100 Stunden für einen Anzug

Die Massenanfertigung von Kleidung hat die Arbeit im Schneiderhandwerk verändert. Aber der traditionelle Beruf des Maßschneiders ist dennoch gefragt - auch wenn ein Maßanzug mindestens 650 Euro kostet.

Die Massenanfertigung von Kleidung hat die Arbeit im Schneiderhandwerk verändert. Aber der traditionelle Beruf des Maßschneiders ist dennoch gefragt - auch wenn ein Maßanzug mindestens 650 Euro kostet. Zur Zeit setzt dieser Berufszweig auf gut verdienende Frauen und Männer, die auf Qualität und ausgezeichneten Sitz ihrer Kleidung Wert legen.

"Ein Gefühl für Stoffe ist besonders wichtig, um erfolgreich als Maßschneider arbeiten zu können", sagt Volkmar Arnulf, Obermeister der Berlin-Brandenburger Maßschneider-Innung. "Schließlich geht es hierbei um viele Handarbeiten und Sticharten für Taschen, Kragen und Kanten. Eben ein Produkt von A bis Z zu gestalten."

Vor mehr als 700 Jahren wurde die Berliner Maßschneider-Innung gegründet. In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts produzierten 6000 Schneidereien in Berlin vorwiegend Konfektionen. Heute sind in der Hauptstadt rund 50 Maßschneiderateliers zuhause. Nadel und Faden behielten dabei stets die Oberhand, die Nähmaschine kommt nur selten zum Einsatz.

Und das kommt an: Gutverdienende Männer ab 30 entdecken zunehmend wieder die genau auf ihren Typ angefertigte Kleidung. Die obendrein (fast) zeitlos ist. "Es gibt Kunden, die ihre Anzüge mehr als 30 Jahre lang tragen", verrät Arnulf. Maßschneider-Mode ist generell sehr viel langlebiger als die saisonalen Kreationen, die alle sechs Monate wechseln. Bei Konfektionen ändern sich die Schnitte alle acht bis zehn Jahre geringfügig.

Etwa 50 bis 100 Stunden dauert die Anfertigung eines Maßanzuges, der dann mit bis zu 3000 Euro zu Buche schlägt. Kontaktfähigkeit und Einfühlungsvermögen seitens des Schneiders sind gefragt. Denn Kunden haben nicht immer genaue Vorstellungen von ihrem zukünftigen Anzug oder Kleid und benötigen daher Beratung.

Etwas eigentlich Naheliegendes ist für den Berufseinstieg nicht so wichtig: "Nähkenntnisse sind keine Eingangsvoraussetzung für die Ausbildung zum Maßschneider", sagt Arnulf. Das sei sogar eher hinderlich, da die Lehrlinge am Anfang erst einmal die Handhaltung der Nadel beim Nähen ganz neu lernen müßten. "Viel wichtiger ist Genauigkeit beim Arbeiten innerhalb einer begrenzten Zeit. Das natürliche Geschick prüft der Obermeister bei jedem Bewerber aufs Neue. Hat der angehende Lehrling seine Finger im Griff, ist er für die Ausbildung geeignet.

Von besonderer Bedeutung ist auch die Sehfähigkeit des Bewerbers. "Ein Maßschneider sollte schon sehr gute Augen haben", sagt der Obermeister. Und letztendlich auch ein ästhetisches Empfinden dafür, was schön und gefällig aussieht. Die Liebe zum Detail ist wichtig. Nach Arnulfs Erfahrung unterschätzen viele Bewerber die notwendigen technischen Kenntnisse für den Maßschneiderberuf. "Wer in Mathe eine fünf hatte, bringt nicht gerade die besten Voraussetzungen mit", betont Arnulf. Erfolg in diesem Beruf hat derjenige, der über logisches Denkvermögen und eine Ader für kaufmännisches Denken und Betriebsführung verfüge. Die Fähigkeit, auf Kunden eingehen zu können, sei erst für die spätere Meisterprüfung relevant. "Erst mal muß das fachliche Fundament stimmen", so der Obermeister. Ein Realschulabschluß ist meist ausreichend, einige Betriebe wie Opernhäuser verlangen das Abitur.

Rund 60 Auszubildende erlernen in Berlin und Brandenburg zur Zeit das Maßschneiderhandwerk. Die Ausbildung dauert drei Jahre und wird dual im Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule mit den Schwerpunkten Damen- und Herrenmode durchgeführt. Nach der schriftlichen und praktischen Gesellenprüfung sind Tätigkeiten in handwerklichen Maßschneidereien, Änderungsschneidereien, Modehäusern sowie Kostümabteilungen von Theater, Film und Fernsehen möglich. Die Vergütung ist Verhandlungssache. Die Bandbreite der monatlichen Vergütung für Lehrlinge bewegt sich von nur 160 Euro in Schneidereien bis zu 700 Euro im Kulturbereich.

Nicht glücklich sind die Innungen über die seit 2005 geltende neue Handwerksordnung. Jeder darf seither einen Betrieb eröffnen, ohne Meister- oder Gesellenbrief in der Tasche zu haben. Folge: Die Zahl der Änderungsschneidereien und Maßateliers nimmt stark zu. Anlaß für die Berliner Maßschneider-Innung, ein Gütesiegel für Meisterbetriebe einzuführen. Schere, Maßstab, Bügeleisen und Nadeln weisen auf das alte Innungszeichen des Herrenschneiderhandwerks hin. Bei der Wahl des Ausbildungsbetriebes sollte jeder auf dieses Gütesiegel achten. "Eine Ausbildung sollte in einem Meisterbetrieb absolviert werden. Ist der Inhaber selber nicht Meister, sollte ein entsprechend qualifizierter Ausbildungsbeauftragter den Lehrlingen zur Seite stehen", so Arnulf.

Der Bundesverband des Maßschneiderhandwerks hat reagiert: Seit 2004 regelt eine Ausbildungsverordnung die zu vermittelnden Inhalte. Weiterbildung gilt auch hier. Maßschneider können sich zum Zuschneider, Atelierleiter, Maßschneidermeister, Gewandmeister oder Designer fortbilden.