Waschbären erobern den Tiergarten

Der Notruf kam um 19.50 Uhr. Ein kleines wildes Tier hatte sich in einen Busch am S-Bahnhof Tiergarten verirrt und fand offenbar den Weg zurück in den Wald nicht mehr.

Der Notruf kam um 19.50 Uhr. Ein kleines wildes Tier hatte sich in einen Busch am S-Bahnhof Tiergarten verirrt und fand offenbar den Weg zurück in den Wald nicht mehr. Die Polizisten des Abschnitts 34 rückten an, wagten sich aber nicht an das Tier heran. Der Tiernotruf wurde eingeschaltet und identifizierte endlich das in Not geratene Wesen: Einen Waschbären.

"Die sind uns hier bislang nicht aufgefallen" sagt Jürgen Götte, der Chef des Tiergartens beim Grünflächenamt Mitte. Offenbar haben sich die Tiere von der Peripherie der Stadt bis in den Großen Tiergarten vorgekämpft und sich im Südwesten der Grünanlage am Landwehrkanal angesiedelt. Nachdem die Tierretter den Waschbären identifiziert hatten, "gelang dem Waschbär die Flucht", wie es im Bericht der Polizei dazu heißt. Auch Polizei und Retter machten sich auf den Heimweg.

Park von Dealern verschont

Die Begegnung mit dem Waschbären war auch für die Beamten des Polizeiabschnittes 34 ein Höhepunkt ihrer Streifentätigkeit im Großen Tiergarten. Anders als andere innerstädtische Parks wie die Hasenheide in Neukölln, ist der Tiergarten von Drogenhändlern oder anderen Kriminellen verschont. "Einen Kriminalitätsschwerpunkt haben wir hier nicht", sagen die Kommissare Rocco Röske und Silvio Sidoli. Ein Erfolg, den sich auch die Polizei auf ihr Konto schreibt. "Die Anwohner und Spaziergänger achten sehr darauf, was sich im Tiergarten tut", sagt Röske, "und wir leisten Präventionsarbeit." Einzig die Homosexuellenszene zwischen Siegessäule und S-Bahnhof Tiergarten, die sich in den Büschen tummelt, gerät gelegentlich in den Fokus der Beamten. "Männer, die sich lange in der Nähe eines Spielplatzes aufhalten, erregen Aufmerksamkeit", heißt es auf einem Handzettel, den die Polizei auch in diesem Frühjahr wieder im Park verteilt. Man hofft auf gegenseitiges Verständnis.

Wenn es aber Nacht wird im Großen Tiergarten, verschwinden die Spaziergänger und Jogger und überlassen den Park seinen Bewohnern. In der Dämmerung besingen die Vögel, darunter 24 Nachtigallenpärchen, die nahende Nacht. Wiesel und Fuchs verlassen ihren Bau und gehen auf Nahrungssuche. Irgendwo raschelt es im Dunkeln. Die Stille, tagsüber der Anziehungspunkt für die Besucher, erhält eine unheimliche Färbung. Das geheime Leben im Tiergarten erwacht.

Zwar sind die großen Wege, die die Grünfläche durchschneiden nachts beleuchtet, genutzt werden sie nicht. Auch die zehn Bewohner des Tiergartens, die in vier Wohnungen im Gebäudekomplex des Grünflächenamtes wohnen, nutzen die Wege dann nur selten.

Die ungewöhnliche Artenvielfalt im Tiergarten überrascht. Neben den neuen Waschbären leben seit Jahren an den kleinen Seen im Park ausgesetzte Schildkröten. "Die kann man im Sommer gut beobachten, wenn sie sich auf umgeknickten Baumstämmen sonnen", sagt Inspektionsleiter Götte. "Sie überleben sogar unsere relativ strengen Winter." Seit Jahren leben auch drei Bussard-Pärchen im Großen Tiergarten, die ihn zu ihrem Revier auserkoren haben.

Der Tiergarten ist groß genug, das Nahrungsangebot vielfältig. Mit seinen 207 Hektar Fläche zwischen Hansaviertel, Bahnhof Zoo, Potsdamer Platz und Brandenburger Tor bietet er den Bussarden genug Platz zum Leben. Vor allem Mäuse und junge Kaninchen stehen auf dem Speiseplan der Raubvögel. Aber auch Stadttauben verschmähen sie nicht. Sogar Nachwuchs hat sich schon eingestellt. Bei der letzten großen Tierzählung im Tiergarten fanden die Wildhüter weitere überraschende Tiere. Rund um den Neuen See orteten sie in der Nacht mit Radargeräten Zwergfledermäuse. Und auch einen Feldhasen erspähten die Beamten.

Viele bedrohte Arten

Die Tiere stehen auf der Liste der bedrohten Tierarten. Vogelkundler, die in der Morgendämmerung unterwegs sind, zählten 47 verschiedene Vogelarten, darunter Gelbspötter, Gartengrasmücken, Bachstelzen und Habichte.

Nur Großwild, das dem Park und einstigem Jagdgebiet der brandenburgischen Kurfürsten seinen Namen gab, gibt es lange nicht mehr. Schon unter dem Preußenkönig Friedrich I. wurde der Wald gelichtet und es entstanden erste Alleen für den höfischen Verkehr zwischen Residenzschloss, Schloss Charlottenburg und später dem Schloss Bellevue. In der Morgendämmerung finden sich dann weitere ungewöhnliche Tiere im Schatten der Siegessäule ein. Falken und Frettchen gehen auf Kaninchenjagd. Es handelt sich um abgerichtete Tiere.

Die Jäger kommen noch vor den ersten Joggern in den Großen Tiergarten. Bis zu fünf Falkner haben im Tiergarten die Lizenz zum Jagen, die die Jagdbehörde für die Dauer von drei Jahren ausstellt. Frettierer heißen Jäger, die die eher ungewöhnliche Jagd mit Frettchen pflegen. Weniger als ein halbes Dutzend Frettiere streifen nach Angaben der Berliner Jagdbehörde zurzeit durch den Tiergarten und sorgen somit für die Wildhege.

Mit dem losrollenden Berufsverkehr auf der Straße des 17. Juni am Morgen ziehen sich die Tiere wieder in ihre Bauten zurück. Der Park gehört dann wieder den Menschen.