Bei Schlüterbrot ist der Ofen aus

Schöneberg - Feiner Mehlstaub hängt in der Luft, der Duft von frischem Brot zieht durch die Hallen. In großen Bottichen gärt der Sauerteig, für die Laibe stehen Strohkörbe bereit. Das Vollkornbrot wird von Hand aus ein Meter langen Holzformen auf das Band gestürzt. In den denkmalgeschützten Hallen der 90 Jahre alten Brotfabrik an der Eresburgstraße kann man das Produkt noch sehen, schmecken und riechen. Doch dieses Stück Berliner Backtradition ist bald Geschichte. Am 29. Juni werden die letzten Brote ausgefahren. Die Schlüterbrot GmbH stellt zum 30. Juni die Produktion ein.

85 Mitarbeiter stehen dann auf der Straße, sagt Chefin Dagmar Stehr, die jeden auf dem Gelände kennt und per Handschlag begrüßt. «Bis Ende Juni bekommen sie ihr Geld und ihren Urlaub bezahlt. Mehr schaffe ich nicht.» Sie habe immer gedacht, das Unternehmen über Qualität und Service halten zu können, aber das sei vorbei. Frau Stehr macht sich keine Illusionen: «Für ein mittelständisches Unternehmen wie unseres ist auf dem Markt kein Platz mehr», sagt die geschäftsführende Gesellschafterin. «Ich hätte nie gedacht, dass wir wegen des Preisdrucks des Handels schließen müssen.» Doch bei den Konditionen, die ihr Hauptabnehmer diktiere, gehe selbst ein florierender Betrieb in die Knie.

2001 verzeichnete ihr Unternehmen mit verpacktem Brot, Kuchen, Dauer- und Tiefkühl-Backwaren noch einen Umsatz von etwa 8,2 Millionen Euro. Die Konditorei musste schon im August schließen, weil ein Großabnehmer absprang. Das Hauptgeschäft mit 20 Brotsorten ist nun auch passé. Bis zuletzt werden 1,5 Millionen Brote pro Monat ausgeliefert.

Erst im Oktober hatte ihr Hauptabnehmer Aldi eine Preissenkung von zwei Prozent verlangt, im März forderte er weitere Nachlässe und wollte zudem noch die Zahlungsfrist verlängern, sagt Frau Stehr. «Da können nur Großkonzerne mithalten, die nicht von diesem Segment abhängig sind.» Jahrelang habe sie gut mit Aldi zusammengearbeitet, nun ziehe man ihr den Boden unter den Füßen weg. «Bis Jahresende muss ich das Gelände räumen und die Maschinen verkaufen oder verschrotten.»

Auf dem Berliner Markt bleiben nun nur noch Wendeln (Kamps/Barilla) und Harry-Brot aus Marzahn. Auf der Strecke bleibt auf Dauer die Qualität, meint die Betriebswirtin, die von ihren Produkten, die ohne Konservierungsstoffe auskommen, überzeugt ist: «Es kann nicht sein, dass alles immer billiger wird und gleichzeitig gut bleibt. Die Produktions- und Rohstoffpreise sinken auch nicht.»

1993 hatte Dagmar Stehr die damals insolvente Schlüterbrot und Bärenbrot GmbH mit zwei Mitarbeitern übernommen und wieder aufgebaut. Für 70 Prozent der Produktion baute sie sich den Discounter Aldi mit zuletzt 100 Filialen als Großkunden auf. 30 Prozent der Ware gingen als Export nach Frankreich und Italien. Einen Teil des 20 000 Quadratmeter großen Grundstücks vermietete sie.

Dagmar Stehr hat schweren Herzens aufgegeben. «Ich bin jemand, der kämpft - aber hier kann ich nichts mehr tun.» Am 23. Mai steht noch ein Termin bei Wirtschaftssenator Gregor Gysi (PDS) an. Viel Hoffnung hat sie nicht. «Bei uns wird der Mittelstand zerstört, in Frankreich und Italien wird das so nicht zugelassen.»