Die letzte Frage

Werden Männer im Alter attraktiver, Otto?

| Lesedauer: 8 Minuten

Berliner llustrirte Zeitung:

Tragen Sie diese Kappe mit den silbernen Flügeln extra für uns oder sind Sie schon den ganzen Tag damit herumgelaufen?

Otto Waalkes:

Das eine meiner Showbusiness-Mützen. Und so ein Interview gehört für mich dazu. Außerdem macht sie mich doch älter, das steht mir ganz gut.

Eigentlich haben Sie das doch nicht mehr nötig, schließlich werden Sie 60 Jahre alt.

Man kann gar nicht alt genug aussehen, dann wirken die Witze im Vergleich jünger.

Vor kurzem ist eine DVD-Sammlung von Ihnen erschienen, jetzt auch noch ein stark rückblickendes Buch namens "Das Werk"...

...das Nachschlagewerk zeitloser Komik...

...das hört sich mit Blick auf ihren runden Geburtstag doch stark nach Lebensbilanz an.

Jetzt fällt mir das auch auf. Ist ja schon fast inflationär. Als ich 50 wurde, gab's das alles nicht. Und was könnte erst noch passieren, wenn ich 70 werde?

Ihr alter Freund Udo Lindenberg hat mit 60 Jahren noch mal den ganz großen Erfolg.

Ich sage es jetzt offiziell: Ich möchte in Lindenbergs Fußstapfen treten. Und Loriot hat mit 65 Jahren seinen ersten Film gemacht. Auch ich habe noch viel vor, stehe an 100 Tagen im Jahr auf irgendwelchen Bühnen. Das Schöne am Alter ist, dass das Publikum jugendlicher wirkt. Außerdem steigt die Fallhöhe - wenn man es gut anlegt, erreicht man so mehr Glaubwürdigkeit in den autoritären Rollen.

Haben Sie keine Sorge, dass Ihre Art Komik im Alter peinlich wirkt?

Ich glaube da nicht an ein Verfallsdatum. Ob ein Gag gut ist oder nicht, hängt nicht vom Alter des Komikers ab. Mein Onkel konnte mit 70 noch tierisch gut Witze erzählen. Und so lange Johannes Heesters noch aktiv ist, hab' ich ja vielleicht auch noch eine kleine Chance. Bei einem Auftritt mit meinen Friesenjungs rief kürzlich wieder eine junge Frau: 'Otto, ich will ein Kind von Dir.'

Was haben Sie geantwortet?

Ich könnte der Vater Deiner Mutter sein. Sie schrie nur zurück: Egal! Jetzt staunen Sie.

Männer werden mit zunehmendem Alter eben attraktiver.

Gilt doch oft auch für Frauen. Senta Berger finde ich stark.

Sind Sie ein Mensch, der an seinem 60. Geburtstag zurückblickt und in Erinnerungen schwelgt?

Ich schaue tatsächlich lieber nach vorn, denn nur in der Zukunft kann man weiter Erfolg haben. Immer etwas Neues versuchen. Letztens war ich bei Til Schweiger, da haben wir schon überlegt, ob wir mal so einen Film wie "Rain Man" machen sollten.

Hatten Sie jemals die Angst, dass es nicht weitergehen könnte, dass Ihnen nichts mehr einfällt oder einfach der Erfolg ausbleibt?

Solche Ängste hat man als Künstler immer wieder, beinahe täglich. Manche füllen in dem einen Jahr ganze Stadien und sind im nächsten schon fast vergessen. Diese Gefahr wird größer, wenn man sich zu stark nach Zielgruppen ausrichtet, zu viel spekuliert. Ich mach das, was mir Spaß macht. Und wenn das keiner mehr sehen will, fange ich an zu malen, ich habe ja Kunst studiert. Apropos Kunst: Kunnst Du mir mal fünf Euro pumpen?

Ein Klassiker. Gab es mal so etwas wie Tiefpunkte bei Ihnen?

Ich habe sicherlich schon mal schwächere Momente erlebt, in einer Show mal einen Witz doppelt erzählt oder die Pointe nicht mehr so ganz hinbekommen. Man weiß vorher nie, was auf einen zukommt. Ziemlich am Anfang meiner Karriere war ich mal Vorprogramm bei der Rockgruppe "Kiss", in der Waldbühne Berlin. Vor mir 15 000 angemalte Menschen in "Kiss"-Kostümen. Und ich komm auf die Bühne und rufe: Hollerdihidi, ich bin ein kleiner Friesenjung und wohne hinterm Deich. Und jetzt alle...

Lassen Sie uns raten - die Maskenmenschen haben mitgesungen.

Nach einiger Zeit ging es richtig ab. Das betrachte ich als meinen Auftrag, die Leute abzuholen und für mich einzufangen. Später habe ich noch mit den Kiss-Jungs gesprochen, die wussten überhaupt nicht, was sie damit anfangen sollten. So gings übrigens auch Bon Jovi. Da sangen die 50 000 Zuschauer minutenlang: Oho, bin ein Friesenjung. Bon Jovi konnte nicht anfangen, weil die immer weitermachten. Irgendwann fragte er: Who the fuck is Otto?

Interessiert es Sie, was Kritiker über Sie schreiben?

Ständig. Mit zunehmendem Alter kenne ich zum Glück die meisten Vorwürfe. Aber lange Zeit haben mich schlechte Kritiken sehr mitgenommen. Kritiker verfolgen mich seit meiner ersten Fernsehshow und prophezeiten mir bereits damals, dass in einem Jahr keiner mehr von mir sprechen würde.

Aber Sie konnten doch immer den Publikumserfolg dagegen halten.

Ja, aber ich wollte sie alle begeistern... Mittlerweile sind die Kritiken für mich freundlicher. Aber manche sorgen sich immer noch: Wann wird er endlich erwachsen?

Und, wann?

Keine Ahnung. Wie spät haben wir's?

Wollen Sie es denn werden?

Das ist mein großes Ziel. Eines Tages will ich erwachsen sein. Bin mal gespannt, woran ich das dann merke.

Die meisten, die heute gestandene Erwachsene sind, verbinden viele Erinnerungen mit Ihnen. Wird Ihnen oft davon erzählt?

Manchmal kommen Kinder zu mir uns sagen: Mein Opa hat eine Platte von Dir. Ich frage: Was ist denn das? Na, so ein großes schwarzes Ding mit einem Loch drin. Und was macht man damit? Weiß ich nicht... Und "Opa" strahlt dazu. Ganz ehrlich: Das schenkt mir Kraft und Gesundheit, wenn ich merke, dass ich den Leuten etwas bedeute oder sie meinetwegen auch nur anfangen zu lächeln.

Susi Sorglos, Keili, Leber an Kleinhirn - funktionieren diese Gags heute nur noch, weil sie solche Klassiker auf Schallplatten sind?

Eine Seife, die bis in die Achselhöhlen dringt, ist einfach zeitlos gut. Ich kann diese alten Sachen prima variieren, sie zeitgemäß verpacken. Und ein sprechender Fön ist doch immer aktuell.

Mittlerweile läuft auf allen Kanälen Comedy-Programm. Wäre so eine Ausnahmestellung wie Ihre heute noch erreichbar?

Es gab früher auch einige Komiker oder Humoristen, aber wir hatten den Vorteil, dass es nur zwei Sender gab und wir so riesige Marktanteile erzielen konnten. Es war schwer, mir auszuweichen - was für ein Glück. Wenigstens für mich.

Haben Sie noch verborgene Talente, die an die Öffentlichkeit drängen?

Ja, Puppenspielen! Habe ich gerade für mich und die Ottifanten-Puppen entdeckt. Besser gesagt: wieder entdeckt, denn schon als Kind habe ich liebend gern Puppentheater gespielt. Die Leute mögen das auch heute, und mir macht es immer noch Spaß.

Wie oft war Ihnen in Ihrer Karriere das Geld, die Einnahmen als Bestätigung wichtig?

Eine sehr angenehme Begleiterscheinung. Die Produktionen, vor allem der Filme, kosten Millionen. Da braucht man ein Millionenpublikum, um auf Null zu kommen.

Aber Mitleid brauchen wir nicht zu haben, oder?

Wenn Ihr wollt, gerne. Spenden bitte unten an der Kasse. Aber im Ernst: Einige Zwergschulen wurden hier sicher von meinen Steuern bezahlt.

Haben Sie nie daran gedacht, in ein Steuerparadies zu ziehen?

Nein, nie. Ich hab mein Geld hier verdient, und es bleibt immer noch genug übrig zum Leben.

Aber Sie sind häufig in Florida.

Um zu arbeiten, das geht dort ganz prima, weil ich nicht gestört werde. Mit meinen Freunden schreibe ich dort Drehbücher oder entwickele andere Projekte.

Fühlen Sie sich wohl dort im Rentnerparadies?

Da bin ich tatsächlich auch mit 60 Jahren noch einer der Jüngsten. Hey, young man - habe ich dort schon gehört. Und tatsächlich war ich gemeint!

( Das Gespräch führten Jörn Lauterbach und Britta Stahlberg )