Kulturmacher

Mit oder ohne Cowboyhut

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Paul Hertzberg

Rock ’n’ Roll, Blues, Rockabilly und Country: Der „Bassy Cowboy Club“ in Prenzlauer Berg hat sich seit mittlerweile fast 15 Jahren der amerikanischen Rockmusik verschrieben

Der Rewe hat geschlossen, die Leuchtreklame des Biomarkts glüht still und grün. Wer Zigaretten oder Bier kaufen will, muss wohl oder übel bis zum Rosa-Luxemburg-Platz laufen. Mitternacht auf dem Senefelder Platz. Fast könnte man auf die Idee kommen, der Prenzlauer Berg sei tatsächlich so ruhig und behäbig, wie es einem das Vorurteil diktiert. Wäre da nicht der eine Laden, der die Ruhe stört. Mit jedem Öffnen seiner Tür dringt Musik auf den Gehsteig. Da jault plötzlich eine E-Gitarre über die dunkle Straße und der harte Schlag hölzerner Sticks auf den Trommeln der Drummer gibt den Takt an.

Der „Bassy Cowboy Club“ macht Krach. Ganz bewusst und so gut wie möglich. Seit fast 15 Jahren ist seine Bühne der Beweis, dass man in Berlin nicht nur zu elektronischen Beats tanzt. Vor der Tür stehen Holztische. Festgeklebte Flaschenetiketten auf den Bierbänken statt Tischdecken und Kerzen. Spätestens mit der Hand an der Klinke weiß man, woran man beim „Bassy“ ist. Da steht Nico, die Hamburger DJ-Dame und Türsteherin, in schwarzer Lederjacke. Oder Lloyd, der amerikanische Musiker, der trotz seines baptistischen Elternhauses „nicht zu Jesus gefunden hat“. Und natürlich Christoph. Christoph Heutjer, Mitgründer des „Bassy Clubs“, mit Einwochenbart und gelockertem Schlips über dem aufgeknöpften Hemd. „Das hier ist nicht nur ein Club für Cowboys“, sagt er. Und da hat er recht.

Abgesehen davon, dass echte Kuhhirten in Berlin wohl Mangelware sind, heißt man im „Bassy“ tatsächlich jeden willkommen. Trotz Lederjacken, trotz der zugegebenermaßen hohen Bart- und Langhaardichte, trotz der kreischenden Gitarrensoli und Bassriffs, die man zu hören bekommt, ist der Club kein Anlaufpunkt für harte Mädels und noch härtere Typen. Er ist vor allem eins: Treffpunkt all derer in der Hauptstadt, die Lust auf Rock haben. Rockabilly, Blues, Country, Psychedelic und, wie das Motto des „Bassy“ stolz behauptet, „wild music before 69“. Das ist die Musik, der sich der Club verpflichtet hat.

An den Wänden hängen Tierköpfe

Trauben von Discokugeln baumeln über der Tanzfläche. Erst geht es ein paar Stufen hinab, dann wieder hinauf, um zur Bar zu gelangen. Dort steht man an der Holzbalustrade, das Bier in der Hand, und schaut auf die Tanzenden, über die wie Glühwürmchen die Leuchtsplitter der Lichtanlage huschen. An den Wänden hängen Tierköpfe, Jesus am Kreuz und ein ausgestopfter Wolf. Das Licht ist rot, die Drinks stark. Das schummrige Dunkel passt, vor allem, wenn eine Band wie Horisont auf der Bühne steht. Als hätten sie sich Mühe gegeben, jedem Klischee zu entsprechen, sehen die schwedischen Musiker aus, als seien sie gerade mit Olaf dem Roten in Amerika gelandet. Lange Haare fliegen um ihre Köpfe, kein Mann ist bartlos. Dementsprechend donnern die Gitarren und dementsprechend Hardrock-folklorehaft ist die Falsettstimme des Sängers.

Wie zu erwarten, stellen sich die skandinavischen Musiker nach ihrem Auftritt aber als eher handzahm heraus. „Will jemand einen schwedischen Song hören?“, ruft Christoph den Bandmitgliedern zu, nachdem die sich in den Backstagebereich zurückgezogen haben. Er hat die Mundharmonika schon in der Hand. Und tatsächlich. Die Wikinger von Horisont stimmen alle mit ein, als der „Bassy“-Mitgründer die ersten Takte von „Hej Pippi Langstrumpf“ anspielt. Sie sitzen auf Sofas und Hockern in einem kleinen Raum hinter der Tanzfläche. Ein Kickertisch steht bereit und stilecht lässt es sich an der Dirty-Harry-Maschine flippern. Keine Tür, kein Vorhang trennt die schweißüberströmten Musiker von den immer wieder vorbeischauenden Clubbesuchern, die den Künstlern ihre Anerkennung versichern.

Hier steht die Musik im Mittelpunkt

Das gehört im „Bassy“ dazu. „Das Publikum hier ist von Gig zu Gig unterschiedlich“, versichert Fabian, der seit zwei Jahren hinter der Bar des Clubs steht. Das kommt immer darauf an, welche Band gerade spielt, ob Fremdveranstalter die Bühne bespielen, die allmonatliche Burleske-Tanzshow ansteht, oder die Betreiber des „Bassy“ selbst geladen haben. Und auch die nutzen den Club, um eigene Konzertreihen zu inszenieren. Christoph Heutjers nächste Party nennt sich „Fête de la Bassy“. Eine Antwort auf Berlins Fête de la Musique. 13 Bands werden im Zuge der Veranstaltung am vierten Juli im „Bassy“ spielen. Ihr Lohn: „Die Musiker können trinken, bis sie umfallen“, sagt Christoph. Wie um das zu unterstreichen, setzt er sich an die Bar und bestellt ein Bier.

Er eilt zur nächsten Besuchergruppe, verteilt Handschläge und Umarmungen. Von ihm etwas über die Geschichte des „Bassy“ erfahren zu wollen, ist fast aussichtslos. Dafür erzählt er, wie er im Kölner Dom wegen seiner Kopfbedeckung rausflog, als Schüler Stinkbomben schmiss und mit dem Corpus Delicti erwischt wurde, und vom Schulabbrecher zum Klempner, anschließend zum Grafiker und danach zum Musiker wurde. Und irgendwann spielt es kaum noch eine Rolle, wie das „Bassy“ zu dem Club wurde, der es heute ist. Wichtiger ist die Freude, mit der Christoph, Nico, Fabian und Lloyd, das ganze Team der Bar, über die Musik reden, die Begeisterung, mit der sich der musikalischen Version des amerikanischen Traums hingeben wird.

Nur eines stimmt bei Christoph Heutjer nicht. Die Mütze, die er trägt und die er früher auch im Dom nicht absetzte, ist eine Schirmmütze, eine Schieberkappe. Dabei würde man doch einen Cowboyhut erwarten. Nicht ohne Grund gilt im „Bassy Cowboy Club“ seit seiner Gründung ein Gesetz: Der Eintritt schwankt, je nach Band zwischen sieben und 15 Euro, doch wer einen Cowboyhut trägt, kommt umsonst rein. Ein bisschen Wilder Westen muss eben doch sein.

Bassy Cowboy Club, Schönhauser Allee 176a, Tel. 374 48020, bassyclub.com