Nie zu alt für Rock'n'Roll

Rahnsdorf - «Wenn man den ganzen Tag als Steuerberater mit langweiligen Zahlen hantiert, dann muss man wenigstens am Abend etwas Verrücktes tun.» Und das haben Roswitha und Horst Todt mit viel Schwung und Rhythmus ihr Leben lang getan: Ihre Liebe galt - und gilt auch 74- und 64-jährig - der Musik der 30er- bis 50er-Jahre und dem Rock'n'Roll.

«Wer kann denn heute noch eine Polka oder einen Charleston tanzen oder gar einen Black Bottom?» Roswitha und Horst, die beiden Rock'n'Roll-Veteranen, fiebern dem kommenden Freitag entgegen. Dann soll im Strandhaus am Fürstenwalder Damm 838 in Rahnsdorf der von Horst Todt seit 52 Jahren gehaltene Weltrekord im Dauertanzen eingestellt werden. 318 Stunden und 47 Minuten hat der damals 23-Jährige im Berliner «Thefi» durchgehalten. Das soll ihm mal jemand nachmachen.

Wer es wagen möchte: Unter Telefon 293 38 00 kann man sich zum lukrativen Internationalen Tanzmarathon 2002 am Müggelsee anmelden. Am 17. Mai um 21 Uhr startet das Marathontanzen, das ärztlich streng überwacht wird und jede Nacht eine vierstündige Schlafpause vorschreibt. Selbst wenn kein Tänzer ähnlich lange wie damals Horst Todt durchhalten kann - 24 Stunden reichen schon, um ins Guinness Buch der Rekorde zu kommen. In dem ist bislang vom Dauertanzen nichts zu lesen. Ausdauersportarten sind nämlich erst seit einem Jahr zugelassen.

Der Weltmeister 1950 bekam eine Couch, zwei Sessel und einen Beistelltisch. Auf den Marathon-Sieger 2002 warten ein Mazda-Van, 5000 Euro und ein Erholungswochenende. Die Preise reizen auch Alex Lorenz aus Friedrichshain, der sich für den Tanzmarathon in der Disko fit gemacht hat. 16 Stunden Tanzen im Stück hat er bereits hinter sich. «Ich geh gern an meine Grenzen. Mal sehen, was für Musik geboten wird», davon will Alex seinen Einsatz abhängig machen.

Auf jeden Fall werden Roswitha und Horst Todt dabei sein. Sie sind die Ehrengäste des Abends, werden die Show mit einer kleinen Tanzeinlage eröffnen. Ein Jazzstück aus den Dreißigern vielleicht. «Die Musik muss den Gästen doch in die Füße gehen, sie zum Mittanzen animieren», weiß Roswitha Todt aus Erfahrung. Man merkt es ihr an: Sie würde gern selbst mithalten, aber das Alter . . .

Immerhin: Für das Ambiente im Strandhaus zeichnen beide verantwortlich. Sie haben ein paar Stücke aus ihrem reichen Erinnerungsschatz an ein Tanzleben - Vitrinen voller Pokale, 50 Fotoalben, mehr als 1000 CDs und 800 Videos mit Rock-Wettbewerben - zur Verfügung gestellt. Dazu zählen auch Pettycoats, Horst Todts Tanzhemd anno 1949, für das ein alter Morgenrock herhalten musste, ihre Ballerinas und seine schwarz-weißen Dandy-Schuhe.

Nach seinem Tanzrekord 1950 tingelte Horst Todt durch die amerikanischen Clubs in Deutschland und gründete 1953 den ersten Rock'n'Roll-Klub «Rocking Club». Heute leben er und seine Roswitha auf einem landwirtschaftlichen Anwesen bei Trebbin - nicht eben ein typischer Altersruhesitz für Steuerberater: Riesenboxen im Schweinestall, der zum Tanzboden ausgebaut wurde, beschallen den Innenhof unablässig mit Swing. Die Wohnung der «Rock-Oldies» wurde im Getreidesilo eingerichtet. Das alte Bauernhaus ist an junge Leute vermietet, die die Boogie-Woogie-Welt des Altmeisters akzeptieren. «Wir hampeln hier alle ein bisschen rum», schmunzelt Roswitha Todt.