Jugendprojekt

Experten in Sachen Familie

Ein Theaterprojekt an der Volksbühne gibt Pflegekindern die Hauptrolle. Sie wollen sich Gehör verschaffen

23 Familienexperten stehen auf der Bühne. Klingt nach Therapeuten, Sozialarbeitern und Beratern. Klingt nach Belehrung oder Betroffenheitstheater. Aber zum Glück ist weder das eine noch das andere der Fall. Im neuen Theaterprojekt der Volksbühne, das am Dienstag, 19. Mai, Premiere feiert, stehen 23 Mädchen und Jungen zwischen acht und 18 Jahren auf der Bühne. Alle sind Pflegekinder. Und gerade deshalb sind sie Experten in Sachen Familie. Sie wissen, wie kaum jemand anderer, worauf es ankommt und dass es jenseits von Vater, Mutter und Kind noch viel mehr Familienkonstellationen gibt. Darum wollen sie sich in ihrem Stück „23 Pflegekinder rauben dir den Schlaf“ Gehör verschaffen, mal ernst, mal provozierend, mal selbstironisch. Was sie aber nicht wollen, das ist Mitleid. „Wichtig ist uns, dass wir nicht immer als etwas Anderes gesehen werden, sondern als ganz normale Jugendliche“, sagt der 18-jährige Basti, einer der Darsteller, die aus allen Teilen Berlins kommen und eine unterschiedliche soziale Herkunft haben.

Die Idee, Pflegekinder auf die Bühne zu holen, kam von der Juristin Diana Eschelbach, die sich viel mit Jugendhilfe und Familienrecht befasst. Dabei hat sie festgestellt, dass zwar viel über Pflegekinder entschieden wird, sie selbst aber selten eine Stimme haben. Wie wichtig das aber ist, hat auch die Forschungsgruppe Pflegekinder an der Universität Siegen in jüngsten Untersuchungen bestätigt. Kinder sollten mehr in die Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, einbezogen werden, heißt es da.

Theaterspiel als Neuland

Eine Ansicht, die auch Angelika Nitzsche von „Familien für Kinder“ teilt. Die gemeinnützige Organisation ist in Berlin erster Ansprechpartner für Pflegeeltern und Menschen, die es werden wollen. „Familien für Kinder“ veranstaltet Info-Abende und Vorbereitungsseminare und war als Initiator für das Theaterprojekt schnell gewonnen. „Partizipation ist sogar gesetzlich vorgegeben, aber oft ist das nur ein Wort“, sagt Nitzsche. Tatsächlich würden die Kinder nicht immer gefragt werden, was sie eigentlich wollen. Als Kooperationspartner stieg die Volksbühne mit ein. Das Haus betreibt seit Jahren mit dem P14 ein eigenes Jugendtheater. Für die theaterpädagogische Leiterin von P14, Vanessa Unzalu-Troya, ist die Auseinandersetzung mit Pflegekindern und ihrer Lebenssituation allerdings eine Premiere.

Und auch für die meisten Kinder ist das Theaterspiel Neuland. „Ich wusste nicht, welche Erfahrungen die anderen mitbringen, darum habe ich mich erst nicht so getraut“, sagt die zwölfjährige Diandra. Aber sie bekam schnell mehr Zutrauen, als sie gemerkt hat, dass alle hier Pflegekinder sind. Auf der Bühne wirkt ihre sonstige Zurückhaltung wie weggefegt. „Hier fragt keiner, wieso man Pflegekind ist und wie sich das anfühlt. Das wissen ja alle“, erklärt Basti. Gerade das hat die Gruppe schnell zu einer Gemeinschaft werden lassen.

Das Projekt, das von Aktion Mensch mit 100.000 Euro gefördert wird, startete im Dezember zunächst mit gemeinsamen Recherchen – zum Theaterspiel und zum Thema Familie. Dann kamen Workshops und schließlich die Proben. Zu Beginn gab es noch kein fertiges Stück. Die Szenen und Dialoge haben Regisseur Jan Koslowski und sein Team mit den Kindern gemeinsam entwickelt. Herausgekommen ist eine Collage, in der das Thema Familie von verschiedenen Seiten beleuchtet wird. Für Koslowski war beeindruckend, wie stark das Bedürfnis war, über ihr Leben, ihre Erfahrungen und ihre Wünsche zu sprechen. „Oft wurden ganz banale Sachen genannt“, erinnert er sich, zum Beispiel dass Kinder etwas zu essen benötigen, wenn sie Hunger haben, oder dass sie jemand trösten sollte, wenn sie hingefallen sind. Dass dies für manche Pflegekinder offenbar nicht immer selbstverständlich war, hat ihn sehr berührt. Aber manchmal war er auch erstaunt über die Coolness, mit denen die Pflegekinder ihr Leben beleuchten.

Das Theaterprojekt hat die Kinder zum Nachdenken über ihr Leben angeregt, „und es hat vielen auch neues Selbstvertrauen gegeben“, hat Angelika Nitzsche beobachtet. Und das ist auch die Botschaft, die sie von vielen Pflegeeltern und Therapeuten bekommt, die mit den Kindern zusammenarbeiten. Insofern hofft sie, dass dieses Theaterprojekt Nachahmer findet und mehr Menschen für die Problematik öffnet, sie vielleicht sogar motiviert, selbst Pflegeeltern zu werden. Denn der Bedarf ist groß in Berlin.

Zahl der Pflegekinder steigt

Nach Angaben der Senatsjugendverwaltung waren Ende 2014 insgesamt 2832 Kinder und Jugendliche in Vollzeitpflege betreut, sieben Prozent mehr als noch vor zwei Jahren. Darüber hinaus besteht laut Senat ein Bedarf von etwa 500 weiteren Plätzen. Insbesondere für kleine Kinder in Krisensituationen sowie für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund würden oft geeignete Pflegefamilien fehlen. Diese Kinder werden dann meist in Heimen betreut. „Familien für Kinder“ geht sogar von einem höheren Bedarf aus. Aus Nitzsches Sicht werden etwa für 750 weitere Kinder Pflegefamilien gesucht.

Eine Familie zu haben, ist für die 23 Kinder auf der Bühne nicht selbstverständlich. Und nach den Monaten der Theaterarbeit können sie heute ganz klar formulieren, was für sie Familie bedeutet. Die zwölfjährige Louise sagt: „Das sollten Erziehungsberechtigte sein, die wirklich für einen da sind, die sich um einen kümmern und bei denen man sich wohlfühlt.“ Und Basti findet: „In einer Familie sollte man sich vertrauen, Freiheit und eine eigene Meinung haben dürfen.“ Der 17-jährige Dominik antwortet mit einem Zitat aus dem Stück: „Familien sollten wie eine stabile Leitplanke sein, die einen auf seinem Lebensweg begleitet.“

„23 Kinder rauben dir den Schlaf“, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte. Aufführungen: 26.+27. Mai, 2.+3. Juni, 2.+3. Juli, 19 Uhr. Karten: acht, erm. fünf Euro unter volksbuehne-berlin.de, an der Kasse oder unter Tel. 240 65 777.