Endstation im Schlamm der Spree

An der Spree, zwischen Jannowitzbrücke und Elsenbrücke, haben sich Weltfirmen wie Universal Music und MTV niedergelassen.

Berlin An der Spree, zwischen Jannowitzbrücke und Elsenbrücke, haben sich Weltfirmen wie Universal Music und MTV niedergelassen. Die Treptower Arena gegenüber ist zur angesagten Adresse für Konzerte, Theaterstücke und Messen geworden. Unberührt von allem Aufbruch liegt ein Schiffswrack zwischen beiden Ufern. Kein Steg, keine Brücke führt an Bord. Zwischen Rostflecken und Graffiti ist noch der Schriftzug "Dr. Ingrid Wengler" erkennbar. Die Fenster sind zerschlagen, das Innere vermodert. Der Rumpf liegt im Schlamm. Seit mehr als zehn Jahren schon. Seit 1999 gibt es Pläne für einen Yachthafen an diesem Ort. Der Unternehmer Ingo Gersbeck und Arena-Chef Falk Walter wollen Anlegestege für 80 Boote schaffen. Genehmigungen sind einzuholen, Fördermittel zu beantragen.Und das Wrack müsste entsorgt, die auf ihm lastende Hypothek gelöscht werden.

Die "Dr. Ingrid Wengler" war einst ein nobles Ausflugsschiff. Alte Fotos zeugen davon.

Auch Kapitän und Schiffseigner Günther van de Lücht , der sich heute noch an alle Einzelheiten erinnert, kann davon erzählen. Das Küstenmotorschiff ist 1959 in Emden erbaut. Van de Lücht kann die Maße auf Anhieb nennen: "40 Meter lang, 5,10 Meter breit, Tiefgang 1,20 Meter." Der Frachter ist im deutsch-holländischen Grenzgebiet unterwegs. Günther van de Lücht kauft das Schiff 1975 und gibt ihm den Namen seiner verstorbenen Frau, einer Chirurgin. Er lässt es in Nürnberg umbauen, neun Jahre lang. Es wird zur noblen schwimmende Unterkunft, mit neun Kabinen für Passagiere, vier für die Crew, einer für den Kapitän. Van de Lücht ist in Rüdesheim geboren. Er hat die Seefahrtsschule in Hamburg besucht. Auch seine Vorfahren sind zur See gefahren. "Schifffahrt und Van de Lücht sind untrennbar", sagt er.

Er hat das Patent als Schiffsführer im küstennahen Bereich und auf Binnengewässern, und ist außerdem Physiker. Das Schiff bekommt eine Fußbodenheizung und eine Wärmerückgewinnungsanlage. Auch im Inneren soll es etwas Besonderes sein: mit häusliche Komfort und "alles vom Feinsten". Die Wandtäfelung ist aus

Küstenmotorschiff wird Luxusdampfer

Mahagoni. Die Bar bekommt ein Furnier aus Mahagoniwurzelholz. Der Kapitänstisch trägt ein Furnier aus Vogelaugen-Ahornholz. Die Möbel in den Kabinen sind in heller Eiche gefertigt. 1984 geht der Ausflugsdampfer in Betrieb. Sein Heimathafen ist Höchst, in Frankfurt am Main. Van de Lücht bietet im Sommer Reisen nach Frankreich an. Die "Dr. Ingrid Wengler" fährt über Rhein und Mosel, nach Nancy und Straßburg. Im Winter steht sie als Tagungsschiff bereit. Dann kommt der Fall der Mauer. Die Gewässer im DDR-Gebiet stehen offen. Van de Lücht erfüllt sich einen lang gehegten Wunsch. "Ich hatte immer eine innere Sehnsucht nach Mecklenburg", erzählt er. Im Juni 1991 geht er mit dem Schiff und Passagieren auf die erste Reise. Sie startet am Palast der Republik und führt bis nach Waren an der Müritz. Doch schon die zweite Saison 1992 hält Unbill für den Unternehmer bereit. Denn die ÖTV hat einen Streik angesetzt. Auch die Schleusenwärter sind dabei. "Wenn die Schleusen nicht funktionieren, können wir nicht fahren." Die Gäste fordern ihr Geld zurück. Die Dauer des Streiks ist nicht absehbar, damit kann auch der Unternehmer keine längerfristigen Reisen planen. Dennoch finden schließlich wieder Fahrten statt. Doch die Pechsträhne reißt nicht ab. Van de Lücht hat Telefon und Fax-Gerät an Bord. Aber zwischen Oranienburg und Waren steckt sein Schiff im Funkloch. Er ist nicht erreichbar. "Ein übereifriger Bankangestellter hat daraufhin den Kredit fällig gestellt." Eine schnelle Umfinanzierung sei ihm nicht gelungen, sagt Van de Lücht. Und noch ein Zwischenfall erwartet ihn. Er ist mit sechs Gästen auf der Fahrt nach Schwerin, als das Schiff auf einen Geröllhaufen aufläuft. Ein Bagger muss zur Räumung kommen. Nach all den Verlusten meldet Van de Lücht 1992 Insolvenz an. Sein Schiff wird gepfändet und vor der Halbinsel Stralau an die Kette gelegt. Doch Van de Lücht glaubt an sein Konzept, will andere Finanzierungsquellen finden und Reisen anbieten. Er verhandelt, lebt auf dem Schiff.

Dann kommt der 15. Oktober 1996. Er hat einen Termin in der Senatswirtschaftsverwaltung, bei der Anlaufstelle für Investoren.

Behörde lässt Schiff abtransportieren

Das Gespräch macht Mut. Doch als er zurück ans Stralauer Ufer ankommt, ist das Schiff verschwunden. Mit ihm Van de Lüchts Büro, Telefon, Fax, Bett und Kleiderschrank. Er sucht die "Dr.Ingrid Wengler" und findet sie zwei Tage später in der Spree, nahe dem Treptower Ufer. Das Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin hat sie dorthin transportieren lassen. Das Schiff habe jahrelang ungenehmigt an der öffentlichen Liegestelle für die Berufsschifffahrt in Stralau gelegen, teilt die Behörde mit. Dadurch sei es Frachtschiffen unmöglich gewesen, anzulegen. Van de Lücht sei in einer Verfügung aufgefordert worden, sein Schiff zu entfernen, habe dies aber nicht getan. Doch der Schiffseigner sagt, er habe Widerspruch gegen die Verfügung eingelegt. "Ich wähnte mich auf der sicheren Seite, weil ich den Einspruch fristgerecht erhoben hatte." Aber von der Behörde bekommt er zu hören, sein Schreiben sei nicht eingegangen. Was ihm bleibt, ist das Schiff in einiger Entfernung vom Ufer. Es ist nicht winterfest gemacht, das Seeventil nicht geschlossen. Wasser steht in den Leitungen, friert und taut wieder auf. Rohre platzen. Der Eigentümer führt einen Prozess gegen das Wasser- und Schifffahrtsamt und verliert. Im Schiff richten unterdessen ungebetene Besucher Schaden an. Van de Lücht kommt nur noch ungern in die Nähe. Verbittert ist er nicht. "Ich habe Abstand gewonnen", sagt er. Seine Erfahrungen mit Banken und Behörden hat er in dem Buch "Jagd auf Existenzgründer" zusammengefasst.