Serie: Wo Berlin gesund wird

Vom Glück, wieder schlucken zu können

Am Virchow-Klinikum der Charité wird ein Tumor an der Speiseröhre mit der Schlüssellochmethode operiert. Patienten erholen sich schnell

„Fantastisch“ – das ist erst einmal alles, was Christa Müller sagt. Sie sitzt auf ihrem Sofa mit Blick auf den Reinickendorfer Schäfersee, ein Tuch um den Hals, und trinkt langsam in kleinen Schlucken Wasser. Mit dem einen Wort beschreibt sie eigentlich gleich drei Dinge: die Operation im Virchow-Klinikum der Charité, die behandelnden Ärzte und ihr derzeitiges Befinden. Sie schiebt das Tuch zur Seite und zeigt die kleinen Punkte von der Schlüssellochoperation. „Ist das nicht phänomenal?“, fragt sie, ohne eine Antwort zu erwarten. Dann sagt sie es noch einmal mit Nachdruck: „Die haben mich so fantastisch operiert.“ Das Wort Speiseröhrenkrebs sagt sie nicht – das ist vorbei, Vergangenheit.

Acht Stunden hat ihre Operation gedauert. Dabei musste nicht nur der Tumor an der Speiseröhre entfernt und eine neue Verbindung zum Magen modelliert werden. Erschwerend kam hinzu, dass ihr Magen in das Zwerchfell gerutscht war und wieder zurück an seinen Platz musste. Am siebten Tag nach der Operation konnte Christa Müller wieder Spinat, Kartoffelbrei und Omelett essen. Sie erinnert sich genau an die erste feste Nahrung. „Es war ein Traum“, sagt die 76-jährige ehemalige Schokoladenfachverkäuferin. Vor allem das Gefühl, endlich wieder schlucken zu können.

Die Speiseröhrenchirurgie war noch bis vor einigen Jahren den Universitätskliniken vorbehalten. Daher habe auch die Charité eine lange Tradition auf diesem Fachgebiet, sagt Professor Johann Pratschke, Leiter der Klinik für Allgemein-, Visceral- und Transplantationschirurgie. Nach fünf Jahren an der Medizinischen Universität Innsbruck ist der international anerkannte Chirurg vor einem Jahr nach Berlin zurückgekehrt. Mitgebracht hat er an die Charité seine Kenntnisse der minimalinvasiven Operation beim Speiseröhrenkrebs, die er sich unter anderen bei einem zweijährigen Forschungsaufenthalt an der Havard Medical School in Boston angeeignet hatte. „Mit dieser Operationsmethode beim Speiseröhrenkrebs sind wir führend in Berlin und wahrscheinlich sogar in Deutschland“, sagt Pratschke. Sogar Patienten aus Österreich würden ihm nach Berlin folgen und sich an der Charité behandeln lassen. Generell gebe es viele „überregionale“ Patienten, so zum Beispiel auch aus dem skandinavischen Raum. Einige informierten sich im Internet über die Kliniken und Behandlungsmethoden, andere würden auch dem guten Ruf der Charité folgen. Das schlägt sich in den hohen Zahlen der Operationen nieder. In Berlin werden die meisten Patienten mit einem Tumor an der Speiseröhre an der Klinik von Professor Pratschke auf dem Virchow-Campus der Charité operiert. „Das ist auch damit zu erklären, dass wir Risikopatienten annehmen, also Fälle, die woanders abgelehnt werden“, sagt der Chirurg.

Vorher zwei große Schnitte

Noch vor Jahren waren mindestens zwei große Schnitte notwendig, um diese Art von Krebs zu beseitigen: einer im Bauchraum, um einen Teil des Magens zu einem Schlauch zu formen, der dann als Ersatz für die von Krebszellen befallene Speiseröhre dienen sollte, und einer in Höhe des Brustkorbs, um das Tumorgewebe an der Speiseröhre zu entfernen. Dabei konnte es passieren, dass eine Rippe gebrochen wurde. „Für die Patienten bedeutete das enorme Schmerzen“, sagt der Professor. Die Patienten konnten nicht richtig atmen und das Risiko der Lungenentzündung war groß. Zwei bis drei Wochen mussten die Patienten in der Klinik bleiben.

Jetzt sind für die Schlüssellochoperation am Virchow-Klinikum nur vier bis fünf kleine Schnitte nötig, teilweise nur fünf Millimeter groß für die minimalinvasiven Instrumente. Durch den Bauchnabel wird eine Kamera eingeführt, um den Magen vorzubereiten und befallene Lymphknoten zu entfernen. Danach wird der Patient umgelagert, um mit einem kleinen Schnitt in Höhe der Rippen das Tumorgewebe mit einem Beutel herauszuziehen.

Im Vergleich zu Brust- und Darmkrebs sei es eine relativ seltener Tumorart, sagt Pratschke. Die Prognose sei meistens ernst, weil es sich um einen aggressiven Tumor handle. Oft würden vor der Operation noch eine Strahlen- oder Chemotherapie durchgeführt. Wichtig sei, dass ein Team darüber entscheidet, welches Therapieverfahren den besten Erfolg verspricht. Die ersten Symptome können Schluckstörungen sein. Das liegt daran, dass die bösartige Gewebeveränderung wächst und die Speiseröhre verengt. „Am Schluss können die Patienten nur noch trinken“, so der Professor. Die Schmerzen könnten bis in den Rücken ausstrahlen, denn schließlich bestehe der Tumor aus einem harten Gewebe. Wenn man älter als 55 Jahre ist, sollten bei Schluckstörungen sofort die Alarmglocken läuten. Dann sollte der Ursache auf den Grund gegangen werden. Es muss kein Krebs sein. Auch Sodbrennen oder generell Probleme mit dem Reflux – also dem Übergang vom Magen zur Speiseröhre – könnten ähnliche Beschwerden auslösen.

Auch bei Christa Müller fing es mit Schluckstörungen an. „Es war so, als ob eine Tablette im Hals stecken bleibt“, sagt die Reinickendorferin. Als das Essen wieder einmal nicht so rutschen wollte, habe sie einen Kaffee darauf getrunken und gedacht, dass sie ersticke. Doch zunächst habe die den Problemen keine Beachtung geschenkt. Sie hatte zweimal eine Bronchitis überstanden und die Symptome darauf geschoben.

Anruf von der Hausärztin

Als es gar nicht besser wurde, ist sie doch zu ihrer Hausärztin gegangen. Die erklärte ihr erst einmal, dass die Bronchitis gar nichts damit zu tun haben könne. Es folgten Termine beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt – ohne Befund – und schließlich für eine Magenspiegelung. Dabei musste der Arzt nicht lange suchen. Gleich nachdem sie den Schlauch geschluckt hatte, sagte er: „Kein Wunder, da sitzt ein großes Geschwür.“ Er entnahm eine Gewebeprobe, um es in der Pathologie untersuchen zu lassen. Der Überbringer der schlechten Nachricht war dann die Hausärztin. „Das Ergebnis ist da“, sagte die. Es sei leider bösartig. Sie habe ihr gleich die Charité empfohlen, sagt Christa Müller, und ihr versprochen: Wenn die Operation gelinge, habe sie noch schöne Jahre vor sich.

Es ging alles gut. Doch bevor sie auf dem Operationstisch lag, wurde sie mit einer Chemo- und Strahlentherapie vorbehandelt. Jetzt heißt es abzuwarten. „Nach fünf Jahren kann man formal von einer Heilung sprechen“, sagt Professor Pratschke. Aber wer einmal davon betroffen war, werde immer Tumorpatient bleiben. Allein wegen der engmaschigen Kontrollen. Es ist schwierig, beim Speiseröhrenkrebs Risikofaktoren herauszukristallisieren. Extrem heißes Essen könnte ein solcher Faktor sein. Bei den Asiaten zum Beispiel käme der Speiseröhrenkrebs öfters vor als in Europa. „Sie lieben sehr heißes Essen“, sagt Pratschke. Bestimmte Nahrungsmittel könnten auch eine Ursache sein, zum Beispiel unsaubere Erdnüsse oder bestimmte Pilze. Auch in Österreich gebe es ein höheres Aufkommen von Magen- und Speiseröhrenkrebs. Dort könnte es an den beliebten Räucherwaren wie Speck liegen. Und natürlich gehören auch – wie bei fast allen Krebsarten – Zigaretten- und Alkoholkonsum zu den Risikofaktoren.

Christa Müller weiß nicht, was sie falsch gemacht haben soll. Sie hat zwei Töchter großgezogen und „ich habe immer frisch gekocht, vor allem viel Gemüse“. Sie hat ein bisschen in ihrer Familie geforscht und herausgefunden, dass der Bruder ihrer Großmutter vor mehr als 100 Jahren Speiseröhrenkrebs hatte. Doch so richtig mag sie nicht daran glauben, dass sie daher die genetische Disposition für die Krebserkrankung hatte.

Wieder ein normales Leben

Sie hat die Ereignisse in der Klinik genau parat: An einem Freitagvormittag wurde sie in den Operationssaal geschobenen. Erst am Sonntag wachte sie wieder auf. Wegen der langen Narkose und ihres Alters hätte man sie zur Erholung schlafen lassen, sagte ihr ein Intensivpfleger. Für den Besuch ihrer Töchter durfte sie wieder im Sessel sitzen, nach zwölf Tagen in der Klinik konnte sie entlassen werden. Sechs Kilogramm hat die Rentnerin abgenommen. Jetzt führt sie wieder fast ihr altes Leben. Schlucken sei kein Problem, sagt sie. Sie verteilt mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag. „Früher habe ich auch so gegessen“, sagt Christa Müller.

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