Berufsziel: Maestro

Als Christoph Hagel 1998 seinen Großerfolg "Zirkus um die Zauberflöte" im Berliner Roncalli-Zelt erarbeitete, da saß er eines Abends verzweifelt mit dem Regisseur George Tabori beim Bier.

Als Christoph Hagel 1998 seinen Großerfolg "Zirkus um die Zauberflöte" im Berliner Roncalli-Zelt erarbeitete, da saß er eines Abends verzweifelt mit dem Regisseur George Tabori beim Bier. "Sag mir", fragte Hagel den alten Mann, "werden wir jemals den zweiten Akt erreichen? Werden wir je fertig werden mit dieser verflucht schwierigen Produktion?" "Ich hoffe es", sagte Tabori, "ich hoffe es von Herzen."

In das Lachen, mit dem Hagel die Geschichte heute erzählt, mischt sich noch immer ein Ton leichter Verzweiflung. Dem Image des unberührbaren, von hohen Gagen und nicht endendem Applaus verwöhnten Berufsbild des Dirigenten entspricht diese Geschichte so gar nicht. Überhaupt kann man an Hagels erstaunlicher Karriere lernen, dass zum Maestro viel Abenteuerlust gehören kann. Und enorme Risikolust.

Einzigartige Orte

Immer wieder investierte Hagel die Gewinne aus Erfolgs-Projekten wie "Don Giovanni im E-Werk" oder "Frida. The Story of Frida Kahlo" in neue Projekte - und verlor. Aufgrund einzigartiger Locations wie dem Bode Museum (für Mozarts Opern-Erstling "Apollo und Hyacinth") und Education-Projekte in aller Welt ist Christoph Hagel im Grunde ein heißer Kandidat fürs Bundesverdienstkreuz. Seine Kunst-Mission hat der Mann mit dem Zopf immer wieder über geschäftliche Interessen gesetzt.

Ein wenig Kunst-Zigeunerblut war tatsächlich die Voraussetzung für das "Modell Hagel". Total-Reinfälle wie die "Entführung aus dem Serail" in der Berliner Gedächtniskirche (2001) rissen Hagel dann wieder finanziell die Beine weg. Zurzeit steht erneut eine "Zauberflöte" auf dem Programm.

Im noch zappendusteren U-Bahnhof "Bundestag", an der Hauptstation der sogenannten Kanzler-Strecke also, dampft ab 26. April Mozarts Meisterwerk unterirdisch los. Die "Zauberflöte" ist Christoph Hagels neuestes - und radikalstes - Kamikaze-Projekt. Hier fungiert er nicht nur als Dirigent, sondern gleich auch als Regisseur.

Voraussetzung für eine solche Risikopolitik ist eine solide Ausbildung. Hagel pilgerte als Student alljährlich zum legendären Sergiu Celibidache zu dessen Meisterkursen nach Mainz. Leonard Bernstein engagierte ihn dann für Assistenten-Tätigkeiten. Hagel, aus Baden-Württemberg stammend, hatte in Wien und München Klavier und Dirigent studiert. Doch so geradlinig der Anfang erscheint, so krumm und schief sahen Hagels Ideale aus. Er ist der Prototyp eines Dirigenten, der ohne Posten als Chef eines Symphonieorchesters seinen Weg ging. Und zwar international. Regelmäßig leitet er Orchester in Mexiko, Kolumbien, Peru und Argentinien. Von 1999 bis 2001 war er Direktor des Konservatoriums von Ibague, Kolumbien.

Hagel gilt als Unabhängigkeitsfanatiker, der eine feste Bindung indes nie ausgeschlossen hat. Nur könnte er so exotische Orte wie bisher im Rahmen eines festen Theatervertrages niemals so konsequent ansteuern wie er das gewohnt ist. Das zeigt, wie künstlerisch eng definiert ein Beruf heute funktioniert, der noch immer zu den erhabensten gerechnet wird. Der unabhängige Pult-Maestro, das zeigt Hagels Beispiel, ist heute kaum mehr als ein irrealer Mythos.

Mit der Veränderung des Berufsbildes, einer Demokratisierung der Orchesterarbeit, ging ein allgemeiner Sturz des Maestro einher. Orchester lassen sich heute nicht mehr autokratisch vorschreiben, woher der Wind wehen soll. Titanische Mannsbilder von der Statur eines Lorin Maazel werden heute nicht mehr hergestellt. Ein "Prince charming" wie Simon Rattle oder ein intellektueller Ästhet wie Kent Nagano haben die Standards verändert. Heute ist vom Bild des philharmonischen Alleinherrschers allein der Taktstock und ein freilich fürstliches Salär übrig geblieben. Dirigenten können mit einem kleinen Repertoire ein Leben lang um die Welt jetten, ohne den kleinsten Preisnachlass gewähren zu müssen.

Allerdings gilt der Beruf des Dirigenten nicht zufällig als elitär. Die Konkurrenz ist international. Platzvorteile durch Geburt oder Ausbildung werden immer unwichtiger. Die Menschen, die diese Profession ausüben, gehören außerdem zu den sonderbarsten Profis einer hochspezialisierten Künstlerbranche. Einerseits rechnen Überblick und absolute Entscheidungsgewalt zum Kern ihrer Tätigkeit. Andererseits teilen Dirigenten das Schicksal, dass kaum jemand ihnen die Wahrheit sagt. Es ohnehin besser zu wissen, zählt zu den Eigenschaften dieses Berufs. Daher: Einsamkeit schmückt den Dirigenten.

Auf diesem Felde, so behaupten Kenner, sind unheimlich viele Hochstapler unterwegs. Dirigenten kommen unvorbereitet und zu spät zur Probe - und können dies tun, sofern sie über feste Verträge verfügen -, um anschließend ein Stück "herunter zu pinseln" (so ein Ausdruck Herbert von Karajans), ohne dass im Publikum jemand den Schwindel merkt. Einem gern erzählten Orchesterwitz zufolge besteht die ultimative Drohung genervter Musiker in der Ankündigung an den Dirigenten: "Wenn Sie uns nicht endlich in Ruhe lassen, spielen wir so, wie Sie dirigieren!"

Ein tendenziell leichter Beruf

Dirigenten wie Hagel, die die Originalität ihrer Projekte mit einer Ungewissheit ihrer Zukunft buchstäblich bezahlen, sind ruhmreiche Ausnahmen von dieser Regel. Denn Leute wie Hagel verstehen es, einen tendenziell leichten Beruf schwer zu nehmen - und ein Leben lang gleichsam "von der Hand in den Mund zu dirigieren'. Hagel macht sich die Aufträge selbst. Ein Wiederholungskünstler. Das zeigt die "Zauberflöte in der U-Bahn". Verkauft werden müssen immerhin 36 Vorstellungen. Bis zum 25. Mai.

Im Netz

www.die-zauberfloete-in-der-u-bahn.de