Serratien

Fünf Frühchen an Keimen erkrankt

Betroffen ist die Station, auf der die Vierlinge der 65-jährigen Annegret Raunigk liegen

So schlimm wie 2012, als 21 Frühgeborene in der Neonatologie der Charité mit Serratien-Keimen befallen waren, ist es diesmal nicht. Aber dennoch hat die Berliner Universitätsklinik wieder mit dem Keimbefall auf ihrer Frühchenstation auf dem Campus Virchow in Wedding zu kämpfen. Vier Kinder sind mit einem Keim aus gleicher Quelle besiedelt oder an Infektionen erkrankt. Ein weiteres Baby ist ebenfalls von Serratien befallen. Ob es sich um den gleichen Keim handelt, wird aber noch geprüft. Die vier Frühchen der 65-jährigen Annegret Raunigk, die derzeit im Licht der Öffentlichkeit steht, liegen ebenfalls auf der Station, sind aber nicht von Keimen betroffen.

Serratien gehören zur Familie der Darmbakterien. Sie kommen im Darm von Menschen und Tieren vor, aber auch in der Umwelt wie im Boden, Wasser, Pflanzen und Nahrungsmitteln. Gefährlich sind die Bakterien vor allem für Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Sie sind daher ein Problem auf Intensivstationen oder in Kinderkliniken.

Fälle wie den aktuellen Ausbruch gebe es in Deutschland immer wieder, sagte der ärztliche Direktor der Charité, Ulrich Frei. Dieses Mal habe man sich bewusst entschieden, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Nachdem man die Berliner Feuerwehr informiert habe, den Kreißsaal im Virchow nicht mehr anzufahren, sei es eine Frage der Zeit gewesen, ehe die Sache durchgesickert wäre. Deshalb entschied man sich für eine offensive Kommunikation, anders als vor drei Jahren, als die Berliner Morgenpost den massiven Keimbefall auf der Frühchenstation aufgedeckt hatte.

Für Erwachsene ungefährlich

Jetzt wurde der erste Fall am 13. April bei einem in der 24. Schwangerschaftswoche geborenen Frühchen festgestellt. Ein einzelnes Serratiabakterium ist dabei offenbar nicht ungewöhnlich, so etwas komme alle sechs bis acht Wochen vor, auch weil die Charité zweimal die Woche bei jedem der kleinen Patienten gezielt danach suche. Der Keim, der nicht zu den gefährlichen multiresistenten Arten gehört, wird relativ oft über die Mütter ans Kind übertragen. Jede zehnte Mutter trage Serratien in sich, sagte Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin. Für Erwachsene ist der Keim ungefährlich. Bei besonders früh geborenen Babys bedeuten Serratien aber ein zusätzliches Gesundheitsrisiko.

Alarmiert sind die Hygieniker jedoch, wenn die Abstriche der kleinen Patienten zwei Mal einen Keim belegen, der offensichtlich aus der gleichen Quelle stammt. Dann sprechen die Mediziner von einem Ausbruch. Den meldete die Charité dann auch an das Gesundheitsamt Mitte. Bei einem dritten Baby wurde der Keim Ende April entdeckt, bei einem weiteren vor wenigen Tagen. Drei der Kinder, die künstlich beatmet werden, leiden an Lungenentzündung und werden mit Antibiotika behandelt. Das vierte Kind hat eine Bindehautentzündung. Das fünfte Kind, das an einem schweren Herzfehler leidet, war im Herzzentrum operiert worden, bei der Rückkehr in die Charité wurde der Keim entdeckt. Alle seien aber in einem vergleichsweise stabilen Zustand, wenn es sich auch ohnehin um „Hochrisikopatienten“ handele.

Auf der Neonatologie habe man sofort die nach dem Fall von 2012 deutlich verschärften Hygienemaßnahmen eingeleitet, sagte der stellvertretende Direktor der Neonatologie, Christof Dame. Die Serratien-Kinder wurden von den anderen Patienten getrennt, sie hätten auch ihre eigenen Pfleger und Ärzte und Ultraschallgeräte. Wie es dennoch zu der Übertragung auf der Station gekommen sei, bleibe bisher unklar, räumte Dame ein. Als mögliche Infektionsquelle vermutet er einen Flaschenwärmer, auf dem die Prüfer eine Serratie entdeckt haben. Der Keim habe die Eigenart, dass er nicht nur auf Schleimhäuten oder auf der Haut, sondern auch auf anderen Oberflächen überleben könne. Eine andere Ursache für die Besiedlung könnten Notmaßnahmen bei den beatmeten Babys sein. Die Schläuche müssten hin und wieder erneuert werden, das berge jedes Mal Risiken. Außerdem müssten die Pfleger die Babys manchmal anfassen, wenn Atmung und Herzfrequenz abfallen und die Schwestern die winzigen Patienten per Hand stimulieren müssten. Das müsse immer sehr schnell gehen, das seien „Risikosituationen“, erklärte Dame.

Nach Auskunft der Charité habe sich die Lage auf der Station durch die Ankunft von Annegret Raunigk verschärft. Demnach sollte die Mutter angesichts des Keimbefalls zunächst in der Charité in Mitte entbinden. Dort habe sie aber nicht bleiben wollen und die Klinik gegen ärztlichen Rat verlassen. Mit dem Taxi sei sie nachts zum Virchow Campus gefahren, wo sie dennoch als Patientin aufgenommen wurde. Der Grund sei die Diagnose eines Lungenödems. Ihre vier frühgeborenen Babys liegen nun dort, räumlich streng getrennt von den keimtragenden Kindern.

Der Notstand auf der Station wird noch monatelang andauern. Denn die mit Keimen befallenen Frühchen werden normalerweise erst dann entlassen, wenn sie das Gewicht wie nach einer normalen Geburt nach neun Monaten Schwangerschaft erreicht haben.