Bauboom in West-Staaken

Der alte Mauerstreifen entlang des Nennhauser Damms ist kaum noch zu erkennen. Wo einst der Todesstreifen das westliche vom östlichen Staaken trennte, stehen inzwischen wieder Häuser oder sprießt Grün. Vor zwölf Jahren wurde der westliche Teil Staakens per Einigungsvertrag wieder an Spandau angegliedert. Die Einwohnerzahl hat sich seither auf mehr als 8000 verdoppelt.

Zirka 1500 neue Wohnungen sind entstanden - auf den Mauerbrachen, vor allem aber auf geteilten Grundtücken. Die Infrastruktur hinkt dem Wachstum hinterher. Zwar wurden mehrere Millionen Euro in die Kanalisation investiert, Kitas modernisiert und die Lindengrundschule erweitert. Die Straßen sind aber noch in schlechtem Zustand. 40 Kilometer sind reine Sandpisten. Doch der Bauboom hält an: Noch immer gibt es jährlich etwa 50 Bauanträge für Einfamilienhäuser. Am Nennhauser Damm entsteht das Mühlenviertel mit 91 Eigenheimen.

Der Bauboom wird von Alteingesessenen und Zugezogenen gleichermaßen beargwöhnt. «Da hätte man gleich in der Stadt bleiben können», schimpft Gerda Schulz, die aus Charlottenburg auf das Grundstück ihres Großvaters am Jänischweg gezogen ist. 80 Prozent aller Grundstücke waren von Rückübertragungsansprüchen betroffen. Anfeindungen habe es aber nicht gegeben, so Frau Schulz. «Das sind hier ja fast alles neue Leute.»

In West-Staaken gab es einen dramatischen Bevölkerungsaustausch. Nur ein Viertel der ehemaligen Bewohner ist geblieben. Viele Alteingesessene hätten sich ins Private zurückgezogen, sagt Norbert Rauer, evangelischer Pfarrer in Alt-Staaken. Die Kirche hat profitiert von der Bevölkerungsdynamik: Waren 1990 nur drei Prozent der etwa 4000 West-Staakener Mitglied der Kirche, sind es heute 25 Prozent.

Immer noch hat die PDS dort ihre Spandauer Hochburg, auch wenn die zunächst zweistelligen Ergebnisse zuletzt auf 9,4 Prozent gefallen sind. Ein Staakener, der anonym bleiben will: «Hier sind doch alle Betriebe zusammengebrochen. Das vergessen die Leute nicht so schnell.» Im Kreis Nauen war West-Staaken Industrieschwerpunkt. Quarzschmelze oder VEB Plaste wurden abgewickelt, das Kreiskrankenhaus Nauen aufgegeben. Auch wenn es rund um den alten Flugplatz zahlreiche Neuansiedlungen gibt, so stehen etwa 2000 weggefallenen Arbeitsplätzen nur einige hundert neue gegenüber.