Türken bleiben unter sich

Das Klischee ist tief verwurzelt: Kreuzberg = Klein-Istanbul. Die U 1 heißt im Volksmund schon seit ewigen Zeiten "Orient-Express". Der Wochenmarkt am Maybachufer ("Türkenmarkt") ist längst eine Gesamtberliner Multikulti-Institution. Und auf der Brücke über der Adalbertstraße steht zweisprachig "Zentrum Kreuzberg - Kreuzberg Merkezi". In der Tat überschreitet eine unsichtbare Grenze, wer aus Richtung Westen kommend auf der Oranienstraße den Oranienplatz überquert.

47 058 Ausländer lebten Ende 2002 in Kreuzberg, das damit den höchsten Ausländeranteil aller Berliner Alt-Bezirke hat. Darunter waren allein 23 845 türkische Staatsbürger. Und wo der heutige Stadtteil mit 24 Prozent Arbeitslosen ohnehin in der Berliner Statistik mit ganz vorne liegt, da sind sogar 42 Prozent der Türken arbeitslos. 41,5 Prozent der unter 18-jährigen Ausländer leben in Kreuzberg von Sozialhilfe. 26,4 Prozent der ausländischen Schüler verlassen die Schule ohne Abschluss.

Die meisten Türken leben in der zweiten Generation hier, sind längst keine Gastarbeiter mehr. Viele betreiben Firmen und Geschäfte speziell für die Bedürfnisse ihrer Landsleute: türkische Cafés und Restaurants, Reisebüros, Zeitungsredaktionen. Sie sind Rechtsanwälte, Zahnärzte oder Betreiber von Internet-Cafés und Telefonläden.

Und doch: "Am meisten zu schaffen macht uns nach wie vor die Ghettoisierung", sagt Ulrike Ehrlichmann, Ausländerbeauftragte von Friedrichshain-Kreuzberg. "Die Türken bleiben unter sich, in ihren Familien und im Dunstkreis ihrer Landsleute. Wie sollen wir Integrationsarbeit leisten, wenn alle unsere Initiativen am mangelnden Interesse verpuffen? Wenn mit Geld des Quartiermanagements etwa ein Spielplatz wiederhergerichtet worden ist, wird er dankbar in Anspruch genommen, aber von Eigeninitiative vorher kann keine Rede sein."

Neben der Sprachbarriere - "Bereits in den Kitas sind oft 60 bis 70 Prozent Türken, da wird dann allen Einwirkungen zum Trotz Türkisch gesprochen" - sieht die Ausländerbeauftragte auch im Islam einen Grund für die Abschottung: "Die Abgeschlossenheit der Gemeinden gegenüber der deutschen Zivilgesellschaft und Verwaltung ist - teils aus Angst, teils wegen der Sprachschwierigkeiten - sehr hoch. Am besten funktioniert das Zusammenleben noch über Mütterkurse, wo die Frauen über ihre Kinder in Kontakt kommen."

Ein solches soziales Klima begünstigt auch Kriminalität. "Es ist unmöglich, aus dem Kottbusser Tor ein gutbürgerliches Umfeld zu machen", sagt Jörg Wuttig, Leiter des für den Bereich zuständigen Polizeiabschnitts 53. Nach Wuttigs Angaben waren 2002 an etwa 50 Prozent der Fälle von gefährlicher Körperverletzung in der Öffentlichkeit ausländische Täter beteiligt, bei Drogenvergehen waren es etwa 40 Prozent, bei Straßenkriminalität rund 45 Prozent. "Insgesamt werden 40,6 Prozent aller Straftaten hier von Tätern ausländischer Herkunft begangen. Andererseits haben wir inzwischen keine Probleme mehr mit organisierten türkischen Jugendbanden."

Trotz aller Probleme: Der Kiez um das Kottbusser Tor ist nach wie vor ein von vielen geliebtes Wohnumfeld. "Es wäre eine Katastrophe, wenn jetzt aus irgendeinem Grund plötzlich alle türkischen Obstgeschäfte oder Döner-Läden nicht mehr da wären" , sagt Horst Wiessner (81), seit drei Jahrzehnten im Kiez ansässig und Vorsitzender des Mieterbeirats im Zentrum Kreuzberg, der 1000 Mieter vertritt. "Sicher sind nicht alle Nachbarn zufrieden mit der Umgebung, aber alles in allem leben wir mit den Türken in guter Nachbarschaft, denn das sind nette Menschen."