So machen Sie das Rennen

Der Traum, den Charakter eines Bewerbers schon im Vorfeld abklopfen zu können, ist vermutlich so alt wie das Personalwesen selbst.

Der Traum, den Charakter eines Bewerbers schon im Vorfeld abklopfen zu können, ist vermutlich so alt wie das Personalwesen selbst. Exzellente Examensnoten, lückenlose Lebensläufe und ein angenehmes Auftreten beim Vorstellungsgespräch deuten zwar darauf hin, dass man es mit einem ehrgeizigen und umgänglichen Aspiranten zu tun hat - doch wie sich Bewerber später auf dem angestrebten Posten machen werden, bleibt nebulös. Wird die junge Unternehmensberaterin mit schwierigen Kunden fertig? Ist der neue Sachbearbeiter locker und teamfähig? Solche Fragen hätten Personalabteilungen verständlicherweise gerne beantwortet.

"Ein großer Teil der geeigneten Bewerber wird bei einem traditionellen Bewerbungsverfahren viel zu früh aussortiert", sagt Andreas Frintrup von der Firma S&F Personalpsychologie, die auf die Entwicklung von Persönlichkeitstests spezialisiert ist. "Die Bewerbungsmappe liefert den Personalverantwortlichen rein biografische Daten. Über seine aktuelle Leistungsbereitschaft erfährt man beispielsweise gar nichts. " Eingestellt wegen Fachkompetenz, rausgeflogen wegen der Persönlichkeit - das sei der "Standardfehler", der bei der Stellenbesetzung gemacht würde, meint der Experte. Liegen zwei gleichermaßen überzeugende Bewerbungsmappen vor, dann wird die Bewerbung des Einserkandidaten bevorzugt, während die des Zweierkandidaten zurückgeschickt wird. Eine, wie Frintrup findet, unkluge und nicht mehr zeitgemäße Praxis.

Persönlichkeitstests werden oft bei Assessment Centern durchgeführt und sollen helfen, Gesinnung und Leistungsbereitschaft der künftigen Mitarbeiter schon im Vorfeld zu klären. Erhoben wird, inwieweit Persönlichkeitsmerkmale wie emotionale Stabilität, Teamfähigkeit oder Leistungsbereitschaft ausgeprägt sind. Antje Schäper, erster Offizier bei der Lufthansa, hat im Rahmen eines Einstellungstests für Piloten im Jahr 2004 auch Fragen zur Persönlichkeit beantwortet. "Natürlich war ich sehr aufgeregt. Pilotin war ja für mich der Berufswunsch Nummer eins", sagt sie. Eine gute Stunde habe dieser spezielle Testteil gedauert. Man wollte beispielsweise wissen: Was macht sie beim Zugfahren? Schaut sie lieber aus dem Fenster? Oder sucht sie das Gespräch mit den Mitreisenden? Antje Schäper entschied sich in diesem Fall für die kommunikative Variante. "Weil ich mich wirklich gerne beim Zugfahren unterhalte", sagt sie. "Ich finde es macht wenig Sinn, die Fragen unehrlich zu beantworten. Dann verbirgt man ja seine Persönlichkeit."

So locker dürften sich nur die wenigsten Bewerber den Tests stellen. Die meisten schwitzen über Fragen und den berüchtigten Ergänzungssätzen, die beispielsweise lauten: "Wenn ich nichts vorhabe, dann..." a) "bleibe ich am liebsten alleine zu Hause" oder b) "gehe ich mit Freunden aus". Stubenhocker oder Betriebsnudel? Das ist hier die Frage.

Etwa 30 000 Bewerbungen bekommt die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers jährlich. "Gerade durch die Neuregelung der Studiengänge und die Einführung der Bachelor-Abschlüsse ist es schwierig geworden, allein über die Lebensläufe Bewerber zu finden, die zu den entsprechenden Anforderungsprofilen passen", sagt Marion Kemmler, Verantwortliche für den Bereich Talentmanagement. Bewerber, deren Lebenslauf sehr positiv aufgefallen ist, werden zu einem Online-Persönlichkeitstest eingeladen. "Solch ein Test kann zwar niemals ein Gespräch ersetzen - doch es ist eine gute Möglichkeit, den Bewerbungsprozess ein wenig runder zu machen", sagt Kemmler.

"Später können wir unsere Teams für die entsprechenden Projekte beispielsweise so zusammenstellen, dass ein Mitarbeiter besonders gute Fähigkeiten im Bereich des Präsentierens mitbringt, während andere Team-Mitglieder vielleicht eher ihre Stärken bei der Organisation haben oder über ausgeprägte Führungsqualitäten verfügen."

Einige der Testverfahren wie der weit verbreitete BIP (Bochumer Inventar zur Persönlichkeitsbeschreibung) sind in Psychologenkreisen allgemein anerkannt, andere Tests sind schlicht und ergreifend dubios. Als Negativbeispiel gilt der MMPI (Minnesota Multiphasic Personality Inventory), der satte 560 Fragen umfasst. "Manchmal verlässt meine Seele meinen Körper" gehört zu den Aussagen, denen man besser nicht zustimmen sollte. Die Crux: Für Laien ist es schwierig zu beurteilen, ob sie es mit einem anerkannten Testverfahren zu tun haben oder mit einer Eigenkreation eines fragwürdigen Anbieters.

Erstaunliches Ergebnis

Auch Alexander Jarka hat vor kurzem einen Persönlichkeitstest absolviert und wurde anschließend über das Ergebnis informiert. Bei dem Test wurden Alltagssituationen in Comic-Form dargestellt. Der Diplom-Sozialwirt musste entscheiden, wie er in der Rolle der Comic-Figuren handeln würde. Ein Beispiel: Was sagt ein Kellner, bei dem sich der Gast gerade über eine versalzene Suppe beschwert hat? "Der Test hat mir sogar Spaß gemacht", sagt er. "Mein Gesamtergebnis fiel recht positiv aus. Ich sei ausgesprochen leistungsorientiert, wurde mir gesagt, und sehr ausgeglichen. Beides stimmt wahrscheinlich." Über ein anderes Teilergebnis hat er sich gewundert: "Obwohl ich mich eigentlich für ausgesprochen misstrauisch halte, wurde mir attestiert, dass ich ein absolut vertrauensseliger Mensch bin."

Man mag die Durchleuchtung des Ichs noch so fragwürdig finden: Persönlichkeitstests werden gerade von Konzernen regelmäßig bei der Besetzung von Stellen eingesetzt. Wer sich den Tests verweigert, hat auf der Jagd nach dem Traumjob schlechte Karten.