Gesellschaft

Projekte für eine neue Zeit

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Gerlinde Schulte

Zwei innovative Berliner Vereine werden mit einem Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet

Wer bewegt die Gesellschaft mit neuen Ideen, und welche dieser Ideen können tatsächlich eine nachhaltige Wirkung entfalten? Einen Tag vor Beginn der Jahreskonferenz des Deutschen Rats für nachhaltige Entwicklung am 3. Juni im Berliner Congress Center BCC verleiht die Nichtregierungsorganisation Bundesvereinigung Nachhaltigkeit am heutigen Dienstag erstmals das „Bundes-Band Nachhaltigkeit“. Die Träger des undotierten Preises in den Kategorien Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Verwaltung wurden online von Bürgern vorgeschlagen und dann von der Vereinigung, die sich als zivilgesellschaftliches Komplementär zu dem Regierungsgremium versteht, ausgewählt. Zwei der vier Preisträger kommen aus Berlin.

Ein Jahr lang 1000 Euro im Monat

In der Kategorie Gesellschaft wird der Berliner Verein „Mein Grundeinkommen“ ausgezeichnet, der über eine Crowdfunding-Plattform Geld sammelt und immer, wenn 12.000 Euro zusammengekommen sind, ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ für ein Jahr verlost. Der Webdesigner Michael Bohmeyer hat das Projekt vor einem knappen Jahr entwickelt, um der Diskussion um das Grundeinkommen Schwung zu geben. „Wir müssen davon ausgehen, dass wegen der zunehmenden Automatisierung immer mehr Arbeitsplätze wegfallen werden“, sagt der 30-Jährige. „Darauf brauchen wir eine Antwort.“ Ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) könnte die Gesellschaft und die Arbeitswelt im Kern verändern, meint er. „Es setzt Energien frei, die wir dringend für Innovationen brauchen.“ Die Diskussion um ein Grundeinkommen werde seit Jahrzehnten geführt. Warum also nicht einfach mal ausprobieren, was die Entkoppelung von Basiseinkommen und Arbeit mit den Menschen macht, fragt Bohmeyer. Ein längst überfälliger Ansatz, wie Martin Wittau von der Bundesvereinigung Nachhaltigkeit sagt.

Im Juli 2014 hatte Bohmeyer sein Projekt gestartet. Im Oktober konnte der erste Gewinner gezogen werden, mittlerweile kommen bereits zwölf Teilnehmer für ein Jahr in den Genuss der 1000 Euro pro Monat. 19.535 Menschen haben das Geld dafür gespendet. Die Sammlung für Nummer 13 läuft. Bis Ende des Jahres will der Verein genug Geld zusammen haben, um 2016 hundert BGE zu verlosen.

Als er das Projekt zu Hause austüftelte, hätte sich Bohmeyer nicht träumen lassen, dass er nach wenigen Monaten ein Büro und acht Mitarbeiter haben und bundesweit bekannt sein würde, sagt er. Inzwischen hat das Projekt erste Nachahmer in Holland und Interessenten in den USA, Spanien und Belgien. „Wir stellen dafür unser Programm zur Verfügung“, sagt er. Auch der US-amerikanische Technologie-Investor Albert Wenger – ein prominenter Verfechter eines garantierten Grundeinkommens – zeigte Interesse, als Bohmeyer sein Projekt in New York vorstellte, und hat die Kreuzberger bereits besucht. Bohmeyer sammelt nun die Geschichten seiner Teilnehmer. Denn dass sie nun automatisch die Füße hochlegten und nichts mehr tun, sei ein Irrglaube. „Das BGE ist eine Basis – du kannst leben, damit du etwas tun kannst, ist unser Ansatz.“

Einen wissenschaftlichen Anspruch erhebt Bohmeyer nicht. Die kleine Zahl der Teilnehmer, die überschaubare Summe, der kurze Zeitraum – all das reiche nicht, um eine belastbare Studie durchzuführen. Über den Preis freut er sich besonders, weil die Nachhaltigkeit der Idee gesehen und die strukturelle Herangehensweise gewürdigt werde.

Geordnete Mitbestimmung

Wie schnell der technologische Wandel die Entwicklung vorantreibt, hat auch Daniel Reichert, 36,verblüfft. Er ist Vorsitzender von Liquid Democracy e.V., der sechs Jahre nach seiner Gründung als gemeinnütziger, überparteilicher Verein bereits 30 Mitarbeiter – IT-Leute, Webmanager, Designer und Geisteswissenschaftler aus zwölf akademischen Bereichen – interdisziplinär beschäftigt und mit verschiedenen politischen Parteien arbeitet, Projekte für die Hauptstadt entwickelt und im EU-Auftrag forscht. Für die Entwicklung seiner Adhocracy-Plattform erhält der Verein den Nachhaltigkeitspreis im Bereich Politik. Adhocracy ist frei im Internet zugänglich und liefert die technischen Voraussetzungen für eine aktive Teilnahme der Zivilgesellschaften an politischen Entscheidungsprozessen. Vereine und Initiativen können es ebenso nutzen wie kommunale Verwaltungen oder Parteien. Die Basis ist eine komplexe aber belastbare Software, die dann dem betreffenden Projekt angepasst werden kann.

Mit Hilfe von Adhocracy wird zum Beispiel gerade auf Grundlage des Volksentscheids der Pflege- und Nutzungsplan für das Tempelhofer Feld ausgearbeitet. Die Bürger können auf der Plattform mitdiskutieren, ihre Anregungen werden in die Planungen einbezogen. Für die Senatsverwaltung betreut Tilmann Heuser, BUND-Landeschef, diesen Prozess. „Das ist das Pilotprojekt für eine zentrale Beteiligungsplattform, die wir gerade im Auftrag der Senatsverwaltung entwickeln“, sagt Reichert. Auf der Basis von Adhocracy soll die Verwaltung ein Instrument für alle künftigen Beteiligungsverfahren in die Hand bekommen, das sämtliche Kommunikationskanäle verbindet, ordnet und auswertet sowie interessierten Bürgern eine Mitspracheplattform bietet. Das alles erlaube eine breitere und tiefere Diskussion als die oft vereinfachenden Volksentscheide, sagt Reichert. Es werde sicher noch dauern, bis auf allen Seiten Vertrauen aufgebaut sei und sich Beteiligungsprozesse etablierten, aber es eröffne bereits jetzt die Möglichkeit der Teilhabe. Wie die Wirtschaft und die Gesellschaft sei auch die Demokratie einem Wandel unterworfen, so Reichert.