradition: Am Abend des 23. Dezember treffen sich alte Schulfreunde in den verschiedenen Kneipen der Stadt und betrinken sich bis in den Morgen, den Heiligen Morgen, hinein. Wie viel Kindertränen inzwischen vergossen wurden, weil Papi oder Mami beim Nachhausekommen besoffen in den Weihnachtsbaum geknallt sind, weiß ich nicht, aber es macht ziemlichen Spaß.

Der Mann, der zu viel wusste

"Weischt....", so beginnt mein Schwager Sätze, von denen seine Kinder wissen, dass sie folgenschwere Ankündigungen einleiten. Und seit vorigem Weihnachten habe ich mir das von seinen Kindern abgeschaut. Es gab Grund dazu. "Weischt, dasch wird nicht mehr lang gutgehe", hatte er mir am Abend des 1. Weihnachtsfeiertages voriges Jahr am Tresen gesagt. Es dauert meist so etwa eine Viertelstunde, oder - in unserer Zeitrechnung - ein halbes Bier, bis der Nachhall häuslich-besinnlicher Weihnachtsstimmung über einem begleitenden Schnaps verfliegt und wir zu den anderen wesentlichen Dingen des Lebens kommen. Mein Schwager ist alemannischer Herkunft, aus einem Kaff am Bodensee, hat die Welt gesehen, besonders die arabische und in der Schweiz bei einer Großbank gearbeitet. Jetzt ist er unabhängiger Anlageberater. "Weischt, der Ami, der überzieht", fuhr er fort. "Wie, überzieht?" "Ja, der überzieht. Beim Gelddrucke überzieht er, der Ami nämlich."

"Und? Was heißt das, wenn der Ami überzieht beim Gelddrucken?" "Dasch heischt, das das nicht mehr lange gut gehen tut." Mehr war nicht aus ihm herauszubringen. Na gut, dann wollen wir den Ami mal im Auge behalten, das Jahr über, dachte ich.

Der Rest ist bekannt. Der Ami hat überzogen und ich hätte auf meinen Schwager hören und alle Aktien verkaufen sollen. Habe ich aber nicht. Er übrigens auch nicht. Aber dieses Jahr werde ich ihm noch viel genauer zuhören, meinem Schwager, am 1. Weihnachtsfeiertag, abends in Hannover, am Tresen, nach dem ersten halben Bier.

Es ist ein Ros entsprungen

"Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all'!", unter diesem Motto starten wir wie jedes Jahr in die Weihnachtstage. Endlich sind wir wieder alle unter einem Dach. Dazu reisen wir extra von Osten nach Westen durch die Republik, um uns in der winterlichen Eifel zu treffen. Zu Hause: jetzt heißt es gemütlich auf dem Sofa, leckere Hausmannskost, nette Gespräche, das ein oder andere Spiel. Und ganz viel gemeinsam lachen. Doch in diesem Jahr wird Weihnachten etwas anders, wieder ein bisschen so, wie in den alten Kindertagen. Denn auch unsere Krippe hat sich gefüllt. Der kleine Tiyam bereichert seit 15 Monaten unser Leben und wird in diesem Jahr die Hauptattraktion unter dem Weihnachtsbaum sein. Geschenke werden da zur Nebensache. Weihnachtslieder, Lichterketten und Baumschmuck bekommen wieder eine größere Bedeutung. Auch Geschenkpapier und -bänder. Was man damit alles anstellen kann, herrlich. Rumtollen und Bilderbücher schauen ist dieses Jahr angesagt. Das gemeinsame Essen wird sicherlich weniger ruhig dafür aber mit einer bekleckerten Tischdecke enden, die "Scrabblesteine" finden eine Verwendung als Bauklötze und beim lümmeln auf dem Sofa wird man schon mal von einem "versteckten" Spielzeug gezwickt. Aber all das ist wunderschön. Und zu Lachen wird es in diesem Jahr sicherlich auch wieder eine Menge geben, frei nach der Liedzeile: "...ein Herz nur voll Unschuld allein Dir gefällt."

Die Steppenwölfin

Eines dunklen Tages, ich war etwa 15, hatte ich beschlossen, dass Weihnachten für mich nicht mehr in Frage käme. Ich war der Auffassung, dass es ein Fest der Heuchelei und des abgestandenen Rituals sei. Es ließ sich mit meiner damaligen Vorstellung von Coolness einfach nicht vereinbaren. Wer den "Steppenwolf" gelesen, eine Lederjacke aus Amsterdam erstanden hatte und stundenlang wütenden Blickes an einer Straßenecke stehen konnte, der war mit "Ihr Kinderlein kommet" beim besten Willen nicht mehr zu beeindrucken. Ich sage nur "Boomtown Rats"! Glücklicherweise war dann am 24. mein Freund Hans-Jürgen mit seinem Buckelvolvo und seinen Carelio-Zigarren zur Stelle. Wir fuhren zum Teufelsberg und sahen auf die Stadt runter. Lächerlich, so was! Gedächtniskirche, pah! Aber das köstliche Gefühl von Weltverachtung wollte sich einfach nicht einstellen. Unaufhaltsam machte sich stattdessen eine klägliche Sehnsucht breit. Nicht nur nach Kerzen, Bratäpfeln und "Ich steh an deiner Krippen hier". Nein, nach Eltern! Tanten! Grauenhaften Cousins und Cousinen, meinem Bruder, kurz, all den Nervensägen, die man lange hinter sich gelassen zu haben glaubte. Schneller als du "Jesus von Nazareth" sagen kannst, waren Hans-Jürgen und ich vom "Mont Klamott" zurück in die Stadt gefahren, und unter ein paar gemurmelten Ausflüchten, deren komplette Unwahrheit uns nur zu schmerzlich bewusst war, in den Schoß der Familien zurück. Sie sagen: das hättest du dir doch sparen können den Umweg! Aber dass mir Weihnachten, und zwar mit möglichst vielen Verwandten, die ich seit ein paar Jahren auch noch am liebsten selbst bekoche - zumal inzwischen selbst hergestellte Verwandte dabei sind - dass mir also dieses Weihnachten inzwischen so lieb und teuer ist, das wäre ohne den Teufelsberg eben doch nicht zu haben gewesen.

Das unentdeckte Land

Zu Weihnachten reiste möglichst immer die ganze Familie bei den Großeltern in den USA an. Aus Kanada, Frankreich, Jerusalem, München, Starnberg oder - wie in meinem Fall - aus Berlin. Wenn man es denn einrichten kann. Amerika liegt ja nicht gerade um die Ecke. Unsere Familie stammt väterlicherseits ursprünglich aus Armenien. Und ein armenisches Weihnachtsfest ist prunkvoll, fröhlich und laut. Vor allem letzteres. Zur Familie zählen auch Freunde und manchmal sogar entfernte Bekannte. Und unbedingt eine reich gedeckte Tafel. Und viele Geschenke. In meinem Fall gerne Kochbücher. Handstaubsauger. Strickgerät. Dinge, die ich eigentlich gar nicht brauche, die mir aber irgendetwas sagen sollen. Omas und Tanten sind gerne ehrlich. Vermeintlich fürsorgliche Sätze wie: "Du bist aber proper geworden!", "Dein Sohn ist heute gar nicht so laut wie sonst!!" oder "Bist du immer noch mit dem zusammen?" quittiere ich dann mit einem lieben Lächeln. Und darf auch gar keinen Fall vergessen, das Essen über alle Maßen zu loben und von wirklich allem zu probieren. Das mit den Lichtern wird gerne mal übertrieben, wenn im kalifornischen Pasadena (ein Vorort von Los Angeles) die Häuser um die Wette leuchten wie im schönsten Hollywood-Weihnachtsopus.

Zuhause in Berlin haben wir gerade einmal eine Lichterkette am Baum hängen. Die Armenische Kirche feiert Weihnachten übrigens nach frühchristlicher Tradition am 6. Januar - als gemeinsames Fest der Geburt und Taufe von Jesus Christus. (Die Entscheidung der Kirchen, das Fest auf den 25. Dezember vorzuverlegen, fiel beim Kirchenkonzil von Chalcedon. Die Armenische Kirche konnte nicht teilnehmen, weil sie gerade einen Kampf "für die Verteidigung des Glaubens und der Heimat" gegen Persien führte).

Eine gute Gelegenheit gleich zwei Mal zu feiern: am Heiligen Abend und am 6. Januar. Schließlich bin ich seinerzeit von Kardinal Ratzinger (unser Papst Benedikt) in München gefirmt worden. Denn meine Familie mütterlicherseits stammt aus dem katholischen Sauerland. Aber das ist eine andere Geschichte...

Weihnachten auf dem Immenhof

Weihnachten Zuhause ist eine schöne Erinnerung. Gegen Mittag sattelte ich mein Pony und dann machten wir unseren Weihnachtsausritt. Nur wir beide allein. Bei jedem Schritt hörte man die kleine Glocke, die ich am Zaumzeug befestigt hatte, weil es so schön weihnachtlich klang. Wir ritten gemütlich über nasse Wiesen und in einigen Jahren sogar durch den Schnee. Dann sprang das Pony in Schneewehen, als seien es Hindernisse. Wenn es ganz besonders kalt war, war, gefror der Atem des Ponys an den Barthaaren zu Eiszapfen. Nach dem Ausritt marschierten wir manchmal ins Haus. "Bring sofort das Pferd wieder raus", rief meine Mutter dann ziemlich wütend. Doch wir gingen erst, wenn es ein Weihnachtsgeschenk aus der Küche gab. Nach dem Ausritt war Bescherung im Stall. Apfelschnitze, Karotten, Hafer, Rote Beete. Knietief stand das Pony im gelben Stroh. Erst danach kam die Menschenbescherung mit der Familie. Die war auch ganz nett.