Park

Urwald in der Stadt

Seit 15 Jahren gibt es den Natur-Park Schöneberger Südgelände

„Die alte Dampflok im Wald ist ein Hingucker“, lacht Rita Suhrhoff, als sie vor dem schwarz-rot glänzenden Ungetüm steht, „doch die ist gekauft“. Die Lok ist eines der Wahrzeichen des Natur-Parks Schöneberger Südgelände, aber die Parkchefin führt lieber auf die andere Seite des Parks, hinter die alte Lokhalle, wo man genau hinschauen muss, um Relikte des ehemaligen Tempelhofer Rangierbahnhofs zu entdecken. Rostige Wasserrohre ragen wie Rüssel in das Dickicht eines urwüchsigen Waldes. Schrauben längst vermoderter Schwellen haben Moos angesetzt, auf den Betonböden zerstörter ehemaliger Ausbesserungshallen sind Birken und Wildrosen gewachsen, Wäldchen und wilde Wiesen zwischen Schotter und toten Gleisen.

Ein Ort der Entschleunigung

Die Parkmanagerin führt durch eine verwunschene, zuweilen etwas morbide Welt, die entstehen konnte, weil das alte Industriegelände mehr als 50 Jahre lang brach lag. Wie sich die Natur ihr Terrain in solch einer Ödnis zurückerobert, kann man in dem Park seit genau 15 Jahren besichtigen. Es ist ein Ort zum Entschleunigen für die Berliner und ein Studienort für Wissenschaftler aus aller Welt.

„Es ist erstaunlich, dass viele Berliner diesen besonderen Park noch nicht kennen, obwohl er nur vier Stationen vom Potsdamer Platz entfernt liegt“, sagt Rita Suhrhoff. 50.000 Besucher seien 2014 gezählt worden, vergleichsweise wenige für einen innerstädtischen Park. Doch das ändere sich langsam, sagt die Parkchefin. Das Zusammenspiel von Natur- und Denkmalschutz, Wildnis, Kunst und Kultur sei inspirierend und erweitere den Besucherkreis. Auch der lange Tag der Stadtnatur an diesem Wochenende bietet sich an, den 18 Hektar großen Naturpark zwischen S-Bahnhof Priesterweg und Sachsendamm zu erkunden.

Wer den auf den ehemaligen Gleisen angelegten Pfaden durch den Wald folgt, kann einiges entdecken. Einen Bussard vielleicht oder ein Rotkehlchen. Ein Steg, der Besucher durch ein riesiges Röhrenstück leitet, schafft überraschende Perspektiven. Gitterstege auf rostigen Eisenrollen führen, fast über der Erde schwebend, durch das Naturschutzgebiet. Dort kann man zusehen, wie ein Wald entsteht. Doch es ist nicht allein die Natur, die die Gärtnerin und Landespflegerin Rita Suhrhoff begeistert. Seit 13 Jahren betreut sie den Park und hat sich längst auch zur Kulturmanagerin fortgebildet. Die Künstlergruppe Odious hat den Park behutsam für die Besucher erschlossen, Stege und Wege lassen den Tieren Raum, Stahlskulpturen schaffen Bezüge zwischen Natur und Technik. Der Giardino Secreto, ein ummauerter Kunstgarten zwischen den Relikten aus der Eisenbahnzeit, ist ein absoluter Gegensatz zur Wildnis, die ihn umgibt und eine moderne Interpretation des Renaissance-Gartens.

Die Voraussetzungen für diesen ungewöhnlichen Park hat die Berliner Geschichte geschaffen – und der Einsatz der Bürgerinitiative Südgelände. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Rangierbahnhof von der Reichsbahn bis 1952 Zug um Zug stillgelegt. Danach lag das Gelände brach. Zwei der drei riesigen Lokhallen verfielen, der etwa 50 Meter hohe Wasserturm rostete vor sich hin. Über die Jahrzehnte entwickelte sich ein auch für Fachleute erstaunlicher Artenreichtum: 366 Pflanzen-, 26 Brutvogel- und an die 100 Bienenarten wurden dort registriert. In den 80er-Jahren wollte das Land Berlin auf dem Gelände einen neuen Güterbahnhof bauen. Die Rodung war bereits genehmigt, als es der Bürgerinitiative unterstützt von Wissenschaftlern und Umweltexperten aus aller Welt gelang, die Politik zum Umdenken zu bewegen.

Seit 1999 steht das Areal unter Natur- (3,5 Hektar) und unter Landschaftsschutz (14,5 Hektar) und wurde kontinuierlich als Fußgängerpark entwickelt. Im Jahr seiner Eröffnung wurde er als weltweites Projekt der Expo 2000 international bekannt und wird seitdem regelmäßig von Studentengruppen, Stadtplanern, und Wissenschaftlern besucht. Die Entwicklungskosten teilten sich damals das Land Berlin und die Allianz Umweltstiftung, die jetzt auf einer Feier zum 15. Geburtstag des Naturparks ihr weiteres Engagement bekräftigte.

Zum Parkkonzept gehören neben Natur- und Vogelkundlichen Führungen, Familien- und Kinderprogrammen auch die Bauwerke im Eingangsbereich des Parks. Die 4000 Quadratmeter große alte Lokhalle, ein roher Backsteinbau mit gläserner Dachkonstruktion, wird als Künstleratelier, Konzerthalle und Theaterspielstätte genutzt. Die Shakespeare-Company und Fräulein Brehms Naturtheater, die im Sommer die Freiluftbühne am Parkeingang bespielen, haben dort eine Ausweichspielstätte, auch die Staatsoper und die Berliner Festspiele haben dort schon gastiert, Ende Juni wird mit 130 Sängern die Carmina Burana aufgeführt.

Fest zum langen Tag der Stadtnatur

Die Parkverwaltung sitzt neben dem Wasserturm in der alten Brückenmeisterei, in der auch das Gartenlokal Café Paresüd befindet. Dazwischen, der „Giardino Segreto“. Der geheime Garten ist ein ummauerter Kunstgarten als absoluter Gegensatz zur Wildnis, die ihn umgibt, und eine moderne Interpretation des Renaissance-Gartens. Spätestens hier versteht man, was es mit dem Motto des Parks auf sich hat: „Die Kunst ist der nächste Nachbar der Wildnis“, steht in großen silbernen Lettern am Parkeingang. Am Langen Tag der Stadtnatur wird am Sonnabend (16–21 Uhr) und Sonntag (12–18 Uhr) mit viel Programm die Sommersonnenwende gefeiert.

Natur-Park Schöneberger Südgelände, Eingang am S-Bahnhof Priesterweg, Eintritt 1 Euro, geöffnet täglich ab 9 Uhr bis Einbruch der Dunkelheit, bei Abendveranstaltungen länger, keine Hunde, keine Fahrräder