Ernährung

Ein Acker für alles

Eine Initiative baut auf einem Spandauer Feld Lebensmittel an, die einen Menschen ein Jahr lang vegetarisch ernähren können

Noch kann das hier niemanden satt machen. Zaghaft wagen sich die grünen Halme des Einkorns aus der Erde, ein Vorfahr des heutigen Weizens und damit eine Art Urgetreide. In mit Pferdemist und Erde gefüllten Tiefbeeten sprießen die ersten Blätter der Ackergurken, durch Glas gegen späte Fröste geschützt. So können sie früher gepflanzt und damit auch geerntet werden.

Improvisation ist trotzdem gefragt, wenigstens am Anfang. Denn die 2000 Quadratmeter fruchtbare Fläche nahe dem Havelufer im Spandauer Ortsteil Gatow sollen eine ehrgeizige Aufgabe erfüllen: Nahrungsgrundlage zu bieten für einen Menschen und ein Jahr. Vegetarisch zwar, aber ausgewogen und biologisch produziert sollen sie diesem Modellesser zwölf Monate lang alles bieten, was er an Lebensmitteln benötigt. Ohne Zukäufe. Ohne Bäcker, Supermarkt oder Pizzaservice.

Erdacht hat dieses Konzept die Initiative 2000m2, die unter dem Dach der Zukunftsstiftung Landwirtschaft in Mitte residiert. Im vergangenen Jahr pachtete sie von Landwirt Christian Heymann, der am Kladower Damm auf der ehemaligen Hofstelle Havelmaten unter dem Namen „Speisegut“ eine solidarische Landwirtschaft betreibt, eine Scholle. Lang und schmal ist dieser „Weltacker“ getaufte Streifen, 2000 Quadratmeter in der Fläche, „das ist genau das, was statistisch auf jeden Menschen entfällt, wenn man die global vorhandene Ackerfläche gleichmäßig auf die Weltbevölkerung verteilt“, sagt Luise Körner.

Die Europäer essen zu viel

In der Rolle der Kunstfigur Carla Giardini koordiniert Körner das Projekt 2000m2. Unterstützt wird sie vom fiktiven Ben Wissler, der im wahren Leben Florian Kliem heißt und als gelernter Koch das ernährungsphysiologische Gewissen der Initiative ist. „Was wir zeigen wollen, ist: Wie kann man verantwortungsvoll mit Ackerfläche umgehen? Und wie sieht Ernährung aus, wenn man eben nur diese Fläche zur Verfügung hat?“, sagt Luise Körner.

Tatsächlich, so die Kritik der Initiative, verbrauchen Europäer das Eineinhalbfache dessen, was dem Kalorienbedarf entspräche. Nicht alles landet in den Mägen, vieles wird weggeworfen. Fleischesser könnten mit 2000 Quadratmetern gerade einmal zwei Schweine bis zum Schlachtgewicht bringen. Außerdem: Zwar stehe innerhalb der EU jedem Einwohner statistisch mehr als die Fläche des Weltackers zur Verfügung. Doch selbst nach Abzug der Agrarexporte importiere die Gemeinschaft zusätzlich Lebensmittel, die umgerechnet etwa weiteren 700 Quadratmetern pro Europäer entsprächen.

Diese Missstände anschaulich zu machen, hat sich 2000m2 zur Aufgabe gestellt. Über das Internet fanden sich interessierte Helfer. „Viele haben mitgerechnet, wie wir unseren Acker aufteilen und wie viel wir wovon anbauen müssen“, sagt Körner. Ohne Dispute ging das nicht. Die Biobäuerin, die die praktische Feldarbeit verantwortet, setzte auf ertragreiche Feldfrüchte. Koch Florian Kliem pochte auf Vielfalt und den Genussaspekt: „Schließlich soll es nicht nur satt machen, sondern auch schmecken.“ Einig war man sich, dass es robuste Pflanzen sein sollten.

Kliem, schon länger auf nachhaltige Ernährung spezialisiert, brachte alte oder weniger bekannte Sorten ein. Die Blauwschokker Palerbse ist darunter, eine Rarität mit violetten Hülsen und Früchten, auch die Ackererbse Peluschken Streit, deren Bezeichnung auf einen Streit österreichischer Bauern mit einem Saatgutkonzern zurückgeht, oder der Kopfsalat mit dem wenig prosaischen Namen Dr. Becker Nr. 39. Weil die einzelnen Köpfe sich unterschiedlich schnell entwickeln, kann dieser über längere Zeit geerntet werden. Ohnehin darf nicht alles sofort verzehrt werden. Für den Winter muss eingekocht und gelagert werden. Was sich hier nicht anbauen lässt, wie Kaffee oder Pfeffer, wird im Tausch gegen eigene Feldfrüchte erworben. Partner dafür hat 2000m2 unter anderem in China, wo es einen ähnlichen Weltacker-Standort gibt, oder auch in Syrien und Schottland. Ein weiterer ist in der Türkei in Planung. Als Süßungsmittel dient Honig von den Bienen auf dem Gelände. Alte Obstbäume liefern Pflaumen und Äpfel, auch einen Walnussbaum gibt es schon. Ehrenamtliche Helfer gestalten den Start des Versuchsjahres, ein Hobbygärtner aus Schöneberg hat sich für zunächst eine Woche verpflichtet, seinen Speiseplan den Erträgen des Weltackers anzupassen. Andere werden folgen, 12 Versuchspersonen sind es derzeit. „Allerdings haben wir derzeit noch keine Erträge, dafür hätten wir 2014 schon pflanzen müssen. Das kompensieren wir, indem wir von anderen Höfen Lebensmittel leihen und später entsprechende Mengen von unserem Acker zurückgeben“, sagt Luise Körner.

Kooperationen mit anderen

Steht einmal kein Modellesser zur Verfügung, dokumentiert Kliem alias Ben Wissler online, was geerntet wurde, zählt Kalorien und Nährwerte. Er hilft den Probanden auch mit Rezeptvorschlägen. Außerdem sind begleitende Veranstaltungen wie Podiumsdiskussionen oder Menüs mit Gästen geplant. Denn auf eines setzt Luise Körner fest: „Der Acker wird mehr abwerfen, als einer braucht.“

Kooperationen und fachlichen Austausch soll es mit anderen Ökoinitiativen auf den Havelmathen geben. Gleich nebenan verpachtet Max von Grafenstein Bauerngartenparzellen an Städter mit Landlust, 2012 eröffnete im ehemaligen Gut das unter anderem vom Naturschutzbund Nabu getragene Umwelt-Bildungszentrum.

Mehr Informationen im Internet unter www.2000m2.eu