Kommentar

Große Not bei BVG: Siemens verhindert Anschaffung neuer Züge

Siemens verhindert die Vergabe des BVG-Großauftrags an Konkurrenten. Aber Siemens ist nicht Schuld an der Misere, meint Thomas Fülling.

Breitbeinige Berliner, verwunderte Touristen und neugierige Handyspione: Die typischen Nahverkehrsnutzer gibt es in zahlreichen Facetten.

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Berlin. Wie schlecht es der Berliner U-Bahn derzeit geht, konnten die Nutzer erst wieder am Freitagvormittag auf der U7 erleben. Mitten im Berufsverkehr fuhr gut zehn Minuten lang keine Bahn mehr in Richtung Spandau. Wegen einer „technischen Störung“, wie die Lautsprecherstimme verkündete.

Nun ist eine solche unfreiwillige Wartezeit trotz anschließender Weiterfahrt im völlig überfüllten Wagen noch keine Katastrophe. Das eigentliche
Problem ist: Solche Störungen sind inzwischen nicht mehr die Ausnahme, sondern eher die Regel. Zugausfälle, Verspätungen und Züge mit weniger Wagen werden sehr zum Ärger der immer größer werdenden Zahl überzeugter Nahverkehrskunden zur Norm.

Siemens verhindert Auftragvergabe an Konkurrenten

Was bei der U-Bahn kaum verwundert, ist deren Wagenpark inzwischen im Durchschnitt gut 30 Jahre alt. Darunter sind nicht wenige Fahrzeuge, die schon seit 40 Jahren durch die Stadt rumpeln. Die Wagen können nur mit großem Reparaturaufwand am Leben erhalten werden, wie es der gerade laufende Rechtsstreit der BVG mit Siemens allzu deutlich macht. Mit seinem Einspruch gegen die Direktvergabe des 120-Millionen-Auftrags an den Konkurrenten Stadler verhindert Siemens seit Monaten die Anschaffung von 20 dringend benötigten neuen Zügen. Für öffentliche Aufträge dieser Größe schreibt das Gesetz, übrigens nicht ohne Grund, eine europaweite Ausschreibung vor.

Für sein Vorgehen mag, wie schon geschehen, der eine oder andere Berliner Politiker den Großkonzern mit Sitz in München verdammen. Doch Siemens ist nicht schuld an der aktuellen Fahrzeugmisere der BVG. Die Verantwortung dafür trägt in erster Linie die Berliner Politik selbst, die es aus falsch verstandener Sparsamkeit erst zuließ, dass ihre landeseigenen Verkehrsbetriebe gut zehn Jahre lang keine neuen U-Bahnen bestellten. Nun ist die Not groß.

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