Wohnen auf dem Bunkerdach

Der Gasometer an der Fichtestraße kann wie nur wenige Bauten in Berlin etwas von der wechselvollen Historie der deutschen Hauptstadt "erzählen".

Kreuzberg Der Gasometer an der Fichtestraße kann wie nur wenige Bauten in Berlin etwas von der wechselvollen Historie der deutschen Hauptstadt "erzählen". Erst technisches Wunderwerk, später Obdachlosenasyl und Lebensmitteldepot. Im Zweiten Weltkrieg war der Koloss aus Stahl und Beton vor allem einer der größten Luftschutzbunker Berlins. Hinter 1,80 Meter dicken Stahlbetonwänden brachten Mütter ihre Kinder zur Welt, Alte und Kranke beteten in verliesartigen Kammern um ihr Leben.

Vom Leben und Sterben im "Fichtebunker" kann der zufällige Besucher heute kaum etwas erfahren. Das Denkmal fristet seit Jahren ein eher kümmerliches Dasein. Das soll sich nun ändern. Der Berliner Architekt Paul Ingenbleek ("office 33") und sein Partner Michael Ernst wollen den Dornröschenschlaf des Bauwerks möglichst schnell beenden.

Im vergangenen Jahr haben sie mit einem Finanzinvestor die jahrlang als unverkäuflich geltende Immobilie vom Liegenschaftsfonds des Landes übernommen. Nun will Architekt Ingenbleek den "Fichtebunker" in eine der schönsten Wohnadressen der Stadt verwandeln und - in Kooperation mit dem Verein "Berliner Unterwelten" - Teile des geheimnisumwitterten Inneren der Öffentlichkeit wieder zugänglich machen. "Vieles ist noch sehr gut erhalten. Man bekommt regelrecht Gänsehaut, wenn man durch dir Räume geht", sagt Architekt Ingenbleek, der lange nicht weit entfernt vom Bunker wohnte. Auch als Architekt sei es für ihn "eine große Herausforderung, aus dem Bunker etwas zu machen". Schon im Sommer, so hofft er, werde es erste Führungen durch die Anlage geben. Möglich wird die private Investition in den Erhalt des Denkmals jedoch nur durch eine kommerzielle Nutzung. Ingenbleek plant auf dem 8000 Quadratmeter großen Areal an der Fichtestraße 5-12 eine "spannende Mischung aus Geschichte und Zukunft". Kernstück ist ein "Circlehouse" auf dem Dach des Bunkers. Unter der zwölf Meter hohen Kuppel aus Stahlsegmenten soll es auf zwei Ebenen zwölf tortenförmig geschnittene Quartiere geben. "Phantastischer Blick über die Stadt" inklusive, so Ingenbleek.

Ergänzt werden die Panorama-Apartments durch weitere 19 Wohnungen in neuen Häusern am Boden. Insgesamt sollen 12,5 Millionen Euro in das Projekt investiert werden. Der Bauantrag liegt dem Bezirksamt inzwischen vor. Ende des Jahres sollen die ersten Nutzer einziehen. Bereits jetzt gebe es eine große Liste von Interessenten. "Darunter kommen viele aus der Fichtestraße und ihrer Umgebung", sagt Ingenbleek.

Ein Teil der Anwohner befürchtet, dass sich der Kiez nun in ein Luxusquartier verwandelt. "Einige wünschen sich, dass alles bleibt, wie es ist", sagt Bürgermeister Franz Schulz (Grüne) nach einer "teilweise hitzigen Diskussion" am Dienstagabend. Das Baurecht lasse eine Bebauung des Areals aber ausdrücklich zu. Zur Sicherung des Denkmals werde der Investor konkrete Auflagen durch den Denkmalschutz erhalten. So dürfe etwa der geplante Außenfahrstuhl nicht in der Sichtachse zur Fichtestraße liegen.