Google

Die Besserwisser

Zehn Jahre sind nichts. Zehnjährige Firmenjubiläen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Anlass allenfalls für ein paar kurze Worte, im Chefzimmer und dem Sekretariat nebenan. Vielleicht mit einem Glas in der Hand; zweckoptimistisch, versteht sich. Schnell ist die Zeit vergangen. Jaja. Und dann die Bemerkung, nur halb im Scherz, dass sich die Konkurrenz draußen noch umschauen werde. Wenn der Laden nur erst mal bekannter sei, wenn man erst an die Börse gehe, Haha.

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Am nächsten Wochenende feiert Google seinen zehnten Geburtstag. Und da ist alles anders.

Es fängt schon damit an, dass sich der Hinweis erübrigt, es handele sich um eine Internet-Suchmaschine. Rund um den Globus bekannt ist sie, für Milliarden Menschen nicht eine Suchmaschine sondern die Suchmaschine. Und die zehn Jahre? Eine Ewigkeit sind sie, auch die älteren Erdenbewohner können sich die Zeit vor Google heute gar nicht mehr vorstellen. Wie konnte das eigentlich gehen, damals, ohne Google? Schwere Zeiten müssen das gewesen sein.

Das ist die eine Seite. Die andere: Wer sich beim Geburtstag von Google umschaut, ist eben nicht nur die Konkurrenz. Die auch, gewiss. Alarmiert aber ist vor allem der Zeitgeist. Der Zukunftspessimismus, der Kulturpessimismus. Angst. Verflogen ist die unbeschwerte Bewunderung für die Jüngelchen Larry Page und Sergey Brin, die 1998 - beide damals kaum doppelt so alt wie Google heute - aus ihrem Garagenbetrieb bei San Francisco die neue Suchmaschine ins Internet stellten. Die das Studium schmissen und stattdessen mit ihrem Produkt das weltweite Netz regelrecht aufmischten, Zug um Zug. Die es dabei, einfach durchgestochen durch alle Krisen der New Economy, zur wertvollsten Marke der Welt machten, vor Coca Cola, vor General Electric, die beide immerhin aus dem Jahre 1892 stammen. Und die Börse? Da ist man längst, seit dem Alter von sechs Jahren schon.

Nur noch Gott steht über Google, könnte man da meinen. Doch selbst das ist nicht mehr unumstritten. Schon steht die Frage im Raum: Greift Google in die Schöpfung ein? Richard Foreman jedenfalls schrieb in seinem aufsehenerregenden Essay "Pancake People" kürzlich, was viele längst fühlen: Das menschliche Hirn wandele sich von seiner über Millionen Jahre bewährten Kugelform dieser Tage in ein flaches Etwas, eben einen Pfannkuchen: breiteste Information ohne den geringsten Tiefgang im Wissen - das sei es, was die heutigen Menschen auszeichne, die keine Bücher mehr lesen, sondern sich einfach nur noch Informationen aus den Suchmaschinen, überwiegend aus Google, zusammenklaubten, um sie anschließend gleich wieder zu vergessen.

Der tägliche, flüchtige Bedarf, "Just-in-time-Information" scheint den Bildungskanon zu ersetzen. Gedächtnis aus Synapsen und natürlichen Botenstoffen überflüssig, spätestens seit wir mit Geräten wie etwa dem Blackberry einen künstlichen, googlefähigen Erinnerungsapparat mit vielfacher Kapazität im Handy-Format haben. Ob wir uns etwas im Kopf oder der Hosentasche merken, ist schließlich gleichgültig.

Foreman ist zwar "nur" Schriftsteller, aber auch Hirnforscher und Psychologen machen sich Sorgen darüber, ob der menschliche Denkapparat im Google-Zeitalter langsam, aber sicher anders zu ticken beginnt. Noch liegen keine Langzeit-Studien vor, die uns zeigen, wie Google unsere Hirnströme evolutionär umlenkt. Doch immerhin belegt zum Beispiel eine Untersuchung des University College London eine gehörige Sprunghaftigkeit beim Studium von Internetseiten an, wenn man es mit der Lektüre in Bibliotheken mit bedrucktem Papier vergleicht. Ein fortwährendes Blättern in E-Papers beobachteten die Londoner, aus Dokumenten werden gerade Mal eine, oder zwei Seiten wahrgenommen, bevor es zum nächsten Dokument ginge. Längere Schriften aus der Trefferliste der Suchmaschinen würden zwar heruntergeladen, aber nur selten studiert. Eine regelrechte Abneigung gegen herkömmliches Bücherstudium unterstellen die Autoren der Studie ihren Probanten, denen das Internet geradezu Mittel zum Zweck sei: "Es scheint, sie gehen online, um das traditionelle Lesen umschiffen zu können."

Norman Doidge, Psychologe der New Yorker Columbia-Universität und Psychiater, vergleicht das Internet mit einem riesigen Kühlschrank, der mit Junk Food gefüllt sei, das den Netz-Surfer mental verfette, sein Gehirn umprogrammiere. Seine therapeutische Empfehlung: Informationsdiät.

Das gute alte Buch, die Bildung, die Weisheit - hat all das ausgedient? Könnte schon bald keiner mehr der British Library eine Träne nachweinen, wenn sie, wie einst der Bücherpalast in Alexandria, von Flammen verschlungen würde? Verschwindet unser Hirnschmalz hinter den Bildschirm?

Kein Zweifel, das "Googeln", das allzeit mögliche Abrufen - fast - jeder gewünschten Information aus einer Suchmaschine, ist ein kleiner Tastendruck für einen Menschen, aber ein großer kultureller Sprung für die Menschheit. Die Frage ist nur: Bringt er uns voran, oder wirft er uns zurück?

Ein Blick auf vergleichbare Sprünge aus der Kulturgeschichte und ihre zeitgenössischen Bewertungen könnten uns bei der Antwort helfen. Als die antike griechische Kultur um 400 v. Chr. immer mehr Schriften hervorbrachte, soll der große Denker Sokrates - so steht es jedenfalls bei seinem Schüler Plato - große Bedenken gehabt haben. Die Menschen würden sich zu sehr auf das geschriebene Wort verlassen, auf die Weisheit außerhalb ihres Hirns, "sie hören auf, ihr Gedächtnis zu trainieren und werden vergesslich", soll der bärtige Philosoph gewarnt haben. Und: Man könnte die Leser "für wissend halten, dabei werden sie zum großen Teil ignorant". So Unrecht hatte der große Denker nicht mal. Aber wer wollte behaupten, dies sei die ganze Wahrheit über Bücher?

Was wären wohl Sokrates' Worte gewesen, hätte er noch die Gutenbergsche Druckerpresse 1850 Jahre später erleben müssen? Auch diese erste Vorstufe zum Massenmedium rief in der frühen Neuzeit Kulturpessimisten auf den Plan wie den italienischen Humanisten Hieronimo Squarciafico, der wegen des vervielfältigten Buches die große intellektuelle Faulheit an die Wand malte, den Niedergang des Studiums, die Schwächung des menschlichen Hirns.

Fast alle bedeutenden Erfindungen waren von ähnlichen Unkenrufen begleitet. Ob die mechanische Uhr uns die Herrschaft über die Zeit nahm, das Fließband uns aller handwerklicher Fähigkeiten beraubte, der Computer uns versklavte, der Fernseher verblödete - stets waren über die letzten Jahrtausende kulturkritische bis -pessimistische Zeitgenossen zur Stelle.

Bisweilen wurde auch bei solchen Zeiterscheinungen der Niedergang prophezeit, die selbst bald das Zeitliche segnen. Als vor zwei Jahren die virtuelle Welt "Second Life" im Netz geschaffen wurde, in der alles möglich war, von Partnerschaften über Geschäfte bis zu Reisen, Mord und Totschlag, alles ganz real nur eben zweidimensional, da meinten nicht wenige schon, die reale Welt sei tot, es lebe die virtuelle. Heute ist Second Life in der Öffentlichkeit vergessen, ein Fall für die Rubrik "Was macht eigentlich...?"

Fast immer hatten die Kritiker ein wenig auch Recht. Und doch waren die Einwürfe regelmäßig nur die halbe Wahrheit über die Dialektik des Fortschritts, den letztlich alle nutzten, seine Lästerer meist am exzessivsten. Ob Sokrates jeden Blick in ein gedrucktes Buch vermieden, ob er nie gegoogelt hätte?

Marvin Minsky vom Massachussets-Institut für Technologie (MIT), Computer-Wissenschaftler und Experte für künstliche Intelligenz, kann die Aufregung über die grenzenlose Informationsfülle aus dem Netz nicht verstehen. "Wer vor fünfzig Jahren in eine der großen Bibliotheken ging, ist auch erschlagen worden von der Unzahl von Büchern darin." Gerade den Zugang zu ihnen erleichtere das Internet ungemein. Früher, so Minsky, habe man Stunden gebraucht, um das richtige Buch - ganz abgesehen von der gesuchten Stelle - zu finden, heute geben die Suchmaschinen in Sekundenschnelle den richtigen Tipp.

Allerdings zählen jene Vorwürfe, dass Google und andere Suchmaschinen unser Lernen änderten, unser Wissen, unser Hirn, von Google, bei allen Horrorszenarien noch zu den harmloseren. Schwerer wiegen da schon die Klagen, der Konzern aus Mountain View im kalifornischen Silicon Valley, der auf allen Kontinenten, in allen Ländern agiert, entwickele sich zu einer Art globalem "Big Brother". Zu einem Kraken, die mit ihren mehrere hundert Millionen Tentakeln in die Haushalte der Welt persönliche Informationen über jeden einzelnen Erdenbürger einzuholen trachtet. Und in der Tat: Wer meint, die abgefragten Informationen liefen aus der Suchmaschine in den Heim-Computer auf einer Art Einbahnstraße, der irrt.

Für jeden Internet-Surfer, der schon einmal "Google" angeklickt hat, existiert in den Rechenzentren des Google-Industriellen Komplexes ein "Cookie", der jede Suchanfrage aufmerksam zur Kenntnis nimmt, speichert und der auf eine Lebensdauer von 30 Jahren angelegt ist. Kenntnisse über Vorlieben werden da abgeleitet, bevorzugte Reiseziele, favorisierte Handelsware, besondere Interessensgebiete - alles nach der Devise: "Sage mir, was du suchst, und ich sage dir, wer du bist." Google kennt dich, besser als du denkst.

Persönliche Daten gibt dabei nicht nur derjenige gegenüber Google preis, der die Suchmaschine selbst nutzt. Gerald Reischl, der im Frühjahr das Buch "Die Google-Falle" veröffentlichte, geht davon aus, dass 83 Prozent der 300 000 weltweit bedeutendsten Internetseiten direkt mit Google verbunden sind. Dies funktioniert zum einen durch Firmenaufkäufe, für die Google über eine unerschöpfliche Kriegskasse verfügt. Eine der letzten Akquisen: "DoubleClick", ein Unternehmen, mit dem praktisch jeder Surfer immer wieder in Verbindung tritt. Es stellt für dritte Werbung ins Netz und checkt, in welcher Weise Internet-Nutzer auf diese Werbung reagieren. "Wenn Sie Spiegel Online anklicken, verbinden sich einige Server automatisch mit Google-Servern", sagt Reischl. Dabei ist der Weg über Double-Click nur einer von vielen, die den Web-Nutzer in die Fänge des Suchmaschinen-Betreibers treiben. Das Unternehmen beherrscht mit einem Marktanteil von 80 Prozent selbst den Werbemarkt in Internet. Und wer etwa bei YouTube einen Film ansieht, wird bei Google mit seinen cineastischen Vorlieben gespeichert. Weder über das Ausmaß seiner Daten-Sammlung noch über die genauen Routen will Google Auskunft geben. Doch um ein Vieltausendfaches mehr als im alten Rom gilt heute: Alle Wege führen zu Google, zum dicksten Knoten des digitalen Zeitalters. Darüber müssen sich alle Web-Nutzer im Klaren sein.

Google selbst stellt dies nicht mal in Frage, ganz im Gegenteil. Man macht geltend, dass durch seine bessere Menschenkenntnis auch das Suchergebnis bei jeder Anfrage nach Schlüsselwörtern optimiert werden könne, natürlich auch die jeweiligen Werbebuttons am Seitenrand oder Anzeigen-Websites, die bei dem Besuch von Google stets unverhofft aufscheinen.

Zu denken geben können dem Leser allerdings die Offenbarungen, die Google-Geschäftsführer Eric Schmidt vergangenes Jahr in einem Zeitungs-Interview zum Besten gab. Man wolle noch viel mehr persönliche Daten sammeln, sagte er. Google setzt sich zum Ziel, jedem Internet-Besucher bei den persönlichsten Fragen behilflich sein zu können: "Womit soll ich mich jetzt beschäftigen?", "Welchen Job soll ich machen", bei all dem will Schmidt mit seinem Wissen über jeden Erdenbürger Rat und Tat verteilen, ganz persönlich zugeschnitten. Partnerschaft, Autokauf, warum nicht auch die geeignete Partei bei der Wahl? Verhaltenstipps in ethischen Fragen? Soll ich mich scheiden lassen? Google kennt mich, Google berät mich, mein bester Freund und Helfer, natürlich stets auch mit den richtigen Tipps per Online-Anzeigen. Das Unternehmen hat dazu seine eigene Formel: Die Nutzung seiner Dienste, der Suchmaschine, von Google Maps und allem anderen sei kostenlos - aber eben nicht umsonst.

Das Internet-Portal Google Watch registriert und kritisiert all dies, Bücher wie "Die Google-Falle" und das datenschutzsensible deutsche Herz echauffieren sich nach Kräften. Nicht ohne Bigotterie. Ist doch der Durchschnittsbesucher im Netz hierzulande nur allzu gern bereit, bei Online-Kauf, Online-Miete oder Onlinebanking freiwillig alles Mögliche von sich preiszugeben, bis hin zu den sensiblen Bank-Daten. Wären bei der YouTube-Nutzung geringe Gebühren fällig, hätte kaum jemand etwas dagegen, Name, Kreditkarte, Alter und anderes mehr anzugeben. Doch wenn bei kostenlosem Gebrauch der Nutzer registriert wird, ist das Klagen groß. Und wenn Sergey Brin darüber nachdenkt, dass es "vielleicht irgendwann möglich sein wird, eine kleine Version von Google direkt ans Gehirn anzuschließen", ist das für viele der letzte Tabubruch. Jeder Neunte Bundesbürger aber, so ergab allerdings kürzlich eine Umfrage des Online-Dienstes I-Business, wäre sogar glücklich über ein kleines Modem in seinem Hirn.

In Amerika, wo staatlicherseits noch ganz andere Ambitionen herrschen, wo im Verteidigungsministerium Projekte wie "Total Information Awareness" oder "LifeLog" erdacht werden, mit dem eines fernen Tages jede, wirklich jede physische Bewegung eines Menschen, jede Transaktion erfasst und gespeichert werden sollte, sind die Vorbehalte gegenüber solcher Daten-Sammlung leiser. Dennoch löste auch dort einer der letzten Coups von Google vereinzelt Stirnrunzeln aus. Man stieg ein beim Biotech-Unternehmen "23andme". Dessen Geschäftszweck: Gegen die Einsendung von 1000 Dollar und einer persönlichen Genprobe erhält der Kunde eine DNA-Analyse, eine Übersicht seines Erbgutes. Mitgeliefert werden Expertisen, die zu dem gewonnenen Gen-Profil passen. Anlagen für Krankheiten, Stränge von Vorfahren, womöglich Verwandtschaften in Völker anderer Erdteile, Charaktereigenschaften. 3,9 Millionen war Google der Schritt wert - ein weiterer auf dem Weg zum Ziel: Google kennt dich. Besser als du denkst.

Erst zehn Jahre alt, und schon nahezu allwissend.

Nur noch Gott steht über Google

Google kennt dich. Besser als du denkst