40 Jahre Hafenbar - jetzt droht sie zu stranden

Als Klaus Zagermann an jenem Morgen Mitte der Neunziger Jahre seine Hafenbar betrat, trieben die Fische tot in den Aquarien.

Mitte Als Klaus Zagermann an jenem Morgen Mitte der Neunziger Jahre seine Hafenbar betrat, trieben die Fische tot in den Aquarien. Über Nacht war der Strom abgestellt worden, weil der Anschluss nun zum Nebenhaus mit dem neuen Eigentümer gehörte und sich niemand Gedanken gemacht hatte, was passiert, wenn man die Zufuhr einfach kappt. Die tropischen Fische waren im abgekühlten Wasser gestorben. Doch Klaus Zagermann ist Pragmatiker: Er schaffte die Aquarien ab, kümmerte sich um einen eigenen Stromanschluss und machte weiter. Auch wenn seine Mietverträge immer nur über ein Jahr liefen.

Doch nun weiß der 65-Jährige nicht mehr, ob es auch 2008 weitergeht. "Unser Mietvertrag läuft am Jahresende aus", sagt er. Soweit nichts Neues. Doch im Gegensatz zu sonst ist weder die Verwaltung der Immobilie noch der Eigentümer, ein New Yorker Geschäftsmann, dem das Haus nach der Wende rückübertragen wurde, zu einer verbindlichen Aussage zu bewegen. "Wenn das Haus verkauft wäre, würde ich es ja verstehen", so Zagermann, "Aber so nicht. Wir zahlen eine ordentliche Miete und tragen ja auch die Nebenkosten. An Leerstand kann doch niemand Interesse haben."

Es wäre das Ende der ältesten Diskothek Berlins. Denn vor 40 Jahren eröffnete die Hafenbar. Zagermann ist von Anfang an dabei. Nach absolvierter Lehrzeit arbeitete er für die Handelsorganisation (HO) als Staatlicher Leiter des Hauses Berlin am Strausberger Platz. 1967 wurde ein neues Konzept für die damals bereits 20 Jahre alte "Clou"-Tanzbar in der Chausseestraße 20 gesucht. Vorgabe der HO-Führung: Maritim solle es sein, denn die DDR wollte sich weltoffen geben. Die Patenschaft mit der HO Rostock bescherte der Hafenbar diverse Mitbringsel des Südfrüchtedampfers "Theodor Storm". Zuerst sollte die neu gestaltete Tanzbar nicht "Hafen"- sondern "SOS-Bar" heißen, aber das klang zu negativ.

Bewaffnete Stasi-Stammgäste

Die Hafenbar gehörte zur Protokollstrecke des Ministerrates und somit zum offiziellen Staatsprogramm. Als der bulgarische Staatspräsident Todor Schivkov zu Besuch kommen sollte, wunderte sich Zagermann über die Verdopplung seines Personals. "Zu jedem Koch, den wir hatten, gab es auf einmal einen weiteren von der Staatsicherheit." Dass er auch sonst von der Stasi regelmäßig Besuch hatte, merkte er erst, als einem der Stammgäste die Pistole aus der Tasche fiel.

Musik kam damals nicht aus der Konserve, sondern von Kapellen wie der Silbercombo oder dem Nonchev Trio. Bekannt wurde die Hafenbar durch die die Rundfunksendung "Hafenkonzert" mit Horst Köbbert, einer Sendung der "Stimme der DDR".

Bis Mitte der Neunziger gab es im Nebenhaus eine dazugehörige Grillbar mit Gerichten wie "Seepferdchenragout" für 4,20 Mark. Kein Fall für den Artenschutz: Es handelte sich um Würzfleisch mit einem blumigen Namen. Die Grillbar ist heute nicht mehr, dort befinden sich nun Büros. Geblieben sind Cocktails wie der "Steife Seemann" oder "Nixenzauber".

Nach der Wende kaufte Zagermann die Innenrichtung und übernahm die Bar. Zwischen Fischernetzen, beleuchteten Bullaugen und abgewetzten Holzplanken ist Zagermann zu Hause.

1996 wurde der Radiomoderator und DJ Stefan Rupp auf die Bar aufmerksam; seitdem veranstaltet er dort die "Stimmen in Aspik"-Partys. Morgen feiert die Hafenbar ab 21 ihren Geburtstag. Hoffentlich ist es nicht der letzte.