Tiere

Fishermen's Friend

| Lesedauer: 10 Minuten
Sören Kittel

Dingle ist ein schöner Ort für Wunder. Es hat dieses Verwunschene, Kleine. Es gibt einen "Turm ohne Eingang", der aussieht, als käme er gerade aus einem Schachspiel und bunte, zweistöckige Häuser, die sich aneinander schmiegen, um der See, dem Wind, dem ständigen Regen zu trotzen. Es gibt viele solche Orte in der irischen Provinz Kerry, und auch Dingle wäre nichts Besonderes, aber es ist doch etwas Besonderes, dieses Dingle, und man merkt das früh um acht am Hafen, wenn die Fischerboote noch angetäut sind, träge schaukeln bei ziemlich glatter See.

Heute sind es zwölf Leute, die rausfahren wollen, um dieses Wunder von Dingle zu erleben. Sie tragen Schwimmanzüge und stehen am weißen Pier. Eine von ihnen ist Kathryn, die auf ihren Lippen kaut und irgendwohin schaut, man weiß nicht genau. Ihre Mutter Megan sagt, dass sie eigentlich lieber Hunde mag. "Vor allem französische Pudel", sagt Kathryn da - und sie lächelt ganz kurz nur, weil es ihr wirklich schwerfällt.

"Sie kann besser mit Tieren", sagt Megan. Das sei schon immer so gewesen. "Kennen Sie den Film 'Rainman' - so ist meine Tochter: autistisch." Fungie soll ihr helfen. Fungie hat doch schon so vielen Leuten vor ihr geholfen. Kathryn schaut in den Himmel, wo die Möwen kreisen, die größer und lauter sind als anderswo.

Fungie kam vor 25 Jahren nach Dingle. Jimmy Flannery war einer der ersten, die ihn gesehen haben. Das war im Winter 83. Er hatte einen guten Fang gemacht und war nichts ahnend auf seinem Weg zurück in den Hafen, als er die Rückenflosse bemerkte. Fungie schwamm immer neben dem Boot her, sagt Jimmy, und "manchmal sprang er sogar aus dem Wasser", fügt er hinzu. Jimmy freute sich, es war der würdige Abschluss eines würdigen Tages auf dem Meer vor Dingle, doch er dachte auch, dass er Fungie sicher nicht wieder sehen würde, dass Fungie bald wieder wegschwimmen würde. Doch der "Fishermen's Friend", wie er damals noch hieß, blieb. Und weil einer der Fischer einen Drei-Tage-Bart hatte, der einem Pilzbewuchs ähnelte, kam irgendwann der Name "Fungie" auf - und blieb an dem Delfin haften.

Eines Tages kam ein US-Amerikaner zu Jimmy Flannery und wollte den Delfin sehen, von dem alle im Ort schon viele Geschichten erzählten. Der Fischerei ging es damals schon nicht mehr gut und so willigte Jimmy ein. Heute ist das Tier in Irland so bekannt wie in Deutschland Knut, der Eisbär aus dem Zoo. Doch Fungie ist ein wildes Tier, das sich freiwillig dafür entschieden hat, mit den Menschen zu leben, solange, dass er jetzt mit einem Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde belohnt wird.

Und mit einer Bronze-Statue am Hafen, die auch noch zu sehen ist, wenn man schon längst die erste grüne Boje passiert hat - der Dieselmotor tuckert und das Boot plätschert einfach so hinein. In Fungies Reich.

Kathryn rutscht ungeduldig auf ihrem Platz hin und her. Megan erzählt, dass sie seit 17 Jahren immer dort Urlaub machen, wo Kathryn mit Tieren in Kontakt kommt. Brian, der ein Jahr jüngere Bruder von Kathryn, ist auch mitgekommen. "Gott sei Dank ist er ganz normal", sagt Megan. Kathryn sitzt daneben und kaut wieder versonnen auf ihren Lippen. Die Möwen sind verschwunden, dafür ist der Wind etwas rauer geworden. Gleich passiert das Boot das Kliff mit dem Leuchtturm, der ein grünes Licht in die Gegend wirft. Kathryn schaut immer noch stumm auf das Wasser.

Die Menschen von Dingle sind an Besucher wie Megan und Kathryn gewohnt. Es kommen viele behinderte Kinder mit ihren Eltern, um dieses Glück zu finden. "Zu hören, wie die Kinder vor Glück jauchzen", sagt Richie Riordan, der früher Fischer war und nun die Touristen zu Fungie bringt, "das gibt unserer Arbeit hier den Sinn". Doch es geht nicht allein um Fungie, es geht auch um Fungie-Geschichten und Richie kennt viele von ihnen. So hat Fungie ein an Leukämie erkranktes Mädchen, das die Ärzte schon aufgegeben hatten, den Lebenswillen zurückgegeben, sagt Richie. Zumindest bekam dieses Mädchen von damals im vergangenen Jahr selbst ein Kind. Und Richie weiß auch von dem französischen Pärchen, das eine Runde mit Fungie im Wasser war, bis er über ihre Köpfe gesprungen ist. Die beiden nahmen das als Zeichen, um zu heiraten. Einmal brachte Fungie auch den Tod: Ein Mann sprang in das kalte Atlantikwasser, um Fungie zu treffen - und bekam einen Herzinfarkt. Als seine Frau später einen Kranz ins Wasser warf, tauchte Fungie aber auf und spielte mit den Blumen.

Tina Fröhlich kennt Fungie schon seit 20 Jahren. Sie ist nicht nur, aber auch wegen ihm nach Dingle gekommen, aus Marl in Westfalen, wo es kein Meer und keine Geschichten gibt. "Fungie ist ein Wunder", sagt sie, "aber er kann keine Wunder vollbringen." Ihr Leben habe Fungie dennoch verändert. Nur eine Bucht weiter nämlich sind im Jahr 1978 ihre Freunde Til und Arne beim Hummerfischen ertrunken. "22 und 30 Jahre alt", sagt Tina. Lange Zeit traute sie sich nicht mehr in tiefes Wasser, zehn Jahre lang, bis sie Fungie traf. An einem Morgen fuhr sie hinaus, da kam er ans Boot. Wie eine Aufforderung, eine Bitte zu vergessen und wie er so schwamm und herumtollte, kam die Sicherheit zu Tina, weil alles so leicht war. Tina schwamm mit ihm und fasste wieder Vertrauen. Jetzt arbeitet sie als Fotografin und verkauft im Touristenladen Fotos und Filme von Fungie. Ihr Sohn ist 21 Jahre alt. Sie hat ihn Til genannt.

"Im sehr unwahrscheinlichen Falle eines Unglücks bewahren Sie bitte Ruhe." Es ist Richies Standarddurchsage, noch nie ist etwas passiert, aber man muss ja Acht geben. Noch immer ist nichts von Fungie zu sehen, Richie funkt kurz die anderen Boote an, aber das Wasser ist trüb und nur wenige sind unterwegs an diesem Tag. Doch Fungie wird schon kommen, so sicher sind die Leute in Dingle, dass die Passagiere umsonst fahren, wenn er einmal nicht auftauchen sollte. 25 Euro kostet der Ausflug. Megan schaut sich um, das Boot schaukelt stärker, die See kann rau sein.

Theoretisch kann das Wunder von Dingle jeden Tag vorbei sein, weiß Richie, jeden Tag kann Fungie sich eine andere Bucht suchen oder - schlimmer noch - einfach hinausschwimmen auf den offenen Atlantik. Richie summt in seinen Bart: "Macht bloß keine Fischstäbchen aus Fungie", er lacht aber dabei und gießt sich Kaffe aus der Thermoskanne ein.

Neben Megan und Kathryn sitzt Ivy aus Norwegen. Zuhause hat sie mal einen wilden Delfin berührt, der ebenfalls zu Gast in einer Bucht war. "Die Haut war ganz weich", sagt sie, "und trotzdem ganz fest auf dem Körper gespannt". Flipper hatten die Norweger den Delfin genannt. "Langweilig, ich weiß", sagt Ivy verlegen. Kathryn nickt abwesend und zupft sich am Schwimmanzug. Megan fragt sie, ob ihr kalt ist. "Ein bisschen."

Wahrscheinlich wäre der Ort ohne Fungie zugrunde gegangen, und das ist das eigentliche Wunder von Dingle. Auf den Straßen sind Sprachen wie Finnisch, Spanisch und Englisch mit amerikanischem Akzent zu hören. Auch Schauspieler Pierce Brosnan ist bei Fungie gewesen. Und in jedem Laden, ob Bekleidungs-, Souvenir-, oder Esoterik-Geschäft, überall gibt es mindestens eine kleine Ecke mit Plüschtieren, Vasen oder Stiften, die Fungie ähneln. "Millionen hat er nach Dingle gebracht", sagt Jimmy, der heute Chef der Handelsorganisation der Gegend ist. An den grünen baumlosen Hügeln sind opulente Villen mit Seeblick entstanden. An den Fenstern des Delfintour-Büros lauter kleine Happy-Birthday-25-Schildchen. Dingle feiert den Tag von Fungies Ankunft wie eine Wiedergeburt.

Was sein wird, wenn Fungie einmal nicht mehr da ist, darüber möchte sich niemand Gedanken machen. Wenn es keine Schlange von Menschen mehr unten am Pier gibt, die bis zum Nachmittag immer länger wird, wird Dingle nur noch Dingle sein. "Bis hoch nach Ballyferriter ging manchmal die Schlange", sagt Tina. Dabei heißt es hinter vorgehaltener Hand, dass Fungie nicht mehr soviel springt wie früher, was jeder Fischer natürlich verneint. Fungie ist nicht alt, heißt es dann. Fungie sei jetzt erst 33 Jahre alt. Einige seiner Art sind schon 50 Jahre, 60 Jahre alt geworden. Dingle braucht Fungie.

Richie erzählt, dass vor ein paar Tagen ganz viele Delfine hier gewesen seien. "Fungie bekommt nämlich regelmäßig Besuch von außen", sagt er. "Da wimmelt es hier nur so von Flossen."

Und noch in seinem Satz, taucht plötzlich in der Nähe des Leuchtturms von Dingle eine dunkle Rückenflosse auf. "Da ist er!", ruft ein Kind. Richie kann den Jungen gerade noch zurückhalten, gleich ins Wasser zu springen. "Langsam, das ist der Atlantik", sagt er. "Der ist kalt!"

Kathryn, Megan und Ivy, die sich inzwischen angefreundet haben, rufen: "Wo? Wo? Wo?" Alle rennen auf die dem Delfin zugewandte Seite des Bootes. Da ist er wieder, etwas näher. Das Boot bekommt gefährlich Schlagseite. Sie stehen zuerst nur da, dann gehen sie ins Wasser, Kinder und Frauen zuerst. Sie versuchen, ihn zu berühren, zu ihm zu schwimmen, obwohl sie das nicht sollen. "Fungie kommt nur, wenn er es selbst will", hat Tina, die Fungie-Expertin, gesagt. Und dann, in sicherer Entfernung zu den im Wasser treibenden, bei Megan, Kathryn und Ivy, springt er doch. Nur einen Meter hoch, aber Kathryn hat es gesehen und umarmt ihre Mutter.