Umstritten - der "Richter" von Neukölln

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Kathrin Hedtke

Mit festem Schritt eilt Hassan Allouche über das Gelände eines Autohändlers in Kreuzberg, vorbei an Dutzenden Gebrauchtwagen.

Neukölln Mit festem Schritt eilt Hassan Allouche über das Gelände eines Autohändlers in Kreuzberg, vorbei an Dutzenden Gebrauchtwagen. Unter einem Stoffpavillon setzt er sichauf einen Plastikstuhl und schiebt seine Visitenkarte über den Tisch. "Arabischer Friedensrichter" steht darauf. "Wenn es irgendwo Streit gibt, werde ich angerufen und sorge für Frieden", sagt Allouche. So sei er bei Familienfehden und Blutrache im Einsatz.

Allouche weiß, wovon er spricht: Entfernte Verwandte von ihm seien selbst in einen tödlichen Streit zwischen zwei verfeindeten Familien verwickelt gewesen. Der Mann mit dem grauen Stoppelbart öffnet sein Holzfällerhemd und schlägt auf einen harten Panzer: "Ich gehe nie ohne kugelsichere Weste aus dem Haus", sagt er. Im Oktober 2004 sei sein Bruder auf der Straße erschossen worden. Seither fürchte auch er um sein Leben.

Seine Klienten sind in erster Linie gebürtige Libanesen, Palästinenser, Ägypter und Türken. Trotzdem will Allouche den Text auf der Karte ändern lassen, künftig will er sich "deutscher Friedensrichter" nennen. Vor 35 Jahren sei er vor dem Bürgerkrieg aus dem Libanon geflüchtet, seit 13 Jahren habe er die deutsche Staatsangehörigkeit. "Ich bin Deutscher und tue das für Deutschland", sagt Allouche. Viele sehen das jedoch anders. Seine Kritiker werfen ihm vor, "Parallelgesellschaften" zu fördern.

Für den Migrationsbeauftragten des Bezirks Neukölln, Arnold Mengelkoch, sind Friedensrichter Teil des Problems. "Diese Tradition aus arabischen Ländern läuft vorbei an unserer Polizei, unserem Jugendamt und unserer Justiz." Gerade ausländische Familien mit niedrigem Bildungsgrad hätten wenig Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat. In ihren Heimatländern hätten sie die Polizei oft als korrupt erlebt und als ihren Feind wahrgenommen. Zudem kennen sich laut Mengelkoch viele Migranten nicht mit dem hiesigen Rechtssystem aus. Allouche begleitet sie auch bei Behördengängen.

"Wenn Friedensrichter arbeitslos werden, ist das ein Zeichen für Integration", sagt Mengelkoch. Er schätzt, dass es jedes Jahr in Berlin "mehrere Fälle" von Blutrache gebe. Es sei gut, wenn Friedensrichter Mord und Totschlag verhinderten - allerdings sei dafür die Polizei zuständig. Mengelkoch kritisiert, dass sich Allouche für seine Hilfe bezahlen lässt, dadurch sei er parteiisch. Allouche beteuert, kein Honorar zu verlangen: "Aber wenn mir jemand etwas schenkt, nehme ich es." Sein Amt habe er vererbt bekommen, bereits sein Urgroßvater sei im Libanon Friedensrichter gewesen. Allouche behauptet, in Berlin sei er der einzige Friedensrichter. Offizielle Angaben gibt es nicht. Er sei kein Moslem, betont Allouche: "Ich glaube an Allah, aber Religion interessiert mich nicht." Er entscheide nicht nach der Scharia, sondern nach "deutschen Regeln und deutscher Mentalität".

Nach Ansicht des Neuköllner Bezirksverordneten Nader Khalil (CDU) versucht der Friedensrichter, "sich zwischen Staat und Community zu stellen, um sich eine Rolle zu verschaffen." Er bewege sich in einer Grauzone. Dabei dürften deutsche Behörden ihn nicht unterstützen, fordert Khalil. Allouche vertrete nicht die deutschen Gesetze: "Er vertritt seine eigenen Gesetze." Der Friedensrichter urteile subjektiv, dadurch könne neues Unrecht entstehen.

Auch die Polizei äußert sich kritisch. Bei Streitigkeiten innerhalb einer Großfamilie oder zwischen zwei Familien könnten die Bemühungen eines Friedensrichters "durchaus hilfreich" sein, sagt ein Polizeisprecher. Allerdings versuche der Friedensrichter auch, eine "aus seiner Sicht kontraproduktive Einmischung der Polizei" zu verhindern, indem er Zeugen beeinflusse und "Ratschläge" zum Umgang mit Beweisen erteile. "Die Polizei tut gut daran, gegenüber sogenannten Friedensrichtern äußerste Zurückhaltung zu wahren."