Angst vor neuer Drogenszene in der Paul-Hertz-Siedlung

"Erst vor einigen Tagen, als ich abends nach Hause kam, saßen zwei Drogensüchtige mit Spritzbesteck, Löffel und Kerze auf den Treppenstufen vor meiner Haustür", berichtet Wolfgang Schwaneberg, der seit mehr als 40 Jahren in der siebten und obersten Etage eines Wohnhauses an der Delpzeile wohnt.

Charlottenburg "Erst vor einigen Tagen, als ich abends nach Hause kam, saßen zwei Drogensüchtige mit Spritzbesteck, Löffel und Kerze auf den Treppenstufen vor meiner Haustür", berichtet Wolfgang Schwaneberg, der seit mehr als 40 Jahren in der siebten und obersten Etage eines Wohnhauses an der Delpzeile wohnt. "Bis die von mir alarmierte Polizei eintraf, waren die Fixer verschwunden." Die Anwohner der Paul-Hertz-Siedlung in Charlottenburg-Nord sind verunsichert und beunruhigt, seit sich die bislang ruhige Wohnanlage zusehends zu einem Drogentreff entwickelt.

Besonderes Ärgernis der Bewohner ist, dass die Süchtigen nicht nur die Grünanlagen in der Nähe des Kurt-Schumacher-Platzes zum Handel nutzen, sondern in den Treppenhäusern die Drogen konsumieren - und danach gebrauchte Spritzen hinterlassen. Schwaneberg: "In unserem Haus leben auch viele Kinder. Da macht man sich Sorgen."

Drogenkonsum im Treppenhaus

Mit einem simplen Trick verschaffen sich die Drogenkonsumenten Einlass, wie Wolfgang Schwaneberg beobachtet hat: Sie klingelten bei beliebigen Adressen und sagten auf Nachfrage "Werbung", worauf sie meist per Summer eingelassen würden.

"Es liegt an den Mietern selbst, ob sie die Türen abends abschließen", sagt Volker Hartig von der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag, der die dortigen Häuser gehören. Wegen des zunehmenden Drogenproblems sei außerdem ein Sicherheitsdienst eingerichtet worden, der regelmäßig patrouilliere. "Wenn Mieter sich unsicher fühlen, können sie anrufen und werden von unseren Leuten begleitet."

Als eine Nachbarin spät abends vom Dienst kam, sei das Geländer in ihrem Treppenhaus blutverschmiert gewesen, berichtet Wolfgang Schwaneberg. Als die Krankenhaus-Laborantin im Schichtdienst die vollgedröhnten Junkies fragte, was denn passiert sei, flüchteten die Männer. Schwaneberg: "In Zeiten von Aids sind solche Vorfälle beunruhigend."

Gebrauchte Spritzen in den Treppenhäusern und Grünanlagen zwischen den Wohnhäusern -Sträucher und Büsche als Drogendepots. "Eine Nachbarin warnte mich, dass sie Männer im Gebüsch vor meinem Fenster gesehen hat, die sie für Einbrecher hielt", berichtete eine Anwohnerin. Die Frauen hätten dann beobachtet, wie Drogen-Portionen versteckt und wieder abgeholt wurden.

Nach Auskunft der Polizei-Pressestelle sei bekannt, dass die U-Bahnlinie 7 insbesondere im Bereich Jungfernheide ein Drogenschwerpunkt sei. Einen neuen Brennpunkt in der Paul-Hertz-Siedlung kenne man bislang nicht. "Wir werden das im Auge behalten", sichert Marcel Kuhlmey zu.

Auch die im Bezirksamt zuständige Stadträtin Martina Schmiedhofer (Grüne) und ihre Mitarbeiter haben bisher keine Anzeichen für einen Drogen-Schwerpunkt. Möglicherweise handele es sich um den Beginn einer Verlagerung oder einen Ableger des Drogen-Brennpunktes am Bahnhof Jungfernheide: "Wir haben in diesem Bereich ein sehr dichtes Netz sozialer Organisationen. Sollte sich die Szene in die Paul-Hertz-Siedlung verlagern - wir sind schon da."

Architektur der 60er-Jahre

Die Anfang der 60er-Jahre erbaute Paul-Hertz-Siedling wurde nach Plänen von Wils Ebert, Werner Weber und Fritz Gaulke auf ehemaligem Kleingartenland gebaut, um die Wohnungsnot in West-Berlin zu lindern. Die Siedlung galt damals als Musterbeispiel für den "organischen Städtebau", weil die Häuser nicht an den Straßen ausgerichtet wurden, sondern die einzelnen Baukörper frei gestellt wurden.

Ein Nachteil der aufgelockerten Bauweise zeigt sich jetzt: Die dadurch entstandenen vielen kleinen Grünstreifen bieten den Drogenkonsumenten und auch Dealern nun reichlich "Bunker"-Möglichkeiten. Ein für Kinder gedachter Bauwagen (kl. Foto) wird abends von Junkies genutzt.

Die Siedlung war immer schon durch mehrere Bus-Linien gut an das öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen. Seit 1980 hat sie mit der Station Jakob-Kaiser-Platz auch eine Anbindung an die U-Bahnlinie 7. Diese Linie ist seit Jahren als "Drogen-Linie" bekannt (siehe unten) In der Paul-Hertz-Siedlung leben etwa 6000 Menschen.