Wohltuende Siesta im Büro

"Schlafen kann ich, wenn ich tot bin", spottete Rainer Werner Fassbinder. Der exzentrische Filmemacher lebte stets aus dem Vollen und missachtete sämtliche Warnsignale seines Körpers.

"Schlafen kann ich, wenn ich tot bin", spottete Rainer Werner Fassbinder. Der exzentrische Filmemacher lebte stets aus dem Vollen und missachtete sämtliche Warnsignale seines Körpers. Mittagsschlaf zu halten hielt er für eine Zumutung, auch seinen Mitarbeitern verbot er das Wegdösen am Set. Mit 37 Jahren spielte sein Körper nicht mehr mit, nach dem Herzstillstand kam bei der Obduktion heraus, dass Fassbinder sich mit Schlafmitteln voll gepumpt hatte. Er hatte das Schlafen verlernt.

Auszeit wird nicht toleriert

Auch heute erscheint vielen Unternehmern die Forderung von Schlafforschern, die Arbeit am Nachmittag mit einem Kurzschlaf zu unterbrechen, als Zumutung. Im Leistungswettbewerb darf es keine Auszeit geben. Für manche Chefs ist es eine makabre Vorstellung, dass ihre Mitarbeiter in einem Sessel oder lang ausgestreckt unterm Schreibtisch für eine Viertelstunde abtauchen. Mittagsschlaf wird nur Rentnern und Kleinkindern zugestanden. Doch inzwischen schlummern nach Angaben des Schlaflabors in Mönchengladbach rund sechs Prozent der Berufstätigen tagsüber, Tendenz steigend. Sie tun damit etwas für ihre Produktivität, die nach einem Kurzschlaf messbar ansteigt, für ihr Herz, das in der Auszeit gekräftigt wird, und insgesamt für ihre Entspannung, die den ganzen Körper erfasst.

Mehrere internationale Studien haben eindeutige Ergebnisse geliefert: "Power-Napping", wie das kurze Wegsacken am Arbeitsplatz gern genannt wird, hat eine vorbeugende Wirkung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, der Haupttodesursache in Europa und den USA. Mehr noch: Die Siesta verlängert das Leben, vor allem von Männern. Ihr Risiko, durch Herzversagen plötzlich aus dem (Arbeits-)Leben zu scheiden, verringert sich um stolze 64 Prozent, wenn sie sich nachmittags ein Schläfchen gönnen. Fest steht für beide Geschlechter: Chronische Übermüdung und ihre Folgen - mangelnde Motivation, schlechte Effizienz, Krankheit und Arbeitsunfälle - verursachen Kosten in Milliardenhöhe. Arbeitgeber und -nehmer sollten öfters in Morpheus' Arme sinken.

Größte Studie

Schlafexperten der Universität Athen beobachteten sechs Jahre lang 23 681 griechische Männer und Frauen zwischen 20 und 86 Jahren. Jene, die sich drei Mal die Woche eine Siesta leisteten, senkten damit ihr Risiko, an Herzversagen zu sterben um 37 Prozent. Bei Berufstätigen belief sich die Risikobegrenzung sogar auf 64 Prozent. "Offensichtlich baut eine Siesta wirkungsvoll den beruflich bedingten Stress ab", resümierte Autor Androniki Naska die Studie im Journal "Archives of Internal Medicine". Den Wissenschaftlern gelang es bei dieser bisher größten Studie zum Kurzschlaf, ganz präzise festzustellen, welche konkreten Auswirkungen der Mittagsschlaf zeitigt. Im Studienzeitraum starben 792 Probanden, 133 davon an einer Herzkrankheit. Bei jenen aber, die sich konsequent drei Mal pro Woche ein Schläfchen genehmigten, wurde genau nachgewiesen, wie das Herz sich dadurch erholte. Gelegenheitsschläfer dagegen waren deutlich mehr in Gefahr, an einer Herzerkrankung zu sterben, ihr Risiko verringerte sich nur um zwölf Prozent. Damit wurde zugleich die Mär widerlegt, dass in Mittelmeerländern weniger Menschen an Herzinfarkten und anderen Leiden des Pumporgans sterben als in Resteuropa, weil sie mehr Olivenöl, Fisch und Rotwein genießen. Es sind nicht diese Lebensmittel, es ist das kurze, höchstens 30-minütige Absacken am Tag, das das Herz enorm entlastet und stärkt.

Weniger Herztote

Besonders auffällig war der Effekt bei Berufstätigen. "Wir denken, dass eine Siesta dabei hilft, Stress abzubauen. Das verringert die Wahrscheinlichkeit eines Herztodes", sagt Forscher Dimitrios Trichopoulos. In den Mittelmeerländern ist die Siesta ohnehin weiter verbreitet. Deshalb ist, das ist klar, die frühe Sterblichkeit durch Herzversagen geringer als im kälteren Mittel- und Nordeuropa.

Doch auch dort macht es Sinn, sich mittags mit geschlossenen Augen nach innen zu orientieren. Wie kriegt man das Power-Napping am besten hin? Die Schlafexperten empfehlen, sich nach dem Trinken eines Espressos hinzulegen, ein nach hinten kippbarer Sessel genügt, aber es geht natürlich auch ein Sofa oder das Sich-Ausstrecken auf dem Boden. Der starke Kaffee geht nach 20 Minuten ins Blut über, das enerviert und weckt den Schläfer auf.

Allerdings ist die Schwankungsbreite des Schlafbedarfs groß. Manche Menschen können sofort wegnicken, andere sind zu hibbelig, Frauen mehr als Männer. Bei immer mehr Zeitgenossen ist der gesunde Schlaf inzwischen durch Ein- und Durchschlafprobleme gestört. Viele ignorieren, dass der nächtliche Schlaf dem 24-stündigen Rhythmus angepasst ist. Wer diesen Rhythmus häufig durchbricht mit zu viel Arbeit, vor allem nachts, leidet bald an "Befindensstörungen" und Krankheiten - allen voran Bluthochdruck, Magengeschwüren und einem deutlich erhöhten Herzinfarktrisiko - und verliert das Gespür für seine innere Uhr. Er hat dann auch mit dem Mittagsschlaf Probleme. Disziplinierte Schläfer dagegen, die nicht ständig ihre innere Uhr zu überlisten versuchen, können auch am Nachmittag leichter ausschalten, weil sie nach dem Schläfchen wieder in den normalen Rhythmus zurückkehren.

In US-Unternehmen werden so genannte "Metronap"-Räume, in die sich Arbeitnehmer zum Nickerchen zurückziehen, allmählich Standard. In Japan kann man sich das Schläfchen überall gönnen: auch bei Meetings, wenn man kurz seinen Kopf auf den Tisch sinken lässt. In der kurzen Ruhe liegt viel Kraft.