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Die Politikerin, die ihr Geld für Kinder ausgibt

Mit langer Schürze steht Gesina Gisa hinter ihrem Herd in der Küche an der Sophie-Charlotte-Straße 23 a unweit des S-Bahnhofs Westend und wartet auf "ihre" 14 Kinder. Obwohl es nicht ihre eigenen sind, bereitet sie ihnen jeden Tag nach der Schule ein warmes Mittagessen - ehrenamtlich und finanziert aus eigener Tasche oder durch eingesammelte Privat-Spenden organisiert. Die Hälfte des Essens kauft sie selbst, die andere Hälfte bekommt sie aus einem Supermarkt gespendet. Ein Fulltime-Job, auch wenn die Kinder erst nach der Schule kommen.

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Gesina Gisa ist Bezirksverordnete für die CDU in Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Aufwandsentschädigung für ihr kommunalpolitisches Engagement - rund 400 Euro im Monat - lässt sie komplett den Kindern zugutekommen. Mit dem Wahlslogan ihrer Partei 2006, Charlottenburg-Wilmersdorf solle der kinderfreundlichste Bezirk Berlins werden, machte sie ernst und gründete im Februar 2007 den gemeinnützigen Verein "Kids Kiez Treff". Sie weiß aus Erfahrung, dass viele Kinder ohne Frühstück in die Schule gehen und sich hauptsächlich von Süßigkeiten ernähren.

Die Tische im Treff sind bereits hübsch mit Tischtuch und passenden Servietten gedeckt, ein appetitlicher Kräutergeruch aus Dill, Petersilie und Kerbel weht aus der Küche durch die 105 Quadratmeter große Ladenwohnung, die 600 Euro Kaltmiete kostet. Heute haben sich die Kinder Gemüse-Reis mit Kräutersoße und Fisch gewünscht. Tomaten- und Gurkensalat runden das Essen ab. Ein frisch zubereiteter Erdbeer-Shake stillt den Durst der Kinder. Nachher gibt's noch Bananen. "Gesina kocht sehr gut, und außerdem kann man ihr alles erzählen", lobt Siham. Die Hitliste der Essenswünsche führt Pizza an, gefolgt von Kartoffelsuppe und Spaghetti-Bolognese.

Die zwölfjährige Siham fühlt sich mit den anderen Mädchen Salam (11), Seinab (12) und Ebru (11) sehr wohl in der hübsch eingerichteten Wohnung, die neben dem Essraum auch über ein kleines Computer-, Spiel- und Lesezimmer verfügt. "Es ist echt schön hier. Gesina kann man alles erzählen. Sie tröstet auch, wenn es Streit unter Freundinnen gibt. Außerdem hat sie uns beigebracht, auch freundlich zu denen zu sein, die Probleme haben und sich komisch benehmen", erzählen sie.

Hausaufgaben-Hilfe inklusive

Für Gesina Gisa, die auf dem Lande im Münsterland aufwuchs, ist das Kochen eine leichte Übung. Schließlich besuchte sie, bevor sie 1971 wegen ihres Mannes nach Berlin zog, die Haushaltsschule. Der liebevoll eingerichteten Ladenwohnung merkt der Besucher gleich an, dass hier mit professioneller Hand gewirtschaftet wird: Alles hat seinen Platz wie in einer richtigen Wohnung, die Ordnung ist aber nicht steril. Das imponiert auch den Kindern, die vor dem gemeinsamen Essen ruhig zusammenspielen. Um 14.30 Uhr ist es dann soweit. "Schluss. Händewaschen. Essen ist fertig. Ich leg' Seife hin, aber nicht wieder mopsen" ruft Gesina Gisa.

Das Regiment der 55-Jährigen wirkt nur auf den ersten Blick streng. Die Kinder wissen längst, dass ihnen die gute Seele vom Ganzen kaum etwas abschlagen kann. "Gesina ist klasse. Ihr ist nämlich auch unsere Zukunft wichtig. Deshalb dürfen wir am Computer nicht spielen, sondern ihn nur für Diktate und Hausaufgaben benutzen", berichtet die elfjährige Salam. Außerdem hätte sie ihnen beigebracht, dass Geschenke nicht teuer, sondern vom Herzen kommen müssen. Auch den zwei Jungen Caner (10) und Simon (9) schmeckt das Essen. Ihre Mütter sind vor allem auch froh, dass die Kinder im Kids-Kiez gleich ihre Hausaufgaben machen und dabei sogar Hilfe erhalten.

Ein kleines Netz von Hilfskräften unterstützt Gesina Gisa: Ihr Mann Joachim, mit dem sie seit 1977 unweit des Problemkiezes Klausenerplatz lebt, ist Rentner. Der 63-jährige ehemalige Vertriebsingenieur hat nicht nur ein Händchen für die technischen Geräte, sondern hilft auch wie selbstverständlich mit, das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine zu räumen.

Und dann ist da noch Uli Schulz, 68 Jahre alt und ebenfalls Rentner. Er war 28 Jahre lang selbstständiger Orthopädie-Schuhmachermeister. Er kommt jeden Tag aus Tegel, um im "Kids Kiez Treff" zu helfen. Im Verbund mit der Studentin Saskia (22), die immer freitags kommt, und zwei weiteren jungen Leuten ein perfekt eingespieltes Team. "Die Kinder sind dankbar, dass sie hierher kommen können. Ich habe schon das Gefühl, dass sie froh über das warme Essen sind, das sie sonst wohl so nicht bekämen, auch wenn sie nicht darüber reden."

Die finanzielle Frage bleibt dennoch ein Dauerthema, auch wenn Gesina Gisa keine Gelegenheit auslässt, Menschen für ihr Projekt zu begeistern. Über Geld- und Sachspenden - auch Spiele, Bücher, Büromaterialen auch in kleiner Menge werden immer gebraucht - freut sich das Kids-Kiez-Team. Wer helfen möchte: Tel. 41 76 27 69 oder E-Mail: kidskiez@yahoo.de

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