Berliner Merkwürdigkeiten

Der Fuchs mit dem Schuhtick

Es passierte fast jeden Morgen. Einer der Nachbarn trat vor die Haustür, wollte nur schnell in die Schuhe auf der Schwelle schlüpfen, um etwa die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen, und - trat ins Leere. Keine Schuhe. Weg. Gestohlen. Aber wer stiehlt schon alte Schuhe? Die meisten hatten erst einmal die Nachbarskatze im Verdacht - oder die eigene Gedächtnislücke. Jedenfalls stellten sie das nächste Paar dann lieber in den Hausflur.

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Nacht für Nacht verschwanden einzelne Schuhe oder ganze Paare in den Gärten zu beiden Seiten der Heerstraße. Es hat ein bisschen gedauert, bis sich die Warnung in der Siedlung in Westend herumgesprochen hatte: Nachts treibt sich ein Dieb in den Gärten herum. Einen Verdacht, wer die Schuhe stahl, gab es schon lange. Doch erst als ein Ehepaar aus der Siedlung im nahe gelegenen Grunewald spazieren ging, wurde der Täter sicher überführt: Vor einem großen Fuchsbau gleich am Waldrand lagen Schuhe. Dutzende Schuhe. Der Kinderschuh, der abends vor dem Trampolin liegen geblieben war. Die Clogs der Gärtnerin. Die teuren Turnschuhe, die verschwanden, als der Nachbarssohn mit seinen Freunden im Zelt übernachtete.

"Das ist der Spieltrieb", sagt Marc Franusch. Der Sprecher der Berliner Forsten ist keineswegs überrascht über den Fuchs mit dem Schuhtick. Das Tier habe weder einen "fehlgeleiteten Appetit", der ihn dazu bewege, statt Hasen nun Schuhe zu jagen, noch einen ausgeprägten Ordnungssinn. Vermutlich handele es sich um einen Jungfuchs, "die sind jetzt halbstark, leben aber noch in den familiären Strukturen", sagt Marc Franusch.

Der Westender Fuchs wohnt also noch bei seiner Mutter. Und schleppt ihr allnächtlich neue, wenn auch nicht gerade essbare Beute vor den Bau. Höchstens ein bisschen knabbern kann er an den Schuhen. Satt wird er davon nicht. Im Gegensatz zu den vielen guten Dingen, die er sonst noch so nachts in den Gärten findet. Mal ein Würstchen, das beim Grillen ins Gras gefallen ist. Essensreste aus der Mülltonne. Fallobst vom Apfelbaum. Oder ein paar Kartoffelschalen vom Komposthaufen. "Füchse sind Allesfresser", sagt Marc Franusch, "die fressen nicht nur Fleisch, die nehmen auch Gemüse".

Ein- bis zweitausend Stadtfüchse seien in Berlin unterwegs, sagt er. Und die wird die deutsche Hauptstadt auch nicht mehr los. Anderen Großstädten wie München, Zürich oder London geht es nicht anders. Überall in Ballungsräumen hat der Vulpes vulpes - wie Biologen die in Europa am häufigsten vorkommende Fuchsart, den Rotfuchs, korrekt bezeichnen - sein Revier auf Straßen, Parks und Gärten ausgedehnt. Denn der Stadtfuchs lebt im urbanen Umfeld einfach deutlich bequemer als die arme Verwandtschaft im Wald. Wer rennt schon gern hinter einer Maus her, wenn er stattdessen den Fressnapf einer Katze leeren kann? "Die Füchse haben sich an ein Leben in unserer Nähe gewöhnt", sagt Marc Franusch, "sein Dasein ist deutlich leichter mit Komposthaufen und Müll. Eins ist also klar: Die Füchse bleiben da, die gehen nicht mehr weg."

Ein bisschen schwerer solle man ihnen das Bleiben aber machen, rät der Experte von der Stadtforstverwaltung. Denn schließlich sei der Fuchs ein Wildtier und die Nähe zum Menschen entspreche ihm eigentlich nicht. Marc Franusch empfiehlt, den Fuchs zu verjagen. "Das ist übrigens gar nicht so einfach. Uns beschreiben immer wieder Leute, der Fuchs reagiere gar nicht, der bleibe einfach stehen. Denen sage ich: "Dann schmeißt doch mal mit dem Latschen."

Bei dem Fuchs in Westend allerdings könnte dies nach hinten losgehen - den Schuh nimmt er dann womöglich mit. Oder sie. In der Westender Siedlung nämlich hält sich hartnäckig das Gerücht, es müsse sich um eine Füchsin handeln - schließlich habe das Tier einen Schuhtick. Anderswo klauen Füchse Sandspielzeug oder Joghurtbecher aus den gelben Säcken. Auf dem Golfplatz Wannsee verschwanden vor einigen Jahren größere Mengen Golfbälle in den Löchern des Fuchsbaus statt in denen auf dem Green. Der Wannsee-Fuchs ist nicht der einzige mit einem Faible für ein exklusives Umfeld: Auf dem Golfplatz in Gatow hat sich einer seiner Kollegen auf Bananen und Brötchen spezialisiert, die er am helllichten Tag aus den Golfwagen holt.

Immerhin: Wirklich gefährlich ist der Fuchs im Garten oder auf dem Golfplatz nicht. Die Sammelleidenschaft jedenfalls hat mit dem Gesundheitszustand des Fuchses nichts zu tun. "Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ist das Tier nicht krank", versichert Marc Franusch. Der letzte Fall von Wildtollwut bei Füchsen in Berlin liegt mehr als 15 Jahre zurück, der Fuchsbandwurm ist hier kaum nachweisbar. Dennoch empfiehlt er, "vorsorgliche Hygiene: Obst und Gemüse gründlich abspülen und die Hände lieber einmal öfter waschen" Hund und Katze sollten regelmäßig entwurmt werden. Die Schuhe aber, die der Fuchs zum Bau geschleppt hat, könnten gefahrlos wieder angezogen werden. "An denen ist nichts Bedrohliches dran", sagt Marc Franusch.