Branche soll auch Lehrlinge ausbilden

Unter der rot-grünen Regierung war Wolfgang Clement als Superminister maßgeblich für die Reform der Leiharbeit verantwortlich.

Unter der rot-grünen Regierung war Wolfgang Clement als Superminister maßgeblich für die Reform der Leiharbeit verantwortlich. So kann unter anderem seit 2004 anders als früher ein Leiharbeiter zeitlich unbegrenzt bei einer Firma eingesetzt werden. Zudem schloss die Branche erstmals flächendeckende Tarifverträge ab, die die Rechte der Arbeitnehmer stärken.

Eli Hamacher sprach mit Wolfgang Clement, Vorsitzender des Adecco-Instituts zur Erforschung der Arbeit.

Berliner Morgenpost: Die Zeitarbeitsbranche boomt. In den vergangenen Jahren nahmen die Firmen in den einschlägigen Rankings stets die vordersten Plätze ein. Doch das Image der Branche ist nach wie vor nicht das Beste.

Wolfgang Clement: Das ist schon ein krasser Widerspruch, wenn man bedenkt, dass derzeit etwa 25 Prozent der in den letzten Jahren neu geschaffenen Stellen auf das Konto der Zeitarbeit gehen. Mehr als 60 Prozent der Neueingestellten waren zuvor arbeitslos.

Durchschnittlich 20 bis 30 Prozent der Zeitarbeitnehmer bleiben beim Kundenunternehmen oder einem anderen Arbeitgeber "kleben", finden also eine neue Anstellung. Es wird so ein signifikanter Beitrag zur Bekämpfung der Schwarzarbeit geleistet. Zudem bietet die Zeitarbeit Firmen die Flexibilität, die sie vor allem im internationalen Wettbewerb brauchen.

Es ist der Branche, die ihren Mitarbeitern im Gegensatz zur landläufigen Meinung vollwertige sozialversicherungspflichtige und tarifierte Arbeitsplätze anbietet, dennoch nicht gelungen, all diese Vorzüge ins allgemeine Bewusstsein zu befördern. Dabei spielt allerdings auch eine Rolle, dass es in der sehr vielfältig strukturierten Branche der Zeitarbeit allerlei "schwarze Schafe" gibt, die ihren Mitarbeitern lediglich Dumpinglöhne zahlen und so für negative Schlagzeilen sorgen. Sie machen es Kritikern in Politik und Gewerkschaften leicht, diese moderne Arbeitsform zu diskreditieren.

Welche maßgeblichen Trends werden die Branche, Ihrer Meinung nach, in den kommenden Jahren bestimmen?

Der "Wettbewerb um die besten Köpfe", um qualifizierte Arbeitnehmer vom Facharbeiter über den Ingenieur bis hin zum Wissenschaftler wird immer heißer. Entsprechend wird auch die Bedeutung des Personalmanagements wachsen. Dem muss sich die Zeitarbeitsbranche gewachsen zeigen und sich als strategischer Partner in Personalfragen etablieren. Dazu gehört nach meiner Überzeugung auch, dass Zeitarbeitsunternehmen in Vorleistung treten, also zunehmend selber Lehrlinge in gefragten Berufen ausbilden oder Arbeitnehmer entsprechend der Nachfrage umschulen.

Kritiker, allen voran die Gewerkschaften, halten den Unternehmen immer wieder vor, dass sie vermehrt Mitarbeiter entlassen, um sie über hauseigene Verleihfirmen, meist zu ungünstigeren Tarifbedingungen, in den alten Betrieb zurückzuholen. Die Folgen seien Lohndumping und eine Zweiklassenbeschäftigung.

Kein Zweifel, konzerneigene Verleihfirmen, die nicht am Markt tätig werden, sondern nur dazu dienen, geltende Tarifverträge und ähnliches zu umgehen, sind ein Problem. Das ist eine Praxis, die meist auch keine Zeitarbeit ist, denn die setzt Arbeitgeberrisiko und Marktpräsenz voraus. Hier sollte eine Verständigung der Wirtschaftsverbände gefunden und die Zeitarbeit wieder "den Profis" überlassen werden.

Es ist vernünftig, sich vor Augen zu halten, dass Zeitarbeit sich voraussichtlich tarifvertraglich weiter entwickeln wird: Mindestlöhne und auch höhere Löhne nach Einarbeitungszeiten führen dazu, dass Festanstellung und Zeitarbeit sich in den Bedingungen näher kommen.