Botschafter der Hauptstadt

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Andreas Gandzior

"Stadtführer sind Multiplikatoren und Botschafter dieser Stadt", sagt Sigrid Pokorny-Peters.

"Stadtführer sind Multiplikatoren und Botschafter dieser Stadt", sagt Sigrid Pokorny-Peters. "Wir tragen wesentlich zur Atmosphäre während eines Berlin-Aufenthaltes bei." Pokorny-Peters ist Vorsitzende des Verbandes der Berliner Stadtführer "Berlin Guide e.V." Rund 320 Mitglieder sind in dem Verband organisiert und betreuen nach eigenen Angaben ungefähr eine Million Besucher im Jahr in nahezu allen Sprachen. Tendenz steigend.

Grund dafür ist, dass sich Berlin weltweit als Reiseziel einer immer größeren Beliebtheit erfreut. Im ersten Halbjahr 2007 übernachteten rund 3,6 Millionen Berlin-Besucher in den Hotels, Hostels und Jugendherbergen der Hauptstadt. So viele wie nie zuvor. Bis Ende des Jahres rechnet Berlins Tourismus-Manager Hanns Peter Nerger mit 17,5 Millionen Reisenden. 2010 soll die 20-Millionen-Hürde genommen werden.

Ausbildung ist gefragt

"Manche Kollegen arbeiten von morgens bis abends", sagt Vorstandsmitglied und Stadtführer Markus Müller-Tenckhoff. An Aufträgen mangelt es den freiberuflich arbeitenden Guides nicht. Und auch die Nachfrage nach Ausbildungen zum Stadtführer steigt kontinuierlich.

"In diesem Jahr hatten wir schon 80 Bewerber für unsere Orientierungskurse", sagt Müller-Tenckhoff. "Üblicherweise bieten wir ein bis zwei Kurse im Jahr an, in diesem Jahr sind es schon drei." Und auch dieser ist bereits ausgebucht. Zwischen 20 und 25 Bewerber kämen in die engere Auswahl für den sechs Monate dauernden Grundkurs. "Wir versuchen natürlich, Bewerber mit Aussicht auf Erfolg in die Ausbildung zu nehmen", so Müller-Tenckhoff. Reines Fachwissen reiche nicht. "Die Liebe zur Stadt und den Menschen gehört dazu."

Beide betonen auch, dass es kein Beruf für Schulabgänger, sondern für Menschen mit Lebenserfahrung und sozialer Kompetenz sei. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich Historiker, Architekten, Kunstwissenschaftler, Wirtschaftswissenschaftler und auch Theologen in den Reihen der Gästeführer finden. Auch Museumsführer oder Animateure hätten gute Chancen für die Ausbildung. Voraussetzungen sind eine gute Allgemeinbildung, Fremdsprachenkenntnisse und Erfahrung im Umgang mit Menschen. Der Kurs kostet inklusive Prüfungsgebühren um die 1000 Euro. 180 Stunden plus Selbststudium dauert der Kurs. Dazu gehören Kommunikationstraining, Problembewältigung, Methodik und Didaktik. Vermittelt werden Organisationsformen der Gästeführung. Die Teilnehmer erhalten einen Überblick über Einrichtungen im Berliner Tourismusgewerbe, zu denen beispielsweise Agenturen und Busunternehmen gehören.

Da die Fremdenführer selbstständig arbeiten, gibt es auch Unterrichtsstunden zu Themen wie Recht, Steuern und Versicherungen. "Es werde nach den Prüfungsrichtlinien des Bundesverbandes ausgebildet, so Pokorny-Peters. Den Abschluss bilden eine schriftliche Prüfung und eine "Prüfungsfahrt".

"Eine Tour muss lebendig, aktuell und auf eine Gruppe zugeschnitten sein", sagt Pokorny-Peters. "Der Beruf des Gästeführers ist aber nicht mit der Ausbildung abgeschlossen. Es ist eine konstante Entwicklung.

Das jüdische Berlin wachse und verändere sich, Amerikaner wollen wissen, wo John F. Kennedy seine Rede hielt, und wo Reagan den Mauerfall forderte. Und seit Hollywood Berlin entdeckt hat, sind für die Touristen die verschiedenen Drehorte interessant. Die Angebotsvielfalt sei wesentlich größer geworden.

"Es ist die Vielseitigkeit, die einen guten Stadtführer ausmacht", sagt Pokorny-Peters. "Heute stehen wir auf einem Dampfer oder in einem Bus, morgen sitzen wir in einer Limousine und machen die Tour in einem kleinen Kreis", ergänzt Müller-Tenckhoff. Die Fußballweltmeisterschaft im vergangenen Jahr brachte nicht die große Nachfrage. Da sei das Interesse für ein BVG-Tagesticket und ein kaltes Bier bei den Besuchern größer gewesen. Umso größer das Interesse an Berlin ein Jahr später. "Die weltweit gezeigten Bilder zeigen ihre Wirkung", so Pokorny-Peters.

Ausgefallene Fremdsprachen

Ausschlaggebend für Aufträge seien auch Fremdsprachenkenntnisse. "Eine Fremdsprache muss fließend gesprochen werden", sagt Pokorny-Peters. Mit der Zunahme der osteuropäischen Gäste seien auch ausgefallenere Sprachen gefragt. Eine Gästeführerin habe aufgrund ihrer norwegischen Sprachkenntnisse viele Reisegruppen von einem Berlin-Besuch überzeugen können. "Wir haben auch eine deutsch sprechende Griechin im Verband, die häufig in Athen für Berlin wirbt. Diese Touristen würden nicht ohne diesen Service kommen", sagt Müller-Tenckhoff.

Aufträge kommen aber nicht nur aus der Tourismusbranche. Auch Unternehmen, die für den Wirtschaftsstandort Berlin werben, nehmen die Dienste der Gästeführer in Anspruch. Für sie werden dann ganz gezielt Touren ausgearbeitet.