Neukölln

Schluss mit dem Leben auf Kredit

Neukölln ist das Schulden-Zentrum der Republik. Selbst Jugendliche haben hier häufig Verbindlichkeiten im fünfstelligen Bereich. Die Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle "Arbeitskreis Neue Armut in Neukölln" veranstaltet deshalb seit 2006 Schuldenpräventions-Seminare für Schüler, Arbeitslose und Azubis.

Die Klarsichtfolie mit den langen Balken auf dem Diagramm, die Friederike Flacke (29) mit einem Overheadprojektor an die weiße Wand wirft, verheißt nichts Gutes. "Schuldenfallen" steht dort als Überschrift in großen Lettern geschrieben. Jeder Balken steht für eine andere Art der Verschuldung. "80 Prozent aller Verbindlichkeiten verursachen Jugendliche in Neukölln, wenn sie zum Beispiel Handy-Verträge abschließen, deren Kosten sie sich nicht leisten können", sagt die Schuldnerberaterin. "Dicht gefolgt von Schwarzfahren, dem Überziehen des Girokontos und sonstigen Konsumschulden."

Geldsorgen verdrängt

Vor Friederike Flacke sitzt gut ein Dutzend arbeitslose Jugendliche unter 25 Jahren. Sie alle befinden sich zurzeit in einer Job-Qualifizierungsmaßnahme (MAE) des Arbeitsamtes. Erfahrungen mit Schulden haben hier fast alle schon einmal gemacht. Die Schuldnerberaterin will in ihrem rund zweistündigen Seminar in erster Linie aufklären. Zum Beispiel darüber, wie man Verbindlichkeiten möglichst vermeidet, besser mit Geld umgeht oder den typischen Kredit-Schuldenfallen entgeht.

Nirgendwo sonst in Deutschland ist die Schuldenquote so hoch wie in dem durch Einwanderer geprägten Bezirk. Im ersten Quartal dieses Jahres haben in dem Problembezirk 173 Bürger Privatinsolvenz angemeldet. Besonders betroffen sind aber junge Menschen. "Mehr als 20 Prozent der Jugendlichen haben bereits Verbindlichkeiten in Höhe von 10 000 Euro angehäuft", so Flacke.

Einer von ihnen ist Jan*. Dem 19-Jährigen machen mehr als 1400 Euro Schulden zu schaffen. Seine Gläubigerliste reicht vom Handy-Provider über die BVG bis hin zu seiner Hausbank. Vor nicht einmal zwei Jahren hat der Neuköllner einen Handyvertrag mit einem Anbieter abgeschlossen. Rechnungen aber hat er nie bezahlt. Im Gegenteil. "Ich habe meine Geldsorgen mit zunehmender Zeit einfach verdrängt", gibt Jan heute offen zu. "Irgendwie fehlte mir immer das Verständnis für den Wert des Geldes." Lange Zeit wusste er überhaupt keinen Ausweg. Nun will Jan jedoch regelmäßig die Sprechstunde der Neuköllner Schuldnerberatung aufsuchen, "um endlich von dem Schuldenballast wegzukommen".

Allein 2007 hat Friederike Flacke im Auftrag der Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle neben jungen Arbeitslosen auch Azubis und Schüler auf die Gefahren hingewiesen, die ein "Leben auf Pump" mit sich bringt. Dabei warnt sie die Jugendlichen nicht nur ausdrücklich vor der Schuldenmacherei. "Gleichzeitig gebe ich ihnen Tipps, wie man sich verhält, wenn man in der Geldschuld eines anderen steht", erläutert die Berlinerin.

Der Wettsucht verfallen

Ähnlich erging es auch Mike * (21), den deutlich mehr Schulden als seinen Sitznachbar Jan plagen. Dem dunkelhaarigen Lockenkopf mit dem Dreitagebart ist seine Wettsucht zum Verhängnis geworden. "Irgendwann brauchte ich einfach mehr Geld, um Woche für Woche auf Mannschaften in der Fußball-Bundesliga und Champions League zu setzen", berichtet der 21-Jährige. Die Folge: "Ich verlor natürlich häufig und pumpte daraufhin immer mehr Bekannte und Kumpel um größere Geldbeträge an", erinnert sich Mike. Inzwischen ist er in psychologischer Behandlung. "Meine Schulden" - so hat er sich es fest vorgenommen - "will ich nun ratenweise abzahlen."

In ihrem Neuköllner Büro arbeitet sich Friederike Flacke mit ihrer Klientin Mandy Seiler* durch einen Stapel unbezahlter Rechnungen und Mahnungen. Die erst 19-jährige Neuköllnerin belasten Verbindlichkeiten in Höhe von rund 10 000 Euro. "Ich bestellte immer wieder unzählige Kleidungsstücke bei diversen Versandhäusern", verrät die schüchterne junge Frau. Für Friederike Flacke kein Einzelfall: "Gerade der Versandhandel bietet Versuchungen, denen viele junge Menschen nicht widerstehen können." Aufgabe von Flacke ist es in solchen Fällen, "erst einmal die Schuldner dazu anzuhalten, Ordnung in ihr finanzielles Chaos zu bringen". Der verzweifelten Mandy rät sie zunächst, mit ihren Gläubigern schriftlich Kontakt aufzunehmen, um ihre persönliche finanzielle Situation darzustellen und eine aktuelle und aufgeschlüsselte Forderungshöhe anzufordern.

* Namen von der Redaktion geändert

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