Gute Zeiten für professionelle Sprecher

Abgedunkelt ist der schallgeschützte Raum des Synchronstudios. Ein einzelnes Licht erhellt Buch und Mikrofon für den Sprecher.

Abgedunkelt ist der schallgeschützte Raum des Synchronstudios. Ein einzelnes Licht erhellt Buch und Mikrofon für den Sprecher. Peter Flechtner haucht einen Kuss. "Nein, nein, das ist ja ein Riesenballon. Du musst viel zurückhaltender atmen", folgt unmittelbar die Regieanweisung von Joachim Kunzendorf. Hinter der trennenden Glasscheibe im Aufnahmeraum verfolgt der Dialogregisseur, ob Flechtner die Nuancen des Dramas richtig intoniert.

Veränderte Arbeitsbedingungen

An einem Board mit einer unüberschaubaren Zahl von Knöpfen und Reglern hantiert daneben der Aufnahmetechniker. Ist der jeweilige "Take" gelungen, streicht Kunzendorf den Satz oder die Szene aus dem Dialogbuch, das vor ihm liegt. Kunzendorf lieh Jeff Goldblum seine Stimme, als der Schauspieler nach einem missglückten Experiment im Film zur Fliege mutierte. Das war 1986. Seitdem haben sich die Arbeitsbedingungen für Synchronsprecher und das gesamte Synchrongewerbe gründlich geändert. Die Zahl der Einstellungen, der "Takes", die ein Synchronsprecher in einer Stunde spricht, hat sich entscheidend erhöht. Lag sie früher in der Regel am Tag bei etwa 200, so sind heute mehr als 300 nicht ungewöhnlich. Das erhöht den Arbeitsdruck. Häufig werden die Sprecher auf jeweils einem eigenen Kanal aufgenommen, auch bei Dialogen. Im Computer wird alles wieder zusammengemischt. Die digitale Aufnahmetechnik mit zahl- reichen Aufnahmekanälen, macht es möglich.

"Das ist eigentlich ein Schlag ins Gesicht der Dialogregie", stellt Kunzendorf fest, der mehr als 800 Spielfilme synchronisiert hat. Synchronaufträge würden heute viel schneller abgewickelt als früher, deshalb sei es kaum noch möglich, den Nachwuchs langsam an den Job heranzuführen. Das aber sei notwendig, denn die Anforderungen an einen Sprecher unterschieden sich deutlich von denen an einen Schauspieler. Die meisten Synchronsprecher haben eine Schauspielausbildung absolviert. "Um als Synchronsprecher schwierige, lange Takes sprechen zu können, braucht es eine gute Ausbildung", betont Klaus Sonnenschein. Als Sprecher von Morgan Freeman und William Shatner synchronisiert er Kinofilme, sieht sich allerdings vorwiegend als Schauspieler. Für eine interessante Rolle lässt er schon einmal einen Sprecherjob vorbeiziehen.

Sonnenschein erhielt den Part von Sean Connery in "Verlockende Falle" überraschenderweise wegen seines Aussehens. "Ich hatte einen Bart wie Connery, deshalb sprach mich der Regisseur an. Vorher hatten sie ziemlich viele Sprecher gecastet, aber meine Stimme passte auf Anhieb."

Etwa 20 Sprecherbewerbungen flattern dem Studio in der Woche auf den Tisch, stellt der Herstellungsleiter Matthias Müntefering fest. 1000 Namen von Berliner Sprechern fänden sich in der Kartei des Studios. Bis zu 30 Synchronstudios gibt es in Berlin, der heimlichen Synchronhauptstadt, mehr als in München, Hamburg oder Köln. Ungefähr ein Drittel der Synchronsprecher arbeite ausschließlich in Studios und nicht auf der Bühne, schätzt Müntefering. Viele besprechen auch Hörbücher, wie beispielsweise der Christian Brückner. 30 Stunden lang ist seine Interpretation des Mega-Romans Moby Dick.

Stars verdienen sehr gut

Es sei möglich, so ein Honorar von bis zu 900 Euro brutto in der Woche zu erzielen, bei den Stars der Szene sei es gelegentlich deutlich mehr, sagt Nicolas Böll vom Interessenverband Synchronschauspieler. Während sich die Zahl der Synchronproduktionen nach einem Einbruch im Jahr 2001 wieder erhöht hat, sind die Honorare in den vergangen Jahrzehnten kaum gestiegen. Dennoch würden auch in Zukunft Sprecher gebraucht, weil die Zahl der Produktionen sich jedenfalls nicht verringere, sagt Rainer Ludwig vom Bundesverband der Synchronsprechproduzenten. Zu den besonders sorgfältigen Produktionen zählt beispielsweise der Film "Der letzte König von Schottland". Zum Sprechen der Stimme von Forest Whitaker als Diktator Idi Amin bekam Tobias Meister ein Coaching vom Sohn eines Amin-Ministers. Die gelungene Imitation des lokalen Sprachduktus wurde mit dem deutschen Synchronpreis 2008 honoriert.

Meister leiht seine Stimme auch Brad Pitt, Sean Penn und Kiefer Sutherland. Bereits im Alter von fünf Jahren spielte er Theater. Ähnlich wie Meister gelingt es manchem Kindersprecher später auch größere Rollen zu sprechen, so beispielsweise Anke Engelke oder Daniel Brühl.

Eine gute Auffassungsgabe, Musikalität, Rhythmusgefühl und die Fähigkeit, sich in eine Figur einfühlen zu können seien notwendig, um der Stimme der Figur auf der Leinwand Leben zu verleihen, konstatiert Meister. Diese Fähigkeiten werden an Schauspielschulen trainiert, aber auch in privaten Institutionen wie am Institut für Schauspiel in Berlin, das Kurse speziell für Synchronsprecher anbietet.