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Kant-Dreieck wird nicht weiter wachsen

Charlottenburg-Wilmersdorf verfolgt bei Werbung an Gebäuden eine sehr restriktive Linie

Die Chance, dass das Turmhaus am Kant-Dreieck mit dem markanten Segel, so wie ursprünglich geplant, doch noch seine eigentliche Höhe erhält, ist vorerst vorbei. Das Bauamt Charlottenburg-Wilmersdorf hat das Bebauungsplan-Verfahren für die Aufstockung des Gebäudes um 18 Meter auf dann 54 Meter eingestellt. Bis zur Spitze des Segels würden es dann 72 Meter sein. Der Bezirk habe sich mit dem Eigentümer nicht über die Frage einigen können, dass dann auf dem Segel nicht mehr geworben werden dürfe, begründete Baustadtrat Marc Schulte (SPD) die Entscheidung der Behörde. Aus städtebaulicher Sicht sei das ohne Frage schade.

„Wir sind nicht grundsätzlich gegen hohe Häuser, aber sie sind keine Litfaßsäulen für kommerzielle Werbung“, sagte Schulte. Gerade bei neuer Werbung „sind wir sehr restriktiv“, betonte er. Toleriert werde nur der Bestand. Kompromisse seien nicht möglich, die Gebäude in der City West sollten wirken, nicht die Werbung. Den Gebäudekomplex an der Kantstraße gegenüber dem Delphi-Kino und dem Theater des Westens entwarf Architekt Josef Paul Kleihues (1933–2004). 1994 eröffnete das Geschäftshaus. Es hatte schon zur Entstehungszeit für politische Diskussionen gesorgt. Ergebnis: Gebaut werden durfte nur der fünfgeschossige Sockel und einer der zwei ursprünglich vorgesehenen, jeweils sechsgeschossigen Würfel darüber. Die im Entwurf vorgesehene Bauhöhe von 54 Metern (ohne Segel) wurde so auf 36 Meter reduziert.

Aufwändige Aufstockung

Damals gab es in der Nachbarschaft weder das 60 Meter hohe Neue Kranzler Eck noch das fast 119 Meter hohe Zoofenster mit dem Waldorf Astoria. Nur um den gedrungenen Eindruck des gestutzten Turms auszugleichen, wurde das Segel aufs Gebäude gesetzt. Wie sich der Sohn des Architekten erinnert, habe sein Vater die Werbung auch nicht gewollt, sich dann aber damit „zwangsläufig zufriedengegeben“.

Jan Kleihues sagte der Berliner Morgenpost weiter, er verstehe aber auch den Bauherrn, der auf die Werbung Wert lege: „Schließlich ist eine Aufstockung sehr aufwendig.“Schon 2003 hatten Architekten aus dem Büro Kleihues und die Eigentümerfirma KapHag im Bauausschuss des Bezirks dafür geworben, den ursprünglichen Entwurf umsetzen – und aufstocken zu können. 2012 war es dann soweit, dass der Stadtplanungsausschuss sechs zusätzliche Etagen, also den zweiten Würfel, akzeptierte. Doch zur Bedingung wurde gemacht, dass dann nicht mehr auf dem Segel geworben werden sollte.

Dabei hatte der Eigentümer des Kant-Dreiecks für die Werbe-Erlaubnis gerichtlich erkämpft. Das Oberverwaltungsgericht habe 1999 rechtskräftig festgestellt, dass dort geworben werden darf. „Darauf wollen und können wir nicht verzichten, schließlich lassen wir dort sehr zurückhaltend werben, nicht marktschreierisch“, sagte KapHag-Geschäftsführer Gernot Moegelin auf Anfrage dieser Zeitung.

Die Unterhaltung des Segels könne er nicht allein die Mieter des Geschäfts- und Bürogebäudes zahlen lassen. „Wir brauchen die Werbeeinnahmen, das Segel ist trotzdem noch ein Zuschussgeschäft“, so Moegelin weiter.

Auch die KapHag hält die Entscheidung, dass der jetzt zu niedrig wirkende Baukörper nicht aufgestockt werden darf, besonders aus städtebaulicher Sicht für falsch. Architektur-Studenten aus der ganzen Welt kämen zur Besichtigung und seien dann enttäuscht. Wirtschaftlich gehe die Aufstockung „bestenfalls plus minus null“ aus. Um zu bauen, müsste ein Teil des Hauses während der Bauzeit entmietet werden.

Insgesamt zieht Moegelin nach mehr als zehn Jahren Debatte um eine nachträgliche Aufstockung die Bilanz: „Unser Gebäude ist ein Beispiel dafür, wie politische Entscheidungen etwas Gutes schmälern oder erheblich beeinträchtigen können. Die Verantwortlichen im Bezirk benutzen ihre hoheitliche Funktion, um ihre persönliche Ansicht über die Werbung durchzusetzen, obwohl ein Gericht anders entschieden hat.“

Das Ziel, doch noch den Ursprungsentwurf des umsetzen zu können, hat der Hauseigentümer KapHag trotz der Einstellung des Bebauungsplans noch nicht ganz aufgegeben: „Das Kant Dreieck wird schließlich länger existieren als die aktuelle Besetzung der Baubehörde.“