Warum Elite sein nicht alles ist

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Julia Friedrichs

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Am ersten Tag meines Lebens als Consultant-Anwärter klingelt der Wecker um 4 Uhr 30. Die 80-Stunden-Woche der Berater will schließlich erarbeitet werden.

Am ersten Tag meines Lebens als Consultant-Anwärter klingelt der Wecker um 4 Uhr 30. Die 80-Stunden-Woche der Berater will schließlich erarbeitet werden. "Der erste Monat wird schmerzen", wird ein Berater aus Irland am Abend sagen. "Egal, was Ihr vorher gemacht habt, McKinsey wird härter sein." Und dann wird er aufzählen, wohin ihn seine Consultant-Tätigkeit in dieser halben Woche schon gebracht hat: London, Naher Osten, Brüssel, Madrid, Kopenhagen, Amsterdam.

McKinsey hat 120 Studenten aus ganz Europa nach Griechenland eingeladen. Das Unternehmen bezahlt Flüge in der Business Class, vier Tage im Fünf-Sterne-Hotel und einen Segeltörn.

Am Nachmittag ziehen wir zu Carmina-Burana-Klängen in den großen Konferenzsaal des griechischen Luxushotels ein. "Hello, hello, hello", ruft ein Berater zur Begrüßung.

Ihr seid brillant, in dem was Ihr tut

"Ihr wollt wissen, warum Ihr hier seid? Ihr seid brillant, in dem was Ihr tut. Deshalb haben wir Euch eingeladen." Wir alle hätten es in der Schule oder an der Uni zu echtem Leadership gebracht. Ich schaue durch die Reihen und sehe, dass die meisten sehr zufrieden zuhören. Ich bin irritiert, denn es ist das erste Mal, dass mich jemand als Elite bezeichnet. Elite, Leidenschaft und Leadership - das sind die wesentlichen Themen hier. Wir können es bis ganz oben schaffen, sagt uns McKinsey. Teure Hotels, schnelle Autos, schöne Reisen, Macht und Einfluss: Das alles kann uns gehören, wenn wir uns für das Unternehmen entscheiden.

Am nächsten Tag dürfen wir segeln. 21 Jachten hat McKinsey für uns gemietet. Ich genieße Wind, Sonne und Meer. Die Werbeaktion für das Beraterleben läuft perfekt. Am Abend, als wir in unserer Hotelbucht ankern, geht gerade die Sonne über dem Poseidontempel unter. Danach feiern wir eine rauschende Party. "Work hard, party hard" ist das Motto der McKinseys. Sie werden noch bis sechs Uhr feiern und die Erinnerung an eine grandiose Zeit mitnehmen.

Zwei Wochen nach meiner Rückkehr nimmt die ferne McKinsey-Welt wieder Kontakt mit mir auf und lädt mich zum Auswahltag ins Berliner Büro ein. Obwohl ich mich in Bluse und Cordjackett überschick, fast verkleidet fühle, bin ich an dem Tag völlig underdressed. Meine neun Mitbewerber tragen schwarze Anzüge und Krawatte, die meisten haben sich sogar für einen Dreiteiler entschieden. Ich bin so nervös, dass ich froh bin, als es endlich losgeht. Zuerst muss ich rechnen. 15 Aufgaben in 45 Minuten. Prozente, Dreisatz und viel zu wenig Zeit. Die Auswahlgespräche laufen gut. Ich werde ein bisschen über meine Psyche ausgefragt, darüber, wie ich mich in Konflikten verhalte, danach muss ich Beispielsfälle lösen. Ich soll ausrechnen, aus welcher Saat man den günstigsten Bioalkohol pressen kann und eine Kalkulation für ein Theater aufstellen.

Nur drei von zehn werden die nächste Runde erreichen. Locker ist jetzt keiner. "Berger macht ja mehr Restrukturierung", höre ich in meinem Rücken. "Interessant. Wie ist denn da die Work-Life-Balance?" Einzeln werden wir schließlich aus dem Raum geführt. Mich nimmt der Tankstellenberater mit. "Es ist gut ausgegangen", sagt er sofort. "Wir hatten nur zwei Sachen zu kritisieren: Sie sind zu konfrontativ und Sie schießen oft aus der Hüfte, ohne genau Bescheid zu wissen." Ich bin beeindruckt. Genau diese Schwächen hätte ich mir auch attestiert. In einem weiteren Interview am Nachmittag soll ich nun zeigen, dass ich kompromissbereit bin und nicht permanent bluffe, wenn ich etwas nicht weiß. Bis ich dran bin, dauert es noch über eine Stunde.

67 000 Euro Jahresgehalt

Ich gehe raus, vorbei an Prada und Piaget. Das könnte jetzt meine Welt werden, denke ich. Ich schaue in die Schaufenster, sehe Stiefel für 800 Euro, eine Tasche, die fast 1000 kostet. Das alles kannst Du haben, Du musst nur Ja sagen, Dein Leben ändern, flüstert mein materialistisches Ich. Ich gehe zurück ins Headquarter und schaue mir zum ersten Mal an, wie McKinsey eigentlich die Stelle beschreibt, auf die ich mich beworben habe. "McKinsey sucht Topakademiker aller Fakultäten. Zunächst sind sie zwei Jahre als Berater tätig und werden im dritten Jahr - unter Fortzahlung Ihres Gehalts - für einen MBA oder eine Promotion freigestellt."

Ich habe es geschafft. Verwirrt gehe ich zum Aufzug. Ich fühle mich ausgewählt. 15 000 bewerben sich pro Jahr, ein Prozent wird genommen. Warum eigentlich nicht? Ein paar Tage später ruft McKinsey an: Ich soll nach Köln kommen und dort mit einem McKinsey-Partner alles klar machen. Bis dahin sind ja noch zwei Wochen, denke ich und sage zu.

In Köln residiert McKinsey in einem Glastempel. Als ich reingehe, bin ich unsicher, fühle mich fremd und falsch. Mein Name steht schon auf dem Vertrag. Alles ist geregelt. Ich bekomme einen dreiwöchigen Wirtschaftskurs in Kitzbühel, darf 25 Tage Urlaub pro Jahr machen und mir natürlich ein Auto aussuchen. Und dann steht da auch noch mein Gehalt: Im ersten McKinsey-Jahr könnte ich je nach Leistung maximal 67 000 Euro verdienen.

Ich zögere und zweifle. Aber schließlich siegt das "Nein". Die McKinsey-Welt mag strahlen und glitzern, mich würde sie unglücklich machen. "Ich möchte Ihnen mitteilen", schreibe ich McKinsey deshalb in einer E-Mail, "dass ich das Vertragsangebot leider ablehne. So attraktiv der Vertrag auch ist, ich möchte nicht darauf verzichten, weiterhin als Journalistin zu arbeiten. Außerdem glaube ich, dass ich nicht die Richtige wäre, um in einem Unternehmen Entscheidungen zu treffen, die eventuell das berufliche Aus für manchen Arbeitnehmer bedeuten würden." Es dauert lange, bis ich schließlich auf "Senden" klicke. Die Autorin hat das Buch "Gestatten Elite" Auf den Spuren der Mächtigen von morgen (Hoffmann und Campe) veröffentlicht