M, 38, ledig, mit Schloss, sucht Gräfin

Berliner llustrirte Zeitung:

Graf Reventlow, Sie sind jung, tragen einen schönen Anzug, einen schönen Namen. Sie haben Pferde, ein Schloss, Ländereien - nur keine Gräfin. Warum?

Moritz Graf zu Reventlow:

Nun, die erste Runde, die um die 30 geheiratet hat, habe ich irgendwie verpasst. Meine damalige Freundin ging nach München zum Studieren, die Sache lief auseinander. Seit drei Jahren lebe ich nun allein und erleide die permanente Fragerei: Sag mal, Moritz, warum bist du eigentlich nicht verheiratet? Ich hoffe auf die zweite Runde.

Sind Sie ein Prinz auf der Erbse?

Ich bin Landwirt und Kaufmann, aber kein Ur-Konservativer, nur traditionell. Wo ich lebe, ist nicht Stadt, und so mancher Stadtmensch hat schon Angst, nur allein da draußen bei mir zu schlafen. Die erste Frage, die mir viele Frauen stellen, ist immer, ob ich Tiere und Pferde habe. Aber so einfach ist es nicht: So ein Gut ist groß, man muss es ausfüllen können und eine Persönlichkeit sein, um in einer so eingeschworenen Gemeinde akzeptiert zu sein. Wir Landmenschen leben zwar mit viel Platz, hocken aber eng zusammen. Ich wohne und arbeite auf dem Hof, laufe da also den ganzen Tag zuhause herum. Das muss eine Frau erst Mal ertragen können. Man muss sich mit den auf dem Gut lebenden Schwiegereltern verstehen, den Geschwistern, und an den Wochenenden kommen gern mal 40 Personen zum Abendessen. Ich sag mal: Du kriegst die Frau ins Schloss, aber das Schloss nicht in die Frau. Das Gefühl muss sie mitbringen.

Früher fand man sich in Ihren Kreisen auf Hochzeiten oder suchte die Gothaseiten nach höheren Töchtern ab und lud sich dann zum Tee ein. Zeigt sich die Geburtenkrise jetzt etwa auch beim Adel?

Ich lebe ein sehr angenehmes Singleleben, mir geht es nicht schlecht dabei. Angebote gibt es sicher genug. Nur bitte keine Perlenkette im Faltenrock, das wäre der Albtraum! Ich will keine spießige Elbschleiche, so eine biedere Kunststudentin, ausgeschlossen. Sie soll witzig sein, irgendwo zwischen 25 und 40. Die kann auch schon mal verheiratet gewesen sein, mit Kind. Nur zu burschikos oder leger, das ist anstrengend, das kriegst du auch nicht raus. Ich meine, mit Messer und Gabel essen, das kann man lernen. Sie kann auch aussehen wie Cora Schumacher, in pink mit Glitzer - kein Problem. Das fände ich amüsant, so eine Verona Feldbusch oder so. Eine Frau soll ja schließlich auch ein bisschen Spaß in die Stube bringen.

Und darum gehen Sie jetzt auf blaublütige Brautschau ins bürgerliche Fernsehen. Ist das nicht peinlich?

Gegen bürgerlich habe ich nichts, meine Frau muss ja auch nicht adelig sein. Der Typ muss stimmen. Und ganz ehrlich, wer will nicht mal Prinzessin sein? Die Idee für "Gräfin gesucht" kam überhaupt von meinen Nichten, die lieben diese Doku-Soaps und sagen immer: "Onkel Moritz, da musst du auch mal mitmachen". Letztes Jahr habe ich mich dann mit einer Produktionsfirma getroffen, über die Inhalte gesprochen. Nun ermöglichen wir einigen Mädchen wirklich mal, für eine Woche in unsere Welt zu tauchen und zu gucken, wie leben diese Herren eigentlich.

Und was entdeckt man da?

Man wacht wunderschön auf, ringsherum Park, Tiere. Morgens um sechs schreit der Pfau - und man wird überrascht sein, wie laut das ist! Die Mahlzeiten werden serviert. Man kann reiten, Kutsche fahren, Picknicken im Grünen, Ausflüge im Cabriolet machen, segeln. Daran ist nichts Boulevard, wir zeigen einen Traum...

...und kassieren märchenhafte Zehntausende von Euro.

Es gibt natürlich eine Aufwandsentschädigung. Aber über Geld spricht man nicht.

Man hat es in Ihrem Fall - und für das Volk gibt es Brot und Spiele.

Das Ganze ist sicher auch Spaß. Andererseits freut es uns vier Junggesellen, die wir da mitmachen, der Öffentlichkeit auch mal ein sehr privates Stück Kultur näher bringen zu können. Das ist uns wichtig: mal zu zeigen, dass der Adel eben nicht, wie viele denken, nur von goldenen Tellern isst, sondern heutzutage hart anpacken muss. Wer die Hände in den Schoß legt, hat verloren.

Sind Sie gar nicht so reich, wie sie sich darstellen?

Uns geht es sicher gut. Aber das Vermögen ist kein von mir erarbeitetes, sondern ein geerbtes, und daher auch nicht zum auf den Kopf hauen da, sondern um es der nächsten Generation zu vererben. Meine Zukünftige kann nicht zehn Hermés-Taschen bestellen und glauben, ich könnte das bezahlen oder mal schnell für 20 000 Euro Juwelen kaufen und die Sonntagmorgen, weil Valentinstag ist, verschenken. Andererseits, so ein Haus wie unseres ist gut ausgestattet: Vom großen Tischservice bis zum Silberbesteck ist alles da.

Ihre Frau kann also mit einer Niveadose einziehen.

Och, wenn man bisschen was mitbringt, ist das auch schön. Nur verschwenderisch fände ich furchtbar und überhaupt: Meine Frau sollte einen Job haben, Geld verdienen, selbstständig sein. Ich bin auch für getrennte Konten und ein Ehevertrag muss auch her.

Sie klingen schon wie Heidi Klum.

Bloß, dass das Landleben kein Catwalk ist, auch wenn man den ganzen Tag rennt, und es sind lange Wege, durchs Haus, über den Hof. Unser Leben spielt sich nicht nur im Salon ab, wo man einfach in die Hände klatscht und alles passiert. Ich putze meine Schuhe selber, räum mein Ankleidezimmer auf. Im Grunde kann man von morgens bis abends arbeiten, im Garten werken, reparieren. So viel Personal, wie man bräuchte, um so einen Besitz im perfekten Zustand zu halten, kann man heute gar nicht mehr bezahlen. Es ist nicht leicht, so ein Schloss instand zu halten. Wir erhalten lebende Museen, Kulturgut. Darum, mit meinem Fernsehauftritt verfolge ich schon auch einen Marketingaspekt: Im September plane ich ein Ochsenfest, öffne einmal den Hof. Ich hoffe natürlich auf viele Besucher, jetzt, wo man im Fernsehen ist. Wir brauchen Publizität.

Selbstdarstellung ist nichts typisch Norddeutsches...

Faul auf der Chaiselongue liegen aber auch nicht und ich gebe ja auch nicht den großen Salonlöwen ab, sondern einen normal arbeitenden Menschen. Wer glaubt, bei mir läuft man den ganzen Tag im Chanel-Kostüm herum, der irrt. Man muss auch in die Gummistiefel, Pferde füttern und so. Und morgens kann es sein, dass das Wasser nicht warm wird oder wenn's regnet, dann lauf ich auf den Dachboden und stopfe irgendwelche Löcher oder geh mit dem Pinsel los und kaschiere Risse in den alten Wänden. In jeder Penthousewohnung wohnt es sich einfacher. Man ist sein eigener Hausmeister. Als Selbstdarsteller kommt man da nicht weit. Im Gegenteil, man muss sich arrangieren, beim Roten Kreuz sein, muss sich mit den Frauen im Dorf verstehen, mit den Mitarbeitern, muss zum Feuerwehrball. Wie so einige unserer Vorfahren kann man heute nicht mehr leben, mit Chauffeur, Jäger, Diener, Kindermädchen und sich nur zu Gesellschaften oder zur Jagd bewegen.

Aber wäre es nicht schöner, wenn es noch so wäre?

Ach was, wir sind moderne Menschen und keine aus dem vorherigen Jahrhundert. Meine Mutter war zum Beispiel auch bürgerlich. Ein Skandal, damals vor 45 Jahren! Die Familie hat über Jahrzehnte nicht mit ihr geredet, mein Vater wurde enterbt, was zwar nach 30 Jahren wieder rückgängig gemacht wurde, aber immerhin. Heute werden selbst in Königshäusern Journalistinnen geheiratet und Mette-Marit kommt ja nun noch ganz woanders wieder her. Aber früher ist man auch kaum dazu gekommen, andere Kreise kennen zu lernen. Haakon hat in Amerika studiert, man mischt sich viel mehr. 99 Prozent meiner Freunde kommen auch nicht mehr vom Gutshof. Nur in Hamburg ist es noch spießig streng: Wo wohnst du, auf welcher Schule warst du, was macht dein Vater, so geht es doch. Und warst du Alsterpirat? Nein, war ich nicht. Oh Gott! Aber so kommt man doch heute zu nichts mehr. Adel ist kein Privileg mehr, rechtlich ist es ein Teil unseres Namens. Die, die noch einen Besitz haben, genießen natürlich ein anderes Standing, aber viele wohnen doch längst in Städten auf der Etage und verkaufen Schuhe oder so.

Das Leben ist hart.

Wie für jeden. Ich finde das ja toll: Frauen sind wirtschaftlich unabhängiger. Früher haben sie ein bisschen Kunst studiert oder Hauswirtschaftsschulen besucht, heute haben fast alle ein vernünftiges Studium, sitzen in Anwaltsfirmen und Banken. Kaum eine will mehr nur Frau soundso sein. Bloß - wo der Individualismus wächst, sinkt die Kompromissbereitschaft. Wirtschaftliche Zwänge, die einer Partnerschaft höhere Disziplin abverlangt haben, entfallen. Es gibt heute viel mehr Konfliktpotenzial - wer steckt zurück? Wer kümmert sich um was? Das war früher klarer festgelegt und wenn's trotzdem krachte - Scheidung war verpönt. Dann lebte man halt etwas großzügiger im gleichen Haus, jeder hatte seinen Liebhaber oder seine Mätresse. Das gibt es doch in unseren Familien schon seit Hunderten von Jahren.

Wie waren überhaupt die Bewerbungsfotos?

Alle anständig, sehr süß mit Briefchen, keine Bikini-Fotos, eher so mit Plastikdiadem im Haar...

Letzte Woche war das erste Kennenlernen: Acht Mädchen haben sich bei Ihnen vorgestellt.

Und mein Eindruck war äußerst positiv, die Mädchen alle hochattraktiv, zwischen 24 und 38, aus Lübeck, München, Essen: eine Ärztin, eine Volkswirtin, Psychologin, Notargehilfin, Sozialwissenschaftlerin. Das Treffen war in Schloss Ahrensburg. Ich saß im Sofa und die durften mir erzählen. Eine oder zwei aus der Gruppe dürfen dann eine Woche bei mir Probewohnen - und entweder man versteht sich oder nicht. Es gibt kein festes Drehbuch, aber man wird sicher mal Kutsche fahren, am Kamin sitzen, die Parkettsicherheit und Gastgebertauglichkeit testen, ob sie Blumen, ein Placement arrangieren kann. Nur Bett- und Badezimmerszenen, die gibt's bei uns nicht. Alles in allem keine einfache Rolle für uns alle, aber ich glaube ja, wenn man mal zusammen geschwitzt hat, das schweißt zusammen und hält dann auch länger.

Was sagen die lieben Verwandten eigentlich dazu? Einige Ihrer Mitstreiter stehen kurz vor der Enterbung....

Ach was, die da rummosern haben alle keinen Sinn für Humor. Meine Familie ist ja seit einem Jahr mit dem Thema vertraut und daher entspannt. Trotzdem wird die Sendung in unseren Kreisen natürlich kontrovers diskutiert. Manche halten uns für völlig verrückt, andere sehen es als Joke. Ich finde, wer die Idee hat, der muss da auch mitmachen. Alles andere wäre feige. Und ohne mich wäre der Sender gar nicht in all die Häuser gekommen. Aber in einem Jahr redet eh kein Mensch mehr drüber.

Das Gespräch führte Dagmar von Taube

"Gräfin gesucht" läuft im August auf Sat.1