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Krieg im Gymnasium

| Lesedauer: 12 Minuten
Josefine Janert

Ursula Rogg unterrichtete vier Jahre lang an der Albert-Schweitzer-Oberschule in Neukölln. Über ihre Erfahrungen schrieb sie ein Buch. Eine bittere Abrechnung - gegen die sich die Schule jetzt wehrt

*In ihrer zehnten Klasse brauchte die Lehrerin zwanzig Minuten, bis die Schüler sie überhaupt zur Kenntnis nahmen. Sie stand vorn und verzweifelte, während im Klassenzimmer der Lärmpegel stieg. Schüler kamen zu spät und blieben einfach stehen. Die Mädchen küssten sich, links und rechts, die Jungs reichten sich die Hände in der Manier von Preisboxern. Die Lehrerin musste sich anstrengen, um sie zu übertönen. Als sie endlich zum Unterrichtsstoff überging, sagte einer: "Das Thema ist volle Scheißekacke. Wala, Mann, das ist überscheiße, ja." Die Lehrerin resignierte: "Die Schüler hören weder sich noch mir länger als zwei Hauptsätze lang zu."

Eine Szene aus der Rütli-Schule? Vor zweieinhalb Jahren hatten sich Lehrer dieser Hauptschule aus Berlin-Neukölln an die Schulverwaltung gewandt, weil der Unterricht aufgrund der alltäglichen Gewalt kaum noch möglich schien. Doch diese Pädagogin unterrichtete vier Jahre lang Kunst an einem Gymnasium, der Albert-Schweitzer-Oberschule, im selben Bezirk. Ursula Rogg heißt sie, ist 42 Jahre alt und Fotokünstlerin. Inzwischen ist sie versetzt worden an ein Gymnasium im Wedding. Rogg hat ihre Erlebnisse in einem Buch veröffentlicht. Es trägt den reißerischen Titel "Nord Neukölln. Frontbericht aus dem Klassenzimmer." Nord Neukölln steht für den ärmsten Teil des Problembezirks, der Gegend um den Hermannplatz. In plastischen Szenen schildert die Autorin, dass viele ihrer Schüler kaum ordentlich Deutsch sprechen würden, dass ihr Leben von Chaos, Gewalt und Vernachlässigung geprägt sei. Ihre Lehrerkollegen bezeichnet sie als "bandscheibengeplagte Misanthropen, Alkoholiker und Berufsphobiker (...) - ein physisch und psychisch kaputtes Personal."

Ebenso wie bei Rütli lernen an der Albert-Schweitzer-Oberschule viele Jugendliche aus Migrantenfamilien. 85 Prozent sind nicht deutscher Herkunft. Die meisten stammen aus der Türkei und dem arabischen Raum. Die Eltern "ernähren und betreuen ihre Kinder schlecht, vernachlässigen Notwendigkeiten, verschwenden Talente", schreibt Rogg. "In vielen Familien wird geschlagen."

Am Donnerstagmorgen wirkt die Schule jedoch nicht anders als viele andere in Berlin. Siebzehn Gymnasiasten sitzen vor Arbeitsblättern über die Geschichte Dresdens. Alle folgen dem Unterricht, nur einer kommt zu spät. Im Grundkurs Erdkunde beschäftigen sich die Zwölftklässler mit Stadtgeografie. Schulpraktikantin Jana Ulbricht hat die Stunde vorbereitet. Nun läuft die angehende Lehrerin durch den Raum, spricht hier und da mit einem Schüler. Axel Zibell, der die 17-Jährigen sonst unterrichtet, verfolgt das Geschehen von der letzten Bank aus. Ursula Roggs Buch hat er gelesen, ja. "Es ist katastrophal", sagt er. "Ich kam gut mit Rogg klar. Was sie über unsere Schule geschrieben hat, ist eine große Enttäuschung für mich."

Die Unruhestifterin wohnt mit ihrem Lebensgefährten im bürgerlichen Bezirk Pankow. An der Wand ihres Arbeitszimmers hängen Fotos von Schülern, die sie besonders mag, und Arbeiten aus früheren Jahren. Nach dem Studium der Freien Kunst in Berlin, München und London war sie als freischaffende Künstlerin tätig und stellte in Galerien aus. Die Stelle als Lehrerin nahm Ursula Rogg seinerzeit an, um als Alleinerziehende ihre Tochter und sich ernähren zu können. Erst unterrichtete sie im Plattenbaubezirk Hellersdorf, dann wurde sie nach Neukölln versetzt. Im Wedding gefällt es ihr am nun am besten - weil das Lehrerkollegium mehr zusammenhält.

Ursula Rogg sagt, sie wolle mit dem Buch auf die Zustände in Neukölln aufmerksam machen. Etwa darauf, dass die Eltern ihren Kindern "kaum konstruktive Schulbegleitung geben. Zu Hause haben die Schüler keine Ruhe und keinen Platz, um Hausaufgaben zu machen." Es werde nicht gelesen und nicht vorgelesen. Auch deshalb schafften es zu ihrer Zeit von 110 Schülern, die in der 7. Klasse starteten, nur etwa zwanzig bis zum Abitur.

Georg Krapp ist wütend. Ursula Roggs Buch gehöre verboten, "weil es die Würde des Menschen und die Persönlichkeitsrechte von Schülern und Lehrern verletzt", tobt der Schulleiter. Der massige Oberkörper steckt in einem braunen Jackett, das graue Haar reicht ihm bis auf die Schultern. Sein Alter will Krapp nicht nennen, er will sich nicht fotografieren lassen, er möchte, dass überhaupt möglichst wenig Aufhebens wegen des Buches gemacht wird. Die Autorin habe eine Abiturientin, eine Frau mit einer Sprachstörung, in ihrem Text mit vollem Namen erwähnt und in diffamierender Weise als "Stotterkind" bezeichnet, sagt er. Andere Schüler werden zwar nur mit Vornamen genannt, doch Rückschlüsse auf sie seien leicht möglich. Wenn sie sich jetzt um Ausbildungsstellen und Studienplätze bewerben, könnten sie durch Roggs Buch Nachteile erleiden, meint Krapp. Rogg habe Interna aus Dienstbesprechungen und aus privaten Gesprächen mit Jugendlichen und Kollegen preisgegeben. "Es wird lange dauern, bis sich ein Schüler auf einer Klassenkonferenz wieder frei äußert", sagt er. Im Namen der Lehrer und der Schüler hat Georg Krapp sich an die Schulverwaltung gewandt mit der Bitte, dass diese rechtliche Schritte gegen die Autorin einleitet.

Ursula Rogg ist erstaunt über die heftige Resonanz auf ihr Buch. Sie erzählt, dass sich Schüler in E-Mails an sie über die Darstellung ihrer Lebenswelt beklagten. "Aber ich habe niemanden verleumdet", beteuert sie. Sie sei auch auf keinen Fall ausländerfeindlich und betont, dass ihr die vollständige Namensnennung "leid tut: Das war ein Fehler von mir und dem Lektorat". Sie habe der Frau mit der Sprachstörung ihre Entschuldigung ausrichten lassen. Diese wolle nicht persönlich mit ihr reden. Dass die Vornamen einzelner Schüler im Text auftauchen, findet Ursula Rogg nicht dramatisch: "Die Vornamen sind doch austauschbar." Sie habe schließlich auch viele positive Eigenschaften ihrer Schüler aufgezeigt. In Erinnerung bleiben allerdings eher Passagen, in denen sie Siebtklässler charakterisiert als "schreiende Grobmotoriker, für die der Begriff 'Aufmerksamkeitsdefizit' zwar zutreffend, aber merkwürdig farblos ist." Auch während des Unterrichts würden sie pausenlos durch den Raum rennen: "Nichts als Geschrei. Geschrei. Geschrei. Mein Gott."

Das Buch ist flüssig geschrieben, enthält aber viele Druckfehler. Es ist seit drei Wochen auf dem Markt und seitdem klingelt bei Ursula Rogg häufig das Telefon. In Neukölln bei der Albert-Schweitzer-Schule seltener. Journalisten befragen lieber die Skandalautorin als die Lehrer und Schüler. Rogg ist enttäuscht, dass ihre ehemaligen Kollegen sie nicht anrufen. Sie hatte sich wohl nach der Veröffentlichung eine Aussprache erhofft. Sie findet "es symptomatisch für die Schule, dass sich niemand meldet - diese Kommunikation, sich in der Gegenwehr einzurichten." Dass auch sie ihre Kollegen vor dem Druck des Buches nicht mit dem Manuskript konfrontierte, blendet sie aus.

Bei Medien und Lesern ist das Buch vermutlich deshalb so beliebt, weil genau das drinsteht, was nach all den Reportagen und Talkrunden über Probleme an deutschen Schulen erwartet wird. Man kann sich behaglich gruseln und sich in seinen Klischees bestätigt fühlen - oder aber ernsthaft darüber nachdenken, wie die Situation zu ändern sei.

Letzteres will Ursula Rogg erreichen. Das sagt sie zumindest. Im Buch schildert sie, wie fremde Jugendliche den Englischunterricht der neunten Klasse stören, weil sie etwas mit einer Cousine bereden wollen: Das Mädchen hat denselben Heimweg wie ein Schulkamerad - ihr wird ein gemeinsamer Spaziergang unterstellt. Die schwangere Lehrerin, eine Kollegin Roggs, lässt die fremden Jugendlichen gewähren: Sie "nahm das Anliegen ernst, sie sah sich mit einem offenen Messer konfrontiert."

Georg Krapp protestiert gegen diese und andere Szenen: Es habe keine Angriffe auf Lehrer und im vergangenen Schuljahr auch keine gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Schülern gegeben. Schon seit Jahren ist an der Albert-Schweitzer-Oberschule ein Mediationsteam aus Schülern und Lehrern tätig, das von einer Psychologin ausgebildet wurde. Es soll Konflikte frühzeitig verhindern. Vor dem Schulleiter liegen Papiere und Statistiken. Er versucht mit Ursula Roggs Waffen zurückzuschlagen, hat seine Wut aufgeschrieben. In einem Brief an Eltern und Schüler wirft er der Autorin unter anderem vor, dass sie den Ruf der Schule schädige. Wegen des Buches gab es auch eine mündliche Anfrage in der Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung, die Bezirksstadtrat Wolfgang Schimmang beantwortete - natürlich zugunsten des Gymnasiums, nicht zugunsten Ursula Roggs. An der Albert-Schweitzer-Schule empfinde man "die Zusammensetzung der Schülerschaft nicht als Last, sondern als Bereicherung", sagte Schimmang.

In Georg Krapps Statistik ist nachzulesen, dass mehr Schüler das Abitur ablegen als früher. Im Sommer 2005 waren es gerade mal 14, drei Jahre später waren es 34. Mit 2,5 entspricht ihr Notendurchschnitt dem Berliner Mittel. Allerdings ist auch die Schülerzahl in den letzten drei Jahren deutlich gestiegen: von 380 auf 610. Dass der Ruf der Schule jetzt besser ist und wieder mehr Eltern ihre Kinder dorthin schicken, liegt laut Krapp auch daran, dass man im Herbst 2006 als eines der ersten Gymnasien der Stadt zum Ganztagsbetrieb übergegangen ist - von 8 bis 16 Uhr. Unterrichtet wird vormittags und nachmittags. Von 11.50 bis 13.25 Uhr belegen die Schüler in kleinen Gruppen Kurse in Deutsch, Mathe und anderen Kernfächern, spielen Softball oder nehmen andere Freizeitangebote wahr. Georg Krapp nennt den Vertiefungsunterricht auf Neudeutsch "Coaching". Schon vor anderthalb Jahren beantragte er, dass ein Sozialpädagoge kommt, bislang ohne Erfolg.

Doch Ursula Rogg fordert, dass türkisch- und arabischsprachige Sozialarbeiter an der Schule arbeiten. Sie selbst verfügt über eine umfassende Bildung. Sie wuchs im Großraum München auf und besuchte eine Klosterschule. Ihr Vater war auch Lehrer. Er leitete ein Berufsbildungszentrum, allerdings zu einer Zeit, da soziale Gegensätze in solchen Einrichtungen noch nicht so sichtbar waren wie es heute der Fall ist. Sie habe als Jugendliche nie Lehrerin werden wollen, erzählt sie, einfach, weil es so nahe lag. Vor allem auf Drängen ihrer Eltern legte sie aber die Staatsexamina ab, die fürs Unterrichten nötig sind.

Vor fünf Jahren brach Ursula Rogg nach Neukölln auf. Eine Tochter aus gutem Hause auf Tour im Problemkiez. Die Enttäuschung musste folgen. Während der letzten Monate vor ihrer Versetzung in den Wedding wagte sich Rogg nur noch mit Ohropax an ihren Arbeitsplatz, wegen des ständigen Lärms im Klassenzimmer und auf den Fluren.

Jugendliche, die sie an der Albert-Schweitzer-Schule unterrichtete, sammelten unterschiedliche Erfahrungen mit ihr. Ein Junge berichtet, dass der Kunstunterricht ihm gefiel; er schaffte sogar eine Eins. Ein Mädchen meint, dass Frau Rogg "wohl sehr sensibel" sei. Sie habe sich "oft aufgeregt" und "manchmal so gewirkt, als sei sie gar nicht da." Ihre Freundin sagt: "Man hat ihr die Angst vor den Schülern angesehen, dabei gab es doch gar keinen Grund zum Fürchten."