Wo Berlin gesund wird

Ein Fall für viele Fachärzte

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Katrin Lange

Im Darmzentrum der DRK-Klinik Westend werden jedes Jahr mehr als 100 Tumorpatienten operiert. Die Heilungschancen sind gestiegen

Der Weg zum Büro von Professor Thomas Steinmüller führt vorbei an sehr großformatigen, sehr farbintensiven und sehr ausdrucksstarken Bildern. Noch stehen sie auf dem Boden verteilt. Aber schon bald werden sie in den Gängen des Klinikums in Westend hängen, die dann eher einer Kunstgalerie als Krankenhausfluren ähneln. Die Aura der Einrichtung, das Gefühl, sich wohlzufühlen, könnten Anteil haben am Erfolg, sagt der Chefarzt der Klinik für Chirurgie und Leiter des Darmzentrums Westend. Insgesamt 90 Operationen am Dick- und 39 am Enddarm wurden 2013 hier durchgeführt – so viel wie in keinem anderen Berliner Krankenhaus. Die Klinik am Spandauer Damm gehört zu den DRK Kliniken Berlin, einem Zusammenschluss von vier Berliner Krankenhäusern in Mitte, Köpenick und Charlottenburg.

Zertifiziertes Darmzentrum

Christine Moebius folgte zunächst weniger dem Kunstgedanken als dem Rat ihrer Hausärztin und ihrer Freundin, als sie sich in die Westend-Klinik begab. Im Oktober 2014 bekam sie Durchfall und Krämpfe, 30 bis 40 Mal am Tag. Anfangs vermutete die 51-Jährige einen Infekt oder eine Lebensmittelallergie. Sie traute sich kaum noch zu essen. Doch als es nach zwei Monaten nicht besser wurde, ging sie zu ihrer Hausärztin. Ihre Bauchspeicheldrüsenwerte waren schlecht, das war der erste Schock. Ihr war schon bewusst, dass Bauchspeicheldrüsenkrebs einer der gefährlichsten bösartigen Tumore ist. Doch sie war in Ordnung. Ihre Ärztin schickte sie zu einer Magenspiegelung. Doch auch hier war alles in Ordnung. Es folgte eine Darmspiegelung und der prompte Anruf der Ärztin: „Gehen Sie sofort ins Krankenhaus.“ Sie riet ihr die Klinik in Westend. Eine Freundin bestärkte sie darin. Sie hatte drei Darmkrebsfälle in der Familie – Bruder, Schwester und Mutter – und sagte nur: „Wenn etwas ist, geh’ zu Professor Steinmüller, er hat meine ganze Familie wieder hinbekommen.“

Die DRK-Klinik hat ein zertifiziertes Darmzentrum. Das bedeutet für den Patienten, dass sich ein Netzwerk von Experten aus Chirurgie, Radiologie, Onkologie, Strahlen- und Schmerztherapie, Pathologie und Gastroenterologie um ihn kümmert. Jede Woche treffen sich die Fachleute ein Mal, um die einzelnen Fälle in der Tumorkonferenz zu besprechen. Auch das sei ein besonderes Qualitätsmerkmal, sagt Professor Steinmüller. Alle Ärzte stünden mit dem Patienten im Gespräch, vor und nach der Operation. Und auch nach der Entlassung werde er nicht allein gelassen. Der nachbehandelnde Arzt besucht den frisch Operierten bereits am Krankenbett, dafür kooperiert die Klinik mit fünf verschiedenen Praxen.

Drei Tage nach dem Anruf der Hausärztin lag Christine Moebius bereits in der Klinik in Westend. Es stimmt, sie habe sich immer gut informiert gefühlt, erzählt sie. „Ich will genau wissen, was Fakt ist“, sagt die resolute Frau, die vor der Erkrankung in der Gastronomie gearbeitet hat. Jammern helfe nicht. Krankheit und Tod gehörten zum Leben, das habe sie in ihrer Zeit, als sie als Altenpflegerin gearbeitet habe, gelernt. Und es gehe schließlich nicht der Reihe nach.

„Sind Sie auch ausgeschlafen?“, fragte sie den operierenden Arzt am Tag der Operation. Sie wusste bereits, dass sie nur eine ganz kleine Chance haben würde, nach der Operation keinen künstlichen Darmausgang zu haben. Auch das trug sie mit Fassung. „Ich habe alte Menschen gepflegt, ich weiß, wie das ist und dass man damit leben kann“, sagt die Charlottenburgerin. Sie hatte großes Glück, zunächst. Nach dem Aufwachen aus der Narkose, griff sie sich als erstes an die Stelle, wo der künstliche Darmausgang liegen müsste. Zu ihrer großen Erleichterung fand sie nichts – das blieb ihr erspart. Schon am nächsten Tag konnte sie leichte Kost zu sich nehmen, die Verdauung funktionierte. Sie erholte sich schnell. Doch nach einem Monat kam der nächste Schock: Lebermetastasen. Die Hälfte des Organs musste ihr entfernt werden, fast 1000 Gramm wurde sie noch einmal leichter. „Wächst ja wieder nach“, sagt Christine Moebius.

Heute seien auch sogenannte Fernmetastasen chirurgisch gut behandelbar, sagt Thomas Steinmüller. Noch in den 80er-Jahren hätte man angesichts von Lebermetastasen gesagt, dass eine Operation keinen Sinn mehr habe. 1985 hätten 20 Prozent der Darmkrebspatienten zehn Jahre überlebt, heute seien es mehr als 50 Prozent. Bei der Operation wird die Schlüssellochtechnik angewandt. „Aber immer mit Augenmaß“, sagt der Professor. Bei zehn bis 20 Prozent der Fälle sei der Tumor so groß, dass er sich doch für eine offene Operation entscheide.

Ein kleiner Schnitt muss aber auch bei der Schlüssellochtechnik immer angesetzt werden, um das bösartige Gewebe herauszuziehen. Bei der Operation wird das Stück des Dickdarms, das vom Tumor befallen ist, entfernt. Dazu werden auch betroffene Lymphknoten in der Umgebung des krankhaften Gewebes herausgenommen. Am Schluss werden die beiden Enden des Darms wieder zusammengenäht oder -geklammert. Bis zu vier Stunden kann der Eingriff dauern. Bereits am Abend der Operation dürfen die Patienten etwas trinken, am nächsten Tag wieder aufstehen. Nach der Entlassung folgen engmaschige Kontrollen.

Ab 55 Jahren zur Darmspiegelung

Vom Darmkrebs sind eher ältere Menschen betroffen. „Tritt er in jungen Jahren auf, ist er meist genetisch bedingt“, sagt Professor Steinmüller. Dann sitze auch ein Genetiker mit in der Tumorkonferenz zur Besprechung des Falls. Der Mediziner weiß, dass die Darmspiegelungen zur Vorsorge „nicht besonders beliebt sind“, aber er rät unbedingt dazu. Dickdarmkrebs ist der zweithäufigste Krebsart bei Männern und Frauen. Ab 55 Jahren wird die Vorsorgeuntersuchung von den Krankenkassen übernommen.

Wer in der Familie Fälle von Darmkrebs hat, die bei Personen unter 45 Jahren auftraten, sollte schon wesentlich früher zur Routinekontrolle kommen. Es gebe eine genetische Komponente, sie müsse aber nicht zwingend die Krankheit hervorrufen, so der Professor. „Bösartige Tumore haben einen Vorlauf“, sagt Steinmüller. So entstünden zunächst Polypen oder Adenome – gutartige Gewebeveränderungen –, die umschlagen könnten. Deshalb müssten sie alle drei bis fünf Jahre kontrolliert werden.

Eine gesunde und vor allem ballaststoffreiche Ernährung ist eine Vorsorgemaßnahme, die jeder treffen kann. Wenig Fleisch, generell wenige tierische Produkte, bringt es der Professor auf den Punkt. „Bei den Afrikanern, die viele Wurzeln essen und sich zum Teil vegetarisch ernähren, gibt es fast keinen Darmkrebs“, sagt Thomas Steinmüller. Das bedeute aber nicht, dass man kein Fleisch essen dürfe. Es sei richtig, dass scharf angebratenes, karbonisiertes Fleisch krebsfördernd sein kann. Aber wer isst schon Unmengen verkohltes Fleisch? Alles darf auf den Tisch, in Maßen. Übergewicht sollte vermieden werden. Auch das ist ein Risikofaktor. Was vielleicht weniger bekannt ist: Rauchen kann sich schädlich auswirken. „Die Giftstoffe werden auch über den Darm ausgeschieden“, so der Professor.

Am besten ist eine ausgewogene Ernährung: Körner, Müsli, Obst und rohes Gemüse. Und nichts weglassen. Kohlenhydrate sind Energieträger, Fleisch ist ein Nährstofflieferant. Es sei richtig, dass bei einer konsequent veganen Ernährung die Gefahr, an Darmkrebs zu erkranken, geringer ist, sagt Steinmüller. Dennoch berge diese Art der Ernährung auch Risiken. Keine Einseitigkeiten, sondern ausgewogen und gesund essen und dabei glücklich und zufrieden sein – das sei ein guter Weg, um sich vor der Krankheit zu schützen.

An ihrer Ernährung könne ihre Krebserkrankung nicht liegen, sagt Christine Moebius. Sie habe immer wenig Fleisch gegessen, allerdings auch sehr gern scharf, am liebsten Gerichte mit viel Chili. Bis zum Herbst bekommt sie jetzt noch eine Chemotherapie, zwölf Zyklen im Abstand von zwei Wochen. Die habe erstaunlich wenige Nebenwirkungen, erzählt sie. Etwas schlapp und matt sei sie vielleicht. Manchmal habe sie keinen richtigen Appetit. Körperlich aber fühle sie sich ganz gut und auch ihre Heilungschancen stünden gut. Für sie zählt jetzt nur noch eins: „Der Spuk ist weg.“ Jetzt wolle sie erst einmal gesund werden und dann wieder arbeiten.

Morgen Teil 5: Lungenkrebs. Alle Teile der Serie im Internet unter www.morgenpost.de/themen/medizin-serie