Geschichte

Torten aller Sorten

Der Kaffeeklatsch war zur Zeit seiner Erfindung eine Notlösung - dafür hat sich der Brauch aber ganz schön lange gehalten. Auch im 21. Jahrhundert nippen die Frauen noch selig lächelnd am Kaffee, allerdings unter veränderten Bedingungen.

Den Männern bleibt nur ihr langweiliger Stammtisch und diese ewige Angst: Was, um Gottes Willen, besprechen die Frauen beim Kaffeeklatsch? Und warum dauert das alles so lange?

Genaues können wir natürlich nicht verraten, das nähme der ganzen Angelegenheit ihren Zauber. Aber natürlich sind die Männer schuld, wer sonst. Hätten sie den Frauen einst nicht verboten, Kaffeehäuser zu betreten, dann wäre der Kaffeeklatsch im trauten Heim vielleicht gar nicht erst entstanden. Zur Strafe sind Männer seitdem von diesem Frauenbrauch ausgeschlossen. Früher mussten Frauen draußenbleiben, jetzt die Männer. Auch wenn Frauen mittlerweile ins Kaffeehaus dürfen, zu Hause, da sind wir uns einig, ist's halt doch am schönsten. Home, sweet home. Ist im trauten Heim Kaffeeklatsch mit Freundinnen angesagt, suchen Männer meist das Weite. Unaufgefordert. Allerdings nicht ohne ein wenig Unsicherheit zu hinterlassen. Denn zum einen wissen sie natürlich, dass sie für die nächsten vier Stunden unerwünscht sind (zum Trost dürfen sie aber anschließend den übrig gebliebenen Kuchen aufessen) und dann ist da noch das Risiko, dass sie keine Ahnung haben, worüber geredet wird. Am Ende gar über sie und ihre Schwächen? Über den letzten Blechschaden beim Einparken? Die peinliche Panne beim Regal-Zusammenbauen? Die Socken, die immer so plötzlich und unberechenbar von den Füßen fallen? Genau!

Nach der Sommer-Grillsaison kommt jetzt wieder das traute Zusammensein mit den Lieblingsfreundinnen auf dem Sofa. Beim Kaffeeklatsch diskutieren Frauen, ähnlich wie Männer beim Stammtisch, die wichtigsten Themen der Welt: Männer, Schuhe, Figurproblemchen, Job- und Haushaltsfragen, Hundehaltung, Katzenfutter, Wirtschaftskrisen, Kinofilme, Blumentipps, Rocklängen, Autokauf, Urlaubspläne, Heimwerkerprobleme und gute Bücher. Dieses zum Beispiel: Endlich gibt es ein Fachwerk zum Thema! In "Kaffeeklatsch - Die Stunde der Frauen" (Verlag Elisabeth Sandmann, 144 Seiten, 19,95 Euro) begibt sich die Autorin Katja Mutschelknaus auf die Suche nach dem Ursprung, der Entwicklung und den Folgen des soziologischen Zauberwortes. Ein bisschen kitschig ist das Buch mit all seinen Gemälden, gemalten Petit Fours und Tässchen schon, aber andererseits: So ist er eben, der Kaffeeklatsch. Der Brauch ist eine Liebeserklärung an eine heile Welt, die man oft vergeblich sucht. Aber für ein paar Stunden lassen sich Ärger und Frust vergessen. Und wenn nicht: Ein Stückchen Kuchen hilft immer.

Schon der erste Satz ist rührend: "Dieses Buch erzählt von einer Zeit, als Frauen sich ihr schönstes Kleid anzogen - um mit Freundinnen oder Nachbarinnen Cremetörtchen und Napfkuchen zu essen." Das klingt romantisch. Haben wir heute eigentlich noch ein "schönstes" Kleid? Man hat so viel, man besitzt Schränke voller Kleidung, lebt im Überfluss, hat viele schöne Kleider und nicht ein einziges, besonderes, mit dem man Besuche macht. Schade, dass man damals nicht im schönsten Kleid dabei sein konnte, aber andererseits offeriert auch die Emanzipation dem (Frauen-)Leben gute Seiten. Und so sitzen wir eben in den Büros herum, jetten durch die Welt und haben leider nur noch selten Gelegenheit, Napfkuchen zu backen oder rosarote Petit Fours herzustellen, immer in der Hoffnung, dass die Konkurrenz in Form der Kränzchen-Kolleginnen nächste Woche nicht noch schönere, himmelblaue oder gar zartgelbe Petit Fours servieren wird. Denn lange Zeit war das wöchentliche Treffen auch eine Leistungsschau der Hausfrauen: Einmal die Woche begab man sich in das Wettrennen um den besten Kaffee, die schönste Tischdecke und den besten Kuchen. Und das schönste Wohnzimmer, die größte Wohnung, das imposanteste Haus. Lange gab es unterschiedliche Formen des Kaffeeklatsches, den ganz kleinen für enge Freunde, die etwas größere "kleine Kaffeegesellschaft", gefolgt von der "großen Kaffeegesellschaft." Kurz nur war das Vergnügen der "Kaffeevisite", die stets am Vormittag stattfand. Und in den Salons des Landes trat man sich zum Jour fixe, Kaffee und Kuchen inbegriffen.

Lange Zeit war Frauen der Besuch eines Kaffeehauses verwehrt. Heute ist das undenkbar, aber die Männer brachten es tatsächlich übers Herz, den Kaffee allein zu trinken und die Zeitungen aus aller Welt allein zu lesen. In Paris beispielsweise ließen sich die Damen der Gesellschaft (andere Frauen hatten zum Kaffeetrinken weder Zeit noch Geld) vor die Tür des Café Procope, dem, so schreibt Katja Mutschelknaus, ersten richtigen Kaffeehaus Europas, fahren. Sie mussten draußen bleiben, schickten ihre Diener hinein, die brachten ein Schälchen Kaffee. Entwürdigend. Eine merkwürdige Zeremonie. Frauen waren unerwünscht - bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts!

Der Platz der Frau war zu Hause, im trauten Heim, da konnten die Männer schließlich sicher sein, dass ihre Liebste keine Dummheiten plante, während sie natürlich selbstverständlich alle Kaffee- und Wirtshäuser der Stadt aufsuchen durften. Im Kaffeehaus allerdings waren weibliche Wesen nur als Serviermädchen und Kassiererinnen geduldet. Dann aber sollten sie bitteschön gut aussehen: "Die Dame hinter der Theke muss hübsch sein", forderte der Pariser Journalist Edmund Texier im Jahr 1852. Richtig seriös allerdings war eine solche Arbeit nicht, Serviermädchen gehörte damals nicht zu den Traumberufen.

Und die "brave" Frau arbeitete sowieso nicht, sie blieb ergeben zu Hause und wenn sie Glück hatte, war sie gut verheiratet und hatte eine Perle, die für Kuchen und Kaffee zuständig war und beides elegant im hübschen Wohnzimmer servierte. "Die Befreiung der Frau aus ihrem Winkel ist die größte Leistung der Aufklärung, der Toleranz und des Kaffees", schrieb der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Christoph Bernoulli im Jahr 1850.

Zum ersten Mal wissenschaftlich erwähnt wurde der Kaffeeklatsch im Jahr 1715, das "Frauenzimmer-Lexicon" schrieb damals: "Caffée-Cräntzgen, ist eine tägliche oder wöchentliche Zusammenkunft und Versammlung einiger vertrauter Frauenzimmer, welche nach der Reihe herum gehet, worbey sie sich mit Caffée-Trincken und L'Ombre-Spiel divertieren und ergötzen."

Der Kaffeeklatsch war und ist sozusagen die große Kür der Damen. Man zeigt was man hat und kann. Kaffeekochen nämlich und Kuchen backen! Daneben präsentiert man elegant die neue Küche, die Kinder, die Kunststücke des Hundes und den grünen Daumen.

Aber Kaffee ist nicht gleich Kaffee. So gab es in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts zum Beispiel den Begriff des "Besuchskaffees", das war der gute Mokkakaffee aus Arabien, den man nur für hohen Besuch bereit hielt, an Wochentagen begnügte man sich mit der kostengünstigeren Alltagsvariante, die oft mit Zichorie, Feigen oder Malz gestreckt war. War das Kaffeeproblem gelöst, kam und kommt die nächste Hürde: Der Kuchen! Die Torte! Man kann, dass ist seit Jahrhunderten Tradition, den lieben Freundinnen natürlich keine Allerweltsware auftischen. Wer auf sich hält, bäckt selbst. Das ist einfacher geworden, seit es Backofen, Haushaltsgeräte und Fertigbackmischungen gibt. Davor war die Angelegenheit schweißtreibend, denn vor der Erfindung des Backpulvers war das Backen äußerst mühsam, die Herstellung eines Kuchens dauerte Stunden, schon der Teig war, ohne Rührgerät, eine muskeltrainierende Angelegenheit. Als Hausfrau war man schon erschöpft bevor man den Kuchen in den Ofen schob. Und der Kaffeeklatsch-Kuchen war ohne moderne Hilfsmittel stets auch ein wagemutiges Unternehmen. Immerhin, er bot ein wenig Aufregung im langweiligen Alltag - wird der Kuchen gelingen oder nicht?

In der Geschichte des Kaffeeklatsches ist demnach das ansonsten eher unscheinbare Jahr 1891 von größter Bedeutung. In London konnte man erstmals Briefmarken an einem Automaten kaufen, der erste Spatenstich für die Transsibirische Eisenbahn wurde getan und August Oetker verkaufte das erste Päckchen "Backin". Es war eine Sternstunde in der Erlebniswelt der Hausfrauen, denn von nun an hatte jede Frau eine gerechte Chance und viele Rezepte verloren ihren Schrecken. Auch die der Kaffeeklatsch-Kuchen.

Aber bitte mit Sahne. Im 19. Jahrhundert eroberte die Schlagsahne die Frauenrunden. Leider ungesund, aber eben so gut und nicht wegzudenken von der Torte. Sogar in schlechten Zeiten mochten die deutschen Frauen nicht auf den süßen Schnee verzichten. Und Not macht erfinderisch, in Kriegskochbüchern findet sich ein Schlagsahne-Ersatzrezept aus Wasser, in dem Bohnen gekocht wurden, Mehl und Zucker. Klingt schauderhaft, ist aber in schlechten Zeiten vermutlich besser als gar nichts und ein süßer Trost.

Im Jahr 1948 riet die Kochbuchautorin Hermine Kiehnle: "Sehr gut schmeckt zum Kaffee, wenn eine Schale Schlagrahm, hübsch verziert, dazu gegeben werden kann." Hübsch verziert muss alles sein, wer auf sich hält, besitzt selbstverständliches feines Kaffeegeschirr (gibt's leider nicht bei Ikea), Damasttischdecken und Kuchenplatten, auf denen die Ware höchst verführerisch präsentiert wird. Im Buch "Die kluge Hausfrau bittet zu Tisch" aus dem Jahr 1962 findet sich folgende Anweisung: "Wir halten mit unseren Freundinnen einen kleinen Kaffeeklatsch. Wie decken wir? Mit besonderer Sorgfalt natürlich und mit viel Geschmack. Unsere schönste Decke, vielleicht eine ganz zart getönte oder eine handgestickte, mit den passenden Servietten dazu und unser feinstes Porzellan."

In den Nachkriegsjahren feierte der Kaffeeklatsch seine letzte große Blütezeit. Er war das kleine Paradies nach den vielen schrecklichen Jahren der Entbehrungen, plötzlich gab es wieder all die wunderbaren Zutaten, mühelos zu kaufen, mit denen man Kuchen und Torten backen konnte und im Supermarkt lagerte richtiger Kaffee. Und es gab Konditoren, die ständig neue Leckereien erfanden und Klassiker feilboten. Heute, so hat man oft das Gefühl, kommen 95 Prozent der Torten aus Schnellbacköfen oder der Tiefkühltruhe und wer einen guten Konditor in Laufnähe weiß, ist, wenn er in Eile ist oder immer noch nicht weiß, wie man Kuchen backt, ein glücklicher Mensch.

Irgendwann wurden die gekauften Torten und Kuchen so preiswert, dass viele Frauen nicht mehr selbst backen wollten. Viele gingen neuerdings gar zur Arbeit! - und hatten überhaupt keine Zeit mehr für aufwendige Kaffeeklatsch-Zeremonien. Vielleicht ist der Kaffeeklatsch des 21. Jahrhunderts deshalb der Besuch im Coffeeshop. Früher, ganz früher gab es einen festen Termin: Mittwoch um 15 Uhr beispielsweise, da wusste man, was man zu tun hatte. Es bedurfte keiner schriftlichen Einladung und nach der Erfindung des Telefons auch keiner Rundrufaktionen im Freundinnenkreis. Mittwoch, 15 Uhr, das war für viele der Aufruf zum schick machen und zur besten Freundin eilen, die anderen lieben Freundinnen treffen. Man polierte die Schuhe und gönnte sich vielleicht noch einen kleinen Zwischenstopp beim Friseur. Heute kann man sich per Handy kurzfristig auf einen Americano oder Latte verabreden. Nur wenige Frauen pflegen den alten Brauch des Kaffeeklatsches, aber eines Tages vielleicht, wenn wir in Rente sind, können wir ihn ja wieder aufnehmen. Dann backen wir eine Schwarzwälderkirschtorte, so schön, dass den anderen die Spucke wegbleibt. Ohne Backmischung, ganz alleine. Und wenn wir ganz viel Zeit und Mut haben, kandieren wir auch die Kirschen selbst, jawoll!

Kaffeekränzchen als Leistungsschau der Hausfrauen

Der Kaffeeklatsch von heute ist der Besuch im Coffeeshop