Beschauliches Leben abseits des Großstadt-Trubels

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Peter Oldenburger

Untypisch für eine Metropole lebt es sich südwestlich von Dahlem. Ruhige Vorortlage, großer Baumbestand und zahlreiche Ufergrundstücke haben sie alle gemeinsam, die Ortsteile Schlachtensee, Nikolassee und Wannsee. Bevorzugte Wohngebiete für Professoren, Ärzte, Juristen und andere Akademiker, Prominente und Betuchte.

Reich an Villen und Prominenten ist auch Schlachtensee, wo das Schauspieler-Ehepaar Klaus Sonnenschein und Edith Hancke sowie Günter Pfitzmann zu Hause sind. Städtisch lebhaft geht es allenfalls noch am Mexikoplatz und rings um die Kreuzung Matterhorn- und Breisgauer Straße zu. Rappelvoll ist bei schönem Wetter die Liegewiese und der Rundweg um den Schlachtensee mit seinem umstrittenen Hundeauslaufgebiet.

Im Vorjahr waren die zwei Brunnen am Mexikoplatz, den der Zehlendorfer Gartenbaukünstler Emil Schubert gestaltet hat, bezirksweit die einzigen Fontänen, die dank privater Spenden sprudelten. An Christi Himmelfahrt heißt es dort wieder "Wasser Marsch". Am selben Tag soll auch der Brunnen am Hermann-Ehlers-Platz angestellt werden. Beendet ist der Umbau des 1903/04 im Jugendstil errichteten Bahnhofsgebäudes mit neuen Geschäften. Nur der Behindertenaufzug zum Bahnsteig ist noch im Bau.

Als Kurort durchgehen könnte die auf dem Reißbrett konzipierte Villenkolonie Nikolassee. Jedenfalls abseits der Avus-Trasse, wo zuletzt heftig um Tempo 60 gestritten wurde. Der Stadtteil ist erst im Jahr 1900 von der Heimstätten-Aktien-Gesellschaft (HAG) unter Vorsitz des Kommerzienrates Hugo von Krottnauer gegründet worden. Nur zwei Jahre später konnte der von der Gesellschaft finanzierte Bahnhof eröffnet werden, die Verbindung mit der Stadt beförderte den Aufschwung der jungen Kolonie.

Großstädtisch war damals bereits die Infrastruktur: alle Häuser hatten Gas, Strom und Wasseranschluss, viele zudem Telefon, heißt es in einem HAG-Prospekt von 1910. In jenem Jahr zählte Nikolassee bereits 1379 Einwohner und 190 Wohngebäude und wurde - wie Wannsee 1898 - zur selbstständigen preußischen Landgemeinde "befördert". Zum Vergleich: Schlachtensee zählte 1904 schon 2143 Seelen. Gebaut werden durften in Nikolassee - wie auch in Schlachtensee - nur Villen und Landhäuser. Doch die Eigenständigkeit währte nur zehn Jahre, bis zur Gebietsreform 1920. Nikolassee wurde dem X. Bezirk Zehlendorf zugeordnet.

Noch heute dominieren kopfsteingepflasterte Straßen, gesäumt von Villen, Bungalows und Landhäusern das Ortsbild. Parkplatzprobleme sind hier unbekannt. Den Ortskern teilt die Rehwiese, ein Landschafts- und Wasserschutzgebiet, an dessen westlichem Rand die evangelische Kirche steht. Ein Rundgang auf dem Friedhof gegenüber - die Mauer hat das einzige Graffito weit und breit - zeigt, dass seit der Gründung hochrangige Offiziere und Beamte, Gelehrte und Künstler überproportional vertreten waren: Ehrengräber von Hermann Muthesius, Theo von Brockhusen oder Peter Lorenz zeugen davon.

Von nebenan kommt ein beständiges plopp-plopp von den Ascheplätzen des 1925 gegründeten Tennisklubs Grün-Weiss mit 750 Mitgliedern. So ruhig wie in Nikolassee geht es in Wannsee nur fern der Bundesstraße 1 zu. Selbst in den Ausflugslokalen am Ostufer der Berliner Badewanne erlebt man urbanes Gedränge. Wer aber mit den Ausflugsdampfern der "Stern und Kreis" von der Ronnebypromenade zur Sieben-Seen-Rundfahrt ablegt, kann die von Villen gesäumten Ufer-Parklandschaften von Pohle-, Stölpchen- und Kleinem Wannsee bewundern. Das sanierungsbedürftige Strandbad ist beliebt wie eh und je. Zum neuen Anziehungspunkt ist indes die Liebermann-Villa an der Colomierstraße geworden, nachdem der Tauchklub aus- und die Liebermann-Gesellschaft eingezogen ist. Kulturangebote bietet auch das gegenüber liegende Wannseeufer, wo am Sandwerder das Literarische Colloquium und die American Academy residieren. Für den Rückweg von Wannsee in die City kann man ICE-Züge der Bahn nutzen, die nach wie vor im Nobelvorort Station machen.