Wettstreit um den Chefsessel

Generalist mit Controlling-Erfahrung, international ausgerichtet, Team-Player, sparsam" - mit diesen Stichworten sucht ein Maschinenbauer derzeit einen neuen Chef.

Generalist mit Controlling-Erfahrung, international ausgerichtet, Team-Player, sparsam" - mit diesen Stichworten sucht ein Maschinenbauer derzeit einen neuen Chef. Öffentlich ausgeschrieben hat die Firma den Posten nicht; mit der Suche nach dem künftigen CEO wurden Headhunter beauftragt. Bernd Brogsitter, Personalberater aus Sinzig bei Bonn, hat seinen Kandidaten bereits ins Rennen geschickt. "Eine echte Unternehmerpersönlichkeit", schwärmt der Profi. Der Bewerber ist Betriebswirt, 43, hat bei einer Großbank gearbeitet und schon einmal eine Firma erfolgreich saniert.

Knallhart oder bescheiden?

Fragt sich nur, ob er den Job auch bekommt. Denn kaum ein Rennen ist so unkalkulierbar wie das um den Chefsessel: Ob der bescheidene Ex-Banker gewinnt oder ein knallharter Machtmensch, hat viel mit Zufall zu tun. Oder vielleicht doch nicht? Gibt es womöglich so etwas wie eine Chef-DNA, die allen Führungskräften gemeinsam ist? Und wenn ja, kann man sie sich aneignen?

Um das herauszufinden, geben große Unternehmen viel Geld aus. Sie lassen potenzielle Häuptlinge oft in so genannten Management Audits durchleuchten. Dabei werden die Chef-Kandidaten von zwei externen Beratern über mehrere Stunden durchleuchtet. In den Audits bekommen die Hoffnungsträger Aufgaben gestellt wie "schildern Sie eine Situation, in der Sie herausgefordert waren". Ziel der Fragerunden ist es, herauszufinden, ob der Kandidat das nötige Format hat. "Es wird zum Beispiel auf unternehmerisches Denken, Kundenorientierung und geistige Beweglichkeit geschaut", erklärt Psychologe Wolfgang Saaman, der Audits seit 30 Jahren durchführt. Mit solchen Tests würden Persönlichkeitspotenziale gemessen, die gerade im gehobenen Management eine größere Rolle spielten als die fachliche Qualifikation.

Darüber, was im Lebenslauf eines Chef-Kandidaten stehen sollte, sind sich die Experten einig: Hochschulstudium, Fachrichtung Betriebswirtschaft oder Ingenieurswissenschaften - an einer Exzellenzhochschule - sowie Doktortitel oder Master of Business Administration (MBA). Perfektes Englisch ist Pflicht, eine kommende Weltsprache zu beherrschen (Russisch, Chinesisch) Kür. Außerdem sollte der Kandidat im Ausland gearbeitet - nicht nur studiert - haben.

Soweit der optimale Lebenslauf. Aber welcher Aufsteiger kann den schon vorweisen? Wer in die Biografien der am besten verdienenden Dax-Vorstände schaut, stellt fest, dass selbst erfolgreiche Wirtschaftskapitäne diese Anforderungen nie erfüllen. Studium im Ausland? Fehlanzeige unter den gesamten Top-Five: Sowohl Josef Ackermann (Deutsche Bank), als auch Dieter Zetsche (Daimler) und Wolfgang Reitzle (Linde) haben ihr Studium an der gleichen heimatlichen Uni abgeschlossen, an der sie es auch begonnen hatten.

Auch im Job präsentieren sich die Top-Fünf-Vorstände nicht übertrieben aufgeschlossen. Zwei von ihnen sind während ihres gesamten Berufslebens einem Arbeitgeber treu geblieben, zwei haben gewechselt, aber nur innerhalb der angestammten Branche. Einzig und allein Wolfgang Reitzle wagte den Bruch: Der Manager, ein- und aufgestiegen beim Autobauer BMW, galt jahrelang als eingefleischter Auto-Mann - bis er 2003 den Chefposten beim Gaskonzern Linde übernahm. Die oft totgesagte Kamin-Karriere ist also quicklebendig.

Nur in zwei Kategorien erfüllen die Dax-Vorstände jene Vorgaben, die Karriereberater immer wieder herunterbeten: Alle fünf Topverdiener haben promoviert und später im Ausland gearbeitet. Mit dem angeblich so unabdingbaren MBA können indes nur die wenigsten Dax-Vorstände aufwarten, darunter wiederum Musterboss Reitzle.

Die Beispiele zeigen, dass es keinen Chef vom Reißbrett gibt. Einen Kriterienkatalog abzuarbeiten allein genügt nicht, um ganz nach oben zu kommen. Das sagt auch Jens Hohensee, Personalexperte von Kienbaum Executive Consultants. Er warnt Nachwuchsmanager sogar davor, ihre Karriere zu stromlinienförmig durchzuplanen: "In den Lebensläufen derer, die es schaffen, gibt es immer wieder Brüche."

Zumal das, was nachher wirklich zum Chef qualifiziert, auf keinem Uni-Lehrplan steht. "Eine Führungskraft muss vor allem politisch denken und handeln können", erklärt Hohensee. In den oberen Etagen gehe es darum, vor anstehenden Entscheidungen Allianzen zu schmieden, Menschen zu motivieren und für seine Ziele zu gewinnen. Diese Fähigkeiten könne man sich nur in der Praxis aneignen, betont Hohensee.

"Man muss mehr leisten als andere, auch quantitativ", sagt Hohensee. Was das bedeutet, zeigt eine Kienbaum-Studie. Demnach verbringen 22 Prozent der Topmanager pro Woche mehr als 61 Stunden im Büro - ein Allzeit-Rekordwert.

Freies Wochenende ade!

Wer im Rennen um den Chefposten mitmischen will, sollte bereit sein, sich vom Feierabend um 18 Uhr und stets freien Wochenenden zu verabschieden. "Solche Ansprüche sind mit beruflichem Aufstieg nicht vereinbar", betont Headhunter Hermann Sendele. Das Fazit der Suche nach der Chef-DNA lautet also: Schnell studieren, früh Erfahrungen sammeln, hart und lange arbeiten - das scheinen die Erfolgsfaktoren zu sein.