Wie man von Kunstgeschichte leben kann

Nur wer seiner Überzeugung folgt, wird erfolgreich, ist von Karriereberatern immer wieder zu hören.

Nur wer seiner Überzeugung folgt, wird erfolgreich, ist von Karriereberatern immer wieder zu hören. Doch um erfolgreich zu sein, muss erst einmal ein Job her. Und da sieht es hierzulande nicht gerade rosig aus für Kunsthistoriker. Ihre Positionen sind meist staatlich finanziert - und der Staat spart. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) sind derzeit rund 800 dieser Spezies arbeitslos gemeldet. Das ist fast ein Kunsthistoriker-Jahrgang, da von den insgesamt rund 11 000 Studierenden dieses Fachs etwa 900 jährlich ihr Studium abschließen.

Sind Festanstellungen in der Wirtschaft heute rar, gibt es sie erst recht nicht für Kunsthistoriker. Ein Volontariat in Museen, Galerien, Verlagen, im Kunsthandel oder in Auktionshäusern für nicht mehr als 1000 Euro im Monat und vielleicht ein Zweijahres-Vertrag - mehr ist meist nicht drin. Sogar als Praktikanten müssen sie sich nicht selten verdingen und hoffen, dass es danach weitergeht.

Von brotloser Kunst will dennoch niemand sprechen. Erst Recht nicht Thorsten Droste, für den es nie einen anderen Berufswunsch gegeben hat. "Kunstgeschichte ist mein Leben, meine Leidenschaft", sagt er, und: "Ich würde mich heute genauso entscheiden wie als junger Mensch vor mehr als 30 Jahren." Also studierte der 1950 geborene Sohn eines bekannten Hamburger Bankers Kunstgeschichte, Archäologie und Geschichte, finanzierte sein Uni-Leben als Kulissenschieber am Theater und als Catering-Unternehmer. 1975 gründete der damals 25-Jährige im Auftrage eines Finanziers "Carpe diem", ein Reiseunternehmen, das gleich im ersten Jahr schwarze Zahlen schrieb. Damals war er noch Student. Im selben Jahr schrieb er sein erstes Buch, ein "hektographiertes Reisetagebuch, das ich 1975 auf Drängen von Teilnehmern einer Reisegruppe in die Provence verfasst habe. Drei Jahre später erhielt ich vom DuMont Verlag nach Vorlage dieses Skriptums meinen ersten Vertrag", resümiert Droste. Autor ist er seitdem geblieben. Und Kunstreisen veranstaltet er seit 1985 auf eigene Rechnung.

So kann der heute 58-Jährige seine Gäste an seinem profunden Wissen teilhaben lassen. Ohne Promotion kann kein Kunsthistoriker reüssieren - gestern wie heute. Mitunter versuchen sie, sich alternativ Fachwissen in Aufbau-, Zusatz- oder Ergänzungsstudiengängen in Denkmalpflege, Kulturmanagement oder Kunstpädagogik anzueignen. In der Denkmalpflege etwa kann eine derartige Qualifikation mehr helfen als der Doktor-Titel. Die Zahl der Bewerber jedoch übersteigt in jedem Fall die der angebotenen Stellen um das 300-fache.

Kunstdieben auf der Spur

So sind Ideen gefragt, um vom Kunstwissen leben zu können. Da betätigt sich Ulli Seegers zum Beispiel als Detektivin, um Kunstdieben auf die Spur zu kommen. Andere wagen die Selbstständigkeit als Galeristen oder mit Beratungen von Architekten und Denkmalpflegern - wie die "Berliner Kunstfunken" in ihrer Bürogemeinschaft um Uta Maria Bräuer, Maritta Iseler und Karl Bankmann, die zudem Stadtführungen in Berlin und Potsdam anbieten oder Seminare veranstalten. Auch als Gutachter für Versicherungen verdienen Kunsthistoriker ihr Geld.

Und wenn sich in Berliner Museen eine kleine Gruppe Interessierter vor einem Bild niederlässt, dann ist oft Friederike Hauffe unter ihnen. Im Rahmen ihrer "Museumsbesuche" bringt die 46-Jährige jeweils ein Semester lang den Betrachtern Künstler und ihre Bilder näher. Außerdem ist sie als Ausstellungskuratorin, Lektorin und Dozentin in der Erwachsenenbildung tätig. Vielseitigkeit ist also gefragt von Kunsthistorikern.

Dass Thorsten Drostes Doktorarbeit 1978 über "Die Bronzetür des Augsburger Domes" 20 Jahre später als Grundlage bei der Restaurierung dieser Tür diente, unterstreicht die Qualität seiner kunstwissenschaftlichen Arbeit. Als Dozent an der Universität von Salzburg war er der einzige, der den "gesamten Großraum des europäischen Mittelalters" abgedeckt hat. Nach einem Jahr verabschiedete er sich jedoch wieder, denn da saßen statt der anfangs 30 Studierenden mittlerweile 300 im Hörsaal. "Zu viele", befand er. In dieser Zeit schrieb Droste ein Buch über die romanischen Skulpturen in der ehemaligen Benediktinerabtei von Moissac. Droste ist Autor von mehr als 30 Kunstbüchern - und darf sich "getrost als einen der produktivsten Sachbuchautoren Deutschlands der letzten Jahrzehnte bezeichnen".

Die Studienreisen, die der Kunsthistoriker veranstaltet, zählen wahrlich nicht zum touristischen Standard-Repertoire. Ob nach Burgund, Venedig, in die spanischen und französischen Pyrenäen, ins Périgord, ob auf dem Weg der Jakobspilger oder zu den Denkmälern der Romanik in Köln und Umgebung, nichts überlässt Droste dabei dem Zufall, hat alle Ziele, auch die Entferntesten, vorher besucht.

Die Zeiten für Kunsthistoriker mögen alles andere als rosig sein, doch Thorsten Droste fände wohl auch heute seine Nische - wie Ulli Seegers und Friederike Hauffe, Florian Illies und Vicco von Bülow.