Hufeisen-Siedlung

Wie wohnt man kulturell wertvoll?

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Dominik Ehrentraut

Gepflegte Gärten wechseln sich mit heruntergekommenen Fassaden ab. Die 20er-Jahre-Siedlung in Britz bietet ein Bild der Kontraste. Investiert wurde in die Anlage schon lange nicht mehr.

Manchmal, wenn Gero Striek mit seiner Hündin entlang den Reihenhäusern in der Liningstraße in Britz geht, muss er unweigerlich den Kopf schütteln. Für ihn ist es unverständlich, warum seine Straße, in der er seit 30 Jahren wohnt, eine Straße der Kontraste ist. In schöner Regelmäßigkeit wechseln sich jeweils gepflegte Vorgärten, akkurat geschnittene Hecken und frisch gemähter Rasen mit verwilderten und verwucherten Grünflächen ab.

Viele Haustüren sind frisch gestrichen. An Gero Strieks Haustür hingegen blättert die Farbe ab. "Ich bin nur Mieter, für die Tür ist der Vermieter zuständig", sagt Striek. Die anderen Häuser seien verkauft, die Eigentümer sind für den Anstrich selbst verantwortlich. Dass er den wenige Quadratmeter großen Vorgarten selber in Ordnung halten soll, will der 64-Jährige ebenfalls nicht einsehen.

540 Euro Kaltmiete zahlt der ehemalige Kriminalhauptkommissar für dreieinhalb Zimmer und 92 Quadratmeter. Zu viel, wie Striek findet. Dass seine Siedlung einmal als Weltkulturerbe der Unesco anerkannt werden soll, ruft weiteres Kopfschütteln hervor. "Die sollen sich erst einmal um meine Tür kümmern, bevor solch ein Antrag gestellt wird", so Striek.

Sechs Siedlungen wollen Welterbe-Titel

Anfang des vergangenen Jahres stellte der Bund einen entsprechenden Antrag beim Welterbezentrum der Unesco in Paris. Neben der denkmalgeschützten Hufeisensiedlung, die zwischen 1926/1927 erbaut wurde, sollen fünf weitere Siedlungen der 20er-Jahre folgen: die Gartenstadt Falkenberg in Treptow-Köpenick, die Siedlung Schillerpark in Wedding, die Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg, die Weiße Stadt in Reinickendorf und die Siemensstadt in Charlottenburg/Spandau.

Ein Welterbetitel ruft in Gero Striek zwiespältige Gefühle hervor. "Mich als Britzer würde es sehr freuen. Ein Weltkulturerbe-Titel würde die gesamte Siedlung aufwerten", sagt der gebürtige Berliner. Wie einst in Goethes Faust schlagen jedoch auch in seiner Brust zwei Herzen. Als Mieter befürchtet er mit dem einhergehenden Prestige Mieterhöhungen. "Angesichts dieser Kosten bin ich auch nicht bereit, für meine Tür selber aufzukommen."

Striek möchte ungern "seine" Siedlung schlechtreden. Seit mehr als 30 Jahren wohnt er schließlich dort, war immer zufrieden, schätzte den Plausch mit den Nachbarn an der Ecke, die gute Verkehrsanbindung, die Ruhe und das viele Grün. Doch manches ärgert ihn eben doch. Wie etwa die Grünanlage im Innern der Hufeisensiedlung.

In der Anlage wohnt seit 1927 Hildegard Reimann. Die 85-Jährige ist damit eine der Ersten, die in die von Bruno Taut und Martin Wagner konzipierte Siedlung zogen. Auch sie schätzt die gute Verkehrsanbindung und die nette Nachbarschaft. Ein Dorn im Auge ist ihr der stark zugewachsene Teich, ebenso die verwilderten Grünflächen im Innern der hufeisenförmigen Siedlung. "Ich hoffe, dass wir als Weltkulturerbe anerkannt werden. Dann passiert hier hoffentlich etwas", sagt sie. Der kleine Teich ist mit Algen überzogen, dazwischen wuchert Gras und Unkraut auf den weiten Freiflächen. Ein Zustand, den Hildegard Reimann als nicht hinnehmbar empfindet.

Grünanlagen sind verwildert

Für die Pflege der Grünflächen und der großen Freitreppe zum Inneren der Siedlung ist der Bezirk Neukölln zuständig. Das klamme Bezirksamt kann sich allerdings eine umfassende Grünanlagenpflege nicht leisten. Seit Mai dieses Jahres wurde wegen Sparmaßnahmen die Pflege der Grünanlagen an drei externe Unternehmen vergeben. "Diese führen allerdings nur eine sogenannte Verkehrssicherungspflege durch, also Maßnahmen, die notwendig sind, damit sich die Bewohner durch die Anlage überhaupt bewegen können", sagt Bezirksstadtrat Thomas Blesing (SPD).

Umfassende Gärtnerarbeiten seien schlichtweg zu teuer. Auch die notwendigen Sanierungsarbeiten an der Freitreppe könnten aufgrund des Denkmalschutzes nicht durchgeführt werden. "Die Kosten für eine denkmalgerechte Instandsetzung sind doppelt so hoch, als wenn die Treppe einfach in Beton gegossen werden würde", sagt Thomas Blesing.

Blesing plädiert daher dafür, dass die Wohnungsbaugesellschaft Gehag stärker an der Finanzierung beteiligt werden sollte. Diese sei jedoch wenig daran interessiert, so Blesing. Die Pflege der Anlage birgt nicht zum ersten Mal Konfliktpotenzial. Bereits im März des vergangenen Jahres war es aufgrund der nötigen Reparaturarbeiten an der großen Freitreppe zu Kompetenzstreitigkeiten zwischen Bezirk und Gehag gekommen.

Streitigkeiten zwischen Bezirk und Gehag

Die Wohnungsbaugesellschaft sieht ihre Kompetenzen im Wesentlichen in der Pflege der Vorgärten. Für das Grün an der Vorderfront der Häuser sei ein Bewirtschaftungsvertrag mit einem Dienstleister geschlossen worden, so Gehag-Pressesprecher Bernhard Elias. In welchen Abständen dieser jedoch tätig werde, sei ihm nicht bekannt. Und auch warum die Flächen so stark verwilderten, könne er sich nicht erklären. Er sagt, dass eine langfristig zufriedenstellende Lösung angestrebt werde. "Für die Hufeisensieldung sehen wir in dieser Beziehung durchaus noch Handlungsbedarf", sagt Bernhard Elias.