Leben auf der Insel

Valentinswerder, die Insel im Tegeler See, ist schon beim Blick aus der Ferne bezaubernd. Sobald die Besucher aber mit der Fähre übergesetzt und das Ufer betreten haben, sind sie verzaubert. Valentinswerder liegt in Berlin und ist doch eine Welt von der Hauptstadt entfernt.

Bis vor einigen Monaten war die Insel noch nicht einmal an das Stromnetz angeschlossen. Nur sieben Bewohner leben ständig auf der Insel. Statt Autos und Motorräder gibt es Biber, Waschbären und Wildschweine. Die Bewohner des 13 Hektar großen Eilands, auf dem derzeit magentafarbenes Himalajaspringkraut zwischen Rohrkolben, Schilf und Obstbäumen leuchtet, leben in paradiesischer Ruhe.

Für Julia Radmainski, Professorin für Modedesign an der Universität Trier, war Valentinswerder die Liebe auf den ersten Blick. Bevor sie vor zwei Jahren auf die Insel übersiedelte, mußte sie an ihrem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude aus der Zeit der Jahrhundertwende einiges richten. Einen Stromanschluß hat sie immer noch nicht. "Das Licht von Petroleumlampen und Kerzen ist viel schöner", sagt die 60jährige. Elektrizität für Herd und Heizung liefern Sonnenkollektoren. Alles, was sie auf der Insel benötigt, wird per Boot angelandet.

Angst, fast allein auf der Insel zu wohnen, hat die Weltenbummlerin nicht. Eines muß sie jedoch noch lernen: ihr Boot zu rangieren. Die letzte Fähre legt kurz vor 20 Uhr in Tegelort ab. Danach helfen nur nette Nachbarn. "Bis jetzt hatte ich immer Glück. Jedesmal, wenn ich spätabends heimkomme, findet sich jemand, der auch hinüber will." Wenn alle Stricke reißen, bekommt sie Hilfe von Insulanern, die sie mit einem Boot abholen.

"Im Sommer ist alles nicht so ein Problem", sagt Knut Hetzer. "Aber im Winter, wenn der See zufriert, muß man darauf achten, daß das Boot mit der Spitze zum Festland liegt." Sonst dauere es eine halbe Stunde, ehe man das Boot im Eis freibekommt. "Vor drei Jahren, als der See zugefroren war, sind wir wochenlang übers Eis nach Tegelort gelaufen", erinnert sich der Bühnenbildner.

Für Knut Hetzer ist Valentinswerder Wohn- und Erholungsort zugleich. "Wir wollten schon immer dort leben, wo andere Urlaub machen", erzählt er. Seit 2002 lebt Hetzer mit seiner Frau und dem dreijährigen Sohn auf der Insel.

Segler Jochen Haefkel hingegen kann sich einen Dauerwohnsitz dort nicht vorstellen. "Als Feuerwehrmann muß ich schnell am Einsatzort sein." Einen Großteil seiner Kindheit verlebte Haefkel im Segelclub Frithjof-Havelspitze. Dort lag das Boot seines Vaters vor Anker. Jetzt gehört das Boot ihm - und seinem Sohn.

Inzwischen gibt es auf Valentinswerder wieder ein Café, das freitags bis sonntags zum Besuch einlädt. Die Betreiber, Denise Stocker und Helge Lungfiel, haben sich ebenfalls in die Insel verliebt - auch wenn jede Flasche Wasser und Bier vom Festland per Boot herübergeholt werden muß. Die Post geht nur bis Tegelort. Dort steht ein großer Inselbriefkasten, wo die Bewohner von Valentinswerder ihre Briefe abholen können. "Geschirrspüler oder Wäschetrockner verbieten sich von selbst, weil sie zu viel Strom verbrauchen", sagt Lungfiel. Dafür gibt es 365 Tage im Jahr Natur pur.

Lungfiel und Stocker organisieren jetzt die 1. Kunsttage auf Valentinswerder. Unter dem Motto "Landsart" stellen vom 26. bis 28. August jeweils von 9 bis 20 Uhr Künstler - darunter auch der Reinickendorfer Siegfried Kühl - aus. Einige Exponate entstehen aus Naturmaterialien von der Insel. Ob Theater, Musik, Film oder Lesung - jeder, der möchte, kann sich beteiligen", sagt Denise Stocker.

Informationen zu den Kunsttagen unter Tel.: 74 78 89 51.