Förderung

Der Streit um die Maus

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Eva Lindner

Der Senat investiert 60 Millionen Euro in Tierversuche. Die Technische Universität forscht an Alternativen

Bis der ganze Mensch auf der Größe einer Visitenkarte Platz hat, wird es noch einige Jahre dauern. Aber ein paar Organe auf einem Chip zu bündeln, das schaffen Wissenschaftler bereits heute. Eine von ihnen ist die Forscherin Ilka Wagner. Am Institut für Biotechnologie der Technischen Universität (TU) Berlin arbeitet sie in einem Team, das Organe wie Darm, Haut, Leber und Niere mikroskopisch klein imitiert. Da die künstlichen Organe wie echte reagieren, testen die Wissenschaftler an ihnen Medikamente, Chemikalien und Kosmetika und prüfen sie auf Nebenwirkungen. 2018 will das Team – statt bisher vier – bereits zehn Organe auf einem Chip bündeln können. „Die Chips könnten dann auch Tierversuche in der Medikamententestung ersetzen und nicht nur wie bisher reduzieren“, sagt Ilka Wagner.

Der Senat setzt dagegen weiter auf den Tierversuch. Gerade fördert er mit 60,8 Millionen Euro zwei neue Tierversuchsanlagen in Buch: ein Labor des Max-Delbrück-Centrums mit rund 74.000 Tieren und eine Aufzuchtanstalt der Charité für weitere 40.000 Mäuse. Die Maßnahmen zum Bau des sogenannten „Mäusebunkers“ sind erst kürzlich bekannt geworden.

Auch ohne die beiden Neubauten ist Berlin bereits die Hauptstadt der Tierversuche. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales hat 2014 für mehr als 1000 Versuche die Zucht von 1,2 Millionen Tieren zu Forschungszwecken genehmigt. Darunter waren eine Million Mäuse, aber auch Hunde, Katzen, Vögel und Zierfische. Doch sind angesichts der modernen Alternativen Tierversuche überhaupt noch notwendig? Oder setzt der Berliner Senat mit Millionen Euro von Steuergeldern auf ein auslaufendes Modell?

Gehirn zu komplex für den Chip

Seit 2013 sind Tierversuche in der Tabak- und Kosmetikindustrie sowie in der Waschmittelherstellung in Deutschland verboten. Für Medikamente, Chemikalien und in der Grundlagenforschung, in der die Hälfte aller Tierversuche durchgeführt werden, sind Tests am Tier aber weiterhin gesetzlich erlaubt – wenn es keine Alternativmethode gibt. Das könnten außer des Organ-Chips auch Computersimulationen, Zellkultur-Methoden oder Bevölkerungsstudien sein. Der Chip, an dem Ilka Wagner an der TU arbeitet, kann die Laufzeit von künstlichen Hautmodellen, an denen Kosmetika getestet werden, verlängern. „Was ich aber noch nicht sehe, ist, dass der Chip in naher Zukunft Tierversuche in der Grundlagenforschung ersetzen kann“, sagt die Biotechnologin.

Dieser Meinung ist auch der Toxikologe Gilbert Schönfelder von der Charité, der die Zentralstelle zur Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch am Bundesinstitut für Risikobewertung leitet. Dort arbeiten die Forscher nach dem europäischen Drei-R-Prinzip, das für „Replace, Reduce, Refine“ steht, also für den Ersatz von Tierversuchen durch Alternativen, die Verringerung der Zahl der Tiere und die Verbesserung der Lebensbedingungen. Mit dem Neubau in Berlin würden die Haltungsbedingungen moderner und besser, sagt Schönfelder. Alte Anlagen in Steglitz werden dafür geschlossen.

„Alternative Methoden sind noch nicht so weit, um alle Tierversuche auf einmal zu ersetzen“, sagt Schönfelder. „Gerade in der biomedizinischen Grundlagenforschung wird noch grundsätzlichen Fragestellungen nachgegangen, und Alternativen, die alle Fragen beantworten könnten, gibt es eben noch nicht.“ Er gesteht zwar ein, dass gerade die Arbeit mit künstlichen Hautmodellen auf einem Chip manche Tierversuche mittlerweile unnötig macht, in anderen Bereichen seien diese Modelle aber noch nicht verfügbar. „In der Neurologie oder Psychiatrie arbeiten wir mit dem Gehirn, einem so komplexen Organ, dass man genau ein solches haben muss, um es im Grunde zu verstehen“, sagt der Forscher. Auch eine Krankheit wie Diabetes überfordere das Chip-Modell, da sie den Darm, die Leber, aber auch den Stoffwechsel und die Nahrungsaufnahme betreffe, meint er. Ilka Wagner und ihr Team haben allerdings gerade eine Förderung für ein Diabetes-Modell auf dem Chip beantragt.

„Eine falsche Investition“

Tierversuchsgegner kritisieren, dass in der Grundlagenforschung meist kein konkreter Zweck verfolgt wird, sondern es um generelle Erkenntnisse in der Forschung geht. Das sei ethisch nicht vertretbar. „Es wird mit einem unglaublichen Aufwand geforscht, es kommt aber wenig dabei raus“, sagt Corina Gericke vom Vorstand des Vereins „Ärzte gegen Tierversuche“, den es seit 1979 gibt und der rund 1700 Mitglieder hat. „Es ist selten, dass ein Wirkstoff auf den Markt kommt, der wirklich neu ist, die meisten sind altbekannt.“ Sie hält es für unvertretbar und riskant, Ergebnisse aus dem Tierversuch auf den Menschen zu übertragen. „Um bei einer Ratte einen Schlaganfall zu simulieren, wird mit einem Faden eine ihrer Arterien im Hirn verstopft. Das hat nichts mit dem Schlaganfall beim Menschen zu tun, der sich über Jahre entwickelt und bei dem zu wenig Bewegung, falsche Ernährung, Rauchen oder Stress die Ursachen sind.“ Den neuen „Mäusebunker“ in Berlin mit besseren Haltungsbedingungen für die Tiere zu verteidigen, findet Gericke unangemessen. „Es ist eine falsche Investition von Steuergeldern, die Zukunft liegt in der tierversuchsfreien Forschung. Dafür gibt die Bundesregierung aber kaum Geld aus, während Milliarden in Tierversuche fließen“, sagt sie. Laut „Ärzte gegen Tierversuche“ fördert die Bundesregierung tierversuchsfreie Forschung jährlich mit bis zu vier Millionen Euro, die Tierversuchsforschung erhalte dagegen Milliarden.

Toxikologe Schönfelder fordert, bei diesen Zahlen zu differenzieren. „Chip-Technologien, Roboterverfahren, Omics-Techniken oder 3D-Drucker sind Methoden, die ursprünglich in der Grundlagenforschung entwickelt wurden und deshalb aus den gleichen finanziellen ‚Forschungstöpfen‘ stammen, aber heute für alternative Methoden eingesetzt werden“, sagt er. Der Streit um Forschungsgelder sowie um die wissenschaftliche und ethische Vertretbarkeit von Tests an Tieren wird erst einmal weitergehen. In Berlin wird er sich angesichts der Neubauten verschärfen.