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Afrika am Alexanderplatz

Das Kenako Festival bietet ab Donnerstag Musik, aber auch Politik und Kultur aus 52 Ländern

So mancher würde ihn Workaholic nennen. Hervé Tcheumeleu, 39, schaut ungern auf die Uhr, wenn er arbeitet, manchmal sind es 16 Stunden. „Es ist meine Berufung, das hier zu tun.“ Der Mann im fliederfarbenen Hemd mit weißem Kragen und eckiger Brille ist hier zu Hause, in seinem Büro im Afrika Medien Zentrum am Kurt-Schumacher-Platz in Reinickendorf. Der gebürtige Kameruner ist Geschäftsführer, Chefredakteur und Verleger des von ihm gegründeten Afrika-Magazins „LoNam“. Sein Handy summt im Minutentakt.

„Kenako“ – Es ist an der Zeit. An der Zeit, „Afrika zu den Menschen zu bringen“, sagt Tcheumeleu. Seine Augen leuchten. Das Festival sei sein Herzensprojekt. Er will die Besucher aber nicht mit überkommenen Stereotypen langweilen. Beim Kenako Festival, das von Donnerstag bis Sonntag auf dem Alexanderplatz stattfindet, soll der afrikanische Kontinent mit seinen vielen Facetten erlebbar gemacht werden. „Afrika, das sind 54 Länder“, erinnert Veranstalter Tcheumeleu.

Themen, die Afrika bewegen

Zum vierten Mal findet das Festival in Mitte statt, diesmal unter dem Motto „Africa beyond 2015 – Afrika nach 2015“. Die Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen (UN) laufen dieses Jahr aus, und die „nachhaltigen Entwicklungsziele“ der UN sind schon in Planung. Auf Podiumsdiskussionen können sich die Besucher des Festivals über Themen informieren, die Afrika bewegen. Es wird aber auch Musik, Essensstände und einen typisch afrikanischen Marktplatz geben. „Wer schon einmal in Afrika war, wird merken, dass der Marktplatz das Zentrum des Lebens ist“, sagt Tcheumeleu. Die Besonderheit in diesem Jahr: Beim „Africa Day“ am Sonnabend werden alle in Deutschland ansässigen afrikanischen Botschafter anwesend sein und den Besuchern für Fragen zur Verfügung stehen. „Afrika ist nicht nur Hunger und Armut. Ich will die vielen Gesichter des Kontinents zeigen“, betont Tcheumeleu. Vor allem will er vernetzen, eine Plattform für den kulturellen Austausch schaffen. Dabei scheut er keine Arbeit, das war schon immer so. Anfangs organisierte er den Vertrieb seines Magazins „LoNam“ selbst. Er kaufte sich das Schönes-Wochenende-Ticket der Deutschen Bahn (DB), um sein Magazin an Bahnhofskioske zu verteilen.

Die Reaktionen seiner Leser waren nicht immer positiv. „Eine Leserin hat mir mal eine Ohrfeige gegeben, weil mein Artikel über sie nicht schmeichelhaft ausfiel“, erinnert er sich. Schmerzhaft. Auch ein afrikanischer Botschafter ermahnte ihn, er solle statt über Politik doch lieber über kulturelle Themen berichten. Das hielt Tcheumeleu nicht auf. „Im Gegenteil, das zeigt mir, dass mein Magazin gelesen wird. Dass es für die Leute relevant ist.“ Einmal bedankte sich ein Asylbewerber bei ihm, nachdem er eine Ausgabe des Magazins gekauft hatte. Der Mann konnte das deutschsprachige Magazin zwar nicht lesen, aber für ihn war wichtig, dass es ein Afrikaner war, der das Heft gemacht hatte. Damit konnte er sich identifizieren. Und Tcheumeleu ist die Freude darüber noch heute anzusehen.

Der Herausgeber von „LoNam“ kennt die Startschwierigkeiten im fremden Land nur zu gut. „Noch heute habe ich das Gefühl, nirgendwo so richtig hinzugehören“, sagt er. Eigentlich wollte er nicht nach Europa kommen. Nachdem er sein Studium der Biochemie im Jahr 2001 in Kamerun abgeschlossen hatte, folgte er dennoch seinem kleinen Bruder nach Berlin. Ein Schock. „Europa, das war für uns immer ein Ort, an dem schöne Menschen fast halbnackt herumlaufen. Stattdessen war alles grau, es gab kein Leben. Es war zu still“, erinnert er sich an seine Anfangszeit in Ost-Berlin.

Musik selbst beigebracht

Einer, der beim Festival mitspielt, ist Willy Sahel. Der großgewachsene Afro-Pop-Musiker, 24, der gerne und häufig lacht, kann sich an ein Leben ohne Musik nicht erinnern. Seine Kindheit in Niger war geprägt von dem Gospelchor, in dem seine Mutter jeden Sonntag sang. Nun lebt er ihren Traum. „Für sie ist es okay, solange es einer ihrer Söhne ist“, erwidert Sahel sichtlich stolz. Es war nicht immer einfach, seinen Eltern gefiel sein Wunsch nach einer Karriere als Musiker anfangs nicht. Ihnen wäre es lieber gewesen, wenn er sein Studium der Biologie und Geologie weitergeführt hätte. Trotzdem unterstützen sie ihren Sohn, sein Vater schenkte ihm im Jahr 2004 die erste Gitarre. Nachdem er ein paar alte Musikbücher seines Vaters in einem Karton fand, begann er mit seinen ersten Gitarrenstunden. Vieles hat er sich aber selbst beigebracht.

Aufgrund politischer Unruhen im Tschad zog seine Familie nach Niger. Willy Sahel war damals nur wenige Wochen alt. Trotzdem thematisiert er in seinen Liedern die Folgen von politischen Auseinandersetzungen. „Der Rhythmus ist einfach gestört“, so Willy. Auch die Erfahrung des Reisens, des ständigen Wohnortswechsels prägt seine Musik. Er lässt sich nicht gerne auf eine Stilrichtung festlegen, vielmehr findet man ganz unterschiedliche Einflüsse wieder. Die Vereinigung von Gospel mit afrikanischen Stilen aus dem Tschad, Niger, Benin, Burkina Faso und dem Senegal zeichnet seine Musik aus. Seine Eltern waren beruflich viel in Westafrika unterwegs, auf den Reisen holte sich Sahel Inspiration. Seit August 2013 lebt er in Berlin. Er ist vieles in einer Person: Bassist-Gitarrist, Produzent, Sänger und Songwriter. Und so gründete er auch noch sein eigenes Musiklabel, „Mamospa“. In seiner Muttersprache Mbaj heißt das so viel wie „Ich werde singen“. Zu hören ist Willy Sahel auf dem Kenako Festival am Sonnabend um 18.30 Uhr.

Das Kenako Afrika Festival 2015 läuft von Donnerstag, 11. Juni, bis Sonntag, 14. Juni 2015, am Alexanderplatz (S+U-Bahnhof Alexanderplatz). Zeiten: Donnerstag von 14–21.30 Uhr, Fr. und Sbd. 10–22 Uhr, Sonntag 10–20 Uhr. „Africa Day“ am Sonnabend, 12. Juni, 10–22 Uhr. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos und das Programm unter www.kenako-festival.de