Religion

„Die Kirche ist kein Schrebergarten“

Der neue Berliner Erzbischof will mehr Menschen mit dem Glauben in Berührung bringen

„Spannend ist das, wenn man noch nicht weiß, wo man sein Haupt am Abend niederlegt“, witzelte Heiner Koch bei seiner ersten Pressekonferenz am Mittwoch. Das Bischofshaus sei sanierungsbedürftig. „Also müssen wir improvisieren.“ Vorübergehend steht das Büro des neuen Erzbischofs im Haus zur Berolina am Hausvogteiplatz. Nach einer neuen Wohnung werde noch gesucht. Dass der erste öffentliche Auftritt des neuen Erzbischofs von Berlin an einem Interims-Ort stattfindet, in einem ehemaligen Textilgeschäft der Gründerzeit, ist bezeichnend: Heiner Koch kommt in ein Bistum, das voller Baustellen steckt.

Kirchenaustritte, die Vorbereitung auf das Reformationsjubiläum, die Familiensynode in Rom diesen Herbst – und nicht zuletzt auch die noch ausstehende Entscheidung zur Sanierung der St.-Hedwigs-Kathedrale. Koch will noch über die Möglichkeiten einer Änderung des aktuellen Entwurfs beraten. Ihn hätten einige „drohend scharfe Briefe“ zu den geplanten Umbaumaßnahmen erreicht, die unter anderem die Schließung der Treppe zur Krypta vorsehen. „Wenn wir einen Bau erschaffen, der die Gemeinschaft zerstört, dann haben wir den Sinn verfehlt“, sagte Koch. „Dann endet die Erneuerung in einem Fiasko.“ Die Hedwigs-Kathedrale am Bebelplatz galt nach ihrem Wiederaufbau nach dem Krieg in der katholischen Kirche als Zeugnis des Glaubens. Der ausgewählte Sieger des Architekten-Wettbewerbs zum Umbau war in der Öffentlichkeit auf starke Kritik gestoßen. „Es hilft nichts, wenn die Kirche ein schöner Schrebergarten ist und die Menschen draußen bleiben“, sagte Koch.

Und Menschen, die buchstäblich draußen bleiben, gibt es im Bistum viele. Nur ein geringer Prozentsatz bekennt sich hier noch zum katholischen Glauben: Rund 410.000 Katholiken leben im Erzbistum Berlin, zu dem auch weite Teile Brandenburgs und Vorpommern gehören – davon allein etwa 330.000 in der Hauptstadt. Das entspricht zehn Prozent der Bistumsbevölkerung. „Mich hat schon in Sachsen verwundert, wie viele Bewohner noch nie mit dem christlichen Glauben in Berührung gekommen sind“, sagte Koch, seit 2013 noch Bischof von Dresden-Meißen. „Es kann nicht sein, dass in Berlin Menschen sterben, die noch nie von Gott gehört haben.“ Den Dialog mit „religiös Ungebundenen, ob entschieden oder gleichgültig“ nehme er allerdings sehr wichtig: „Ich habe gemerkt, dass man von diesen Menschen viel lernen kann“, sagte Koch.

Mit Spannung darf man auch Kochs Position bei der Familiensynode in diesem Oktober erwarten. Koch gilt als aufgeschlossen gegenüber alternativen Familienmodellen und Homosexuellen. „Ich kenne homosexuelle Paare, die Werte wie Verlässlichkeit und Verbindlichkeit in vorbildlicher Weise leben“, hatte er sich im Vorfeld geäußert. Am Mittwoch machte er aber auch deutlich, dass die katholische Kirche für die Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau einstehe.

Koch war am 8. Juni von Papst Franziskus zum neuen Erzbischof von Berlin ernannt worden. Seine Wahl wurde in der katholischen Kirche größtenteils begrüßt. Sie stieß allerdings auch auf Kritik, etwa beim Magdeburger Bischof Gerhard Feige. Neben Görlitz und Berlin sei Dresden-Meißen das dritte Bistum in Ostdeutschland, das seinen Bischof nach kurzer Zeit wieder verliert. Koch sagte am Mittwoch, er sehe mit Zuversicht in seine Zukunft: „Ich bleibe im Osten. Und ich werde mich stark für den Osten bei der Bischofskonferenz einsetzen.“