Die letzte Frage: Antje Renn, Mutter

Was wünschen Sie sich zu Weihnachten, Frau Renn?

Die Leser der Berliner Morgenpost haben Antje Renn und ihre behinderte Tochter immer wieder unterstützt. Inzwischen kann sie sogar anderen helfen. Und freut sich auf das Fest der Feste.

Berliner Illustrirte Zeitung:

Frau Renn, sie haben zwei Töchter.

Antje Renn:

Ja, es sind Zwillinge, sie sind 24 Jahre alt und heißen Nadine und Nancy.

Ihre Tochter Nancy ist gesund, doch Nadine ist das leider nicht.

Nadine ist körperlich und geistig schwer behindert. Eine frühkindliche Hirnschädigung.

Was bewirkt die Behinderung Ihrer Tochter?

Sie ist natürlich körperlich schwer eingeschränkt, sitzt im Rollstuhl, kann nicht richtig sprechen und muss rund um die Uhr gepflegt werden. Sie kann nicht zur Toilette gehen, muss gewaschen und angezogen werden.

Wie sieht so ein normaler Tag bei Ihnen aus?

Frühmorgens muss Nadine fertig gemacht werden, weil sie um sieben abgeholt wird. Sie geht in eine Behinderteneinrichtung hier in Köpenick. Nachmittags um halb vier kommt sie nach Hause, manchmal hole ich sie auch eher von der Werkstatt ab, und wir gehen gemeinsam zur Therapie. Zweimal in der Woche habe ich eine Helferin hier. Die betreut meine Tochter dann. Meine Tochter kann nicht alleine bleiben.

Sie machen das seit 24 Jahren. Das war bestimmt nicht immer leicht.

Nein. Wegen der frühen Geburt, hatte auch meine andere Tochter einen Entwicklungsrückstand. Sie musste besonders gefördert werden, um den aufzuholen. Außerdem war ich lange Zeit alleinstehend. Seit drei Jahren bin ich nun verheiratet. Dreieinhalb Jahre um genau zu sein.

Haben Sie viel Hilfe erfahren?

Bevor die Kinder 18 Jahre alt wurden schon. Nach der Wende hatte ich zum Beispiel immer eine Helferin. Vor der Wende natürlich nicht. Als die Kinder klein waren, konnte ich mich jederzeit auch an die Behindertenhilfe vom Jugendamt wenden. Seit Nadine erwachsen ist, wurde es weniger. Von den Behörden gab es kaum noch Unterstützung.

Haben Sie sich auch deshalb an "Berliner helfen e.V." gewandt?

Nein. Das war als wir mit Nadine zur Delphin-Therapie wollten. Bei zwei Therapien konnten uns die Leser der Morgenpost unterstützen. Es ist nicht gerade einfach, für Nadine Hilfe zu bekommen, weil sie ja schon so groß ist. Die Menschen sind eher bereit, Kindern zu helfen.

Wie fühlten Sie sich, als die Menschen doch geholfen haben?

Dankbar natürlich. Aber eigentlich wollte ich nicht so im Vordergrund stehen, weil es sich auch ein bisschen für mich anfühlte wie betteln. Trotzdem bin ich froh darüber, weil die Therapien meiner Tochter sehr geholfen haben.

Wie äußerte sich das?

Bei der ersten Therapie hat Nadine sprechen gelernt. Sie war 18 damals. Jetzt spricht sie Drei-, Vierwortsätze. Früher konnte sie immer nur ein Wort sagen. Sie äußert inzwischen auch ihre Bedürfnisse, wenn ihr etwas nicht passt oder sie etwas haben möchte, kann sie das ausdrücken.

Das ist ja wundervoll.

Auf jeden Fall. Manche Menschen sagen, es sei schade, dass Nadine nicht laufen kann, aber Kommunikation ist noch viel wichtiger. Mit meiner Tochter sprechen zu können, ist wirklich fantastisch für mich. Ganz neu ist, dass sie sich von sich aus äußert. Vorher musste man sie etwas fragen, damit sie es sagt. Darauf bauen wir jetzt.

Und was wollen Sie erreichen?

Mir ist ganz wichtig, dass Nadine sich auch Fremden gegenüber äußern kann. Irgendwann bin ich ja vielleicht nicht mehr oder kann sie nicht mehr betreuen, dann soll sie sagen können, was sie möchte, wie es ihr geht. Das wäre ganz wichtig für mich, sonst könnte ich meine Tochter niemals loslassen.

Sie ist ihre Lebensaufgabe geworden, oder?

Das kann man so sagen. Seit vier Jahren ungefähr nehme ich aber Pflegekinder aus Krisensituationen bei mir auf.

Warum?

Ich habe zu Ostzeiten Sozialpädagogik studiert, konnte den Beruf aber wegen meiner Tochter nicht lange ausüben. Seit Nadine in die Behinderteneinrichtung geht, habe ich aber mehr Zeit. Mich stellt zwar niemand mehr ein, weil mir Weiterbildungen fehlen, aber ich bin kein Mensch, der den ganzen Tag zuhause rumsitzen kann. Ich kann gut mit Kindern umgehen, es macht mir Spaß. Ich mag Kinder. Ich hatte sechs in den vier Jahren.

Was sind das für Kinder, die sie in Pflege nehmen?

Meistens Babys. So nahm ich zum Beispiel einen krebskranken Jungen von neun Monaten auf, der von seinen Eltern verlassen worden war. Wir haben viermal in der Woche die Chemotherapien in der Charité gemacht, ein Jahr lang. Jetzt ist er aber über den Berg.

Lebt er noch bei Ihnen?

Nein, er lebt inzwischen bei seiner Dauer-Pflegefamilie. Wir haben aber noch Kontakt zu ihm. Lange habe ich überlegt, ob ich ihn behalten soll, aber mit meiner Tochter wäre das zuviel gewesen. Das musste ich auch erst einsehen. Ich hänge sehr an dem Jungen. Er wird nächstes Jahr drei Jahre alt.

Wie feiern Sie Weihnachten?

In der Familie. Mit Braten, mit Gans und allem, was dazu gehört.

Was wünschen Sie sich?

Eigentlich habe ich keine Wünsche. Oder doch Eines: Dass die erwachsenen Behinderten mehr Hilfe von den Behörden bekommen. Dass man nicht immer kämpfen muss.