Interview

„In zwölf Minuten Impulse für den ganzen Tag“

Pfarrerin Cornelia Kulawik wechselt nach zehn Jahren an der Gedächtniskirche nach Dahlem

Cornelia Kulawik, 45, wechselt nach mehr als zehn Jahren als Pfarrerin an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Anfang Juni zur Kirchengemeinde Dahlem. Statt trubeliger Citykirche wird es dort wohl künftig etwas ruhiger zugehen – obwohl die beiden Dahlemer Kirchen, die Sankt-Annen-Kirche und die Jesus-Christus-Kirche mit insgesamt 6000 Mitgliedern doppelt so viele Gemeindeglieder haben wie die Gedächtniskirche. Das geschichtliche Erbe in Dahlem, das eng mit dem Wirken des Pfarrers und Widerstandskämpfers Martin Niemöller (1892–1984) verbunden ist, ist jedenfalls ähnlich bedeutsam wie das der Gedächtniskirche. Ihre Predigten wird die 45-jährige Pfarrerin weiterhin an dem schweren, alten Schreibtisch schreiben, an dem schon ihr Schwiegervater aus Dresden als Pfarrer arbeitete. Das Schmuckstück zieht Ende Mai mit um.

Berliner Morgenpost:

Frau Dr. Kulawik, gefällt es Ihnen in der City West nicht mehr oder warum hören Sie an der Gedächtniskirche auf?

Cornelia Kulawik:

Mir gefällt es hervorragend, und ich habe die Zeit an der Gedächtniskirche überaus genossen. Es ist ein wunderbarer Ort, dort Pfarrerin sein zu können. Aber nach zehn Jahren ist es auch an der Zeit, die Schwerpunkte mal zu verändern und einen anderen Blick auf das kirchliche Leben zu werfen.

Was hat die Gedächtniskirche für Sie zu einem besonderen Arbeitsplatz gemacht?

Es ist erst mal die Kirche selbst. In diesem Raum tätig sein zu dürfen, ist schon etwas ganz Besonderes. In diesem blauen Licht, in dieser intensiven meditativen Atmosphäre Gottesdienste feiern, Andachten halten zu können. Es ist ein offener Ort, den ganz unterschiedliche Menschen aufsuchen. Dort ist immer Leben und man hat mit ganz vielen Menschen zu tun, die sich sonst in diesem engeren kirchlichen Rahmen gar nicht bewegen würden. Gäste, Touristen, Konzertbesucher. Ich finde, Kirche ist generell ein einladender, offener Ort – das ist die Gedächtniskirche von sich aus schon.

Diese Offenheit und Vielfältigkeit drückt sich schon darin aus, dass jeden Tag von 9 bis 19 Uhr geöffnet ist …

Genau. Zum einen gibt es jeden Tag die Kurzgottesdienste, um 13, 17.30 und 18 Uhr. Überwiegend Touristen sind dann dort, und wir haben eine großartige Möglichkeit, ihnen in zwölf bis 15 Minuten Impulse für den Tag mitzugeben, biblische Grundgeschichten zu vermitteln und ein paar Gedanken dazu anzubieten. Auch das Angebot zum seelsorgerischen Gespräch wird gern genutzt. Die Bach-Kantate-Gottesdienste alle 14 Tage sonnabends ab 18 Uhr sind ebenfalls etwas Besonderes. Dort trifft sich das Kulturbürgertum Berlins zum Gottesdienst mit Musik. Dabei wird eine komplette Bach-Kantate im liturgischen Rahmen eines Gottesdienstes aufgeführt. Die Kirche ist immer voll. Mindestens 400 Besucher.

Und wie kommen die Gemeindemitglieder damit zurecht, dass ihre Kirche von so vielen Touristen jeden Tag besucht wird?

Ganz viele schätzen diese Offenheit und Gastfreundschaft, die unsere Kirche ausstrahlt. Sie engagieren sich unglaublich an dieser Kirche. Wir haben weit mehr als 100 Ehrenamtliche, ohne die das vielfältige Angebot gar nicht möglich wäre. Besuchsdienste, die Öffnung des Alten Turms mit der Besichtigungsmöglichkeit, die Vorbereitung und Begleitung der Gottesdienste. All diese Angebote könnten wir – zwei Pfarrer und die Kirchwarte – alleine ohne die Ehrenamtlichen gar nicht schaffen.

Also, die Gemeinde kommt gut zurecht mit dieser öffentlichen und mehr touristischen Aufgabe?

Es bleibt immer ein Stückchen ein Spannungsfeld. Wir müssen den Spagat schaffen, Seelsorger und Ansprechpartner für unsere Gemeindemitglieder zu sein und gleichzeitig die öffentlichen Aufgaben zu schaffen. Das ist manchmal aus Zeitgründen nicht einfach. Es ist immer eine Abwägungsfrage: Mache ich jetzt einen Besuch im Altenheim oder bereite ich eine Predigt für den Gottesdienst vor.

Das wird in Dahlem sicherlich anders …

… das wird anders, weil es nur eine Ortsgemeinde ist. Aber mit 6000 Mitgliedern. Die klassische Gemeindearbeit wird mehr sein. Dort gibt es beispielsweise 80 Konfirmanden pro Jahr, hier haben wir 15. Es wird mehr Taufen, Trauungen und Beerdigungen geben. Hier haben wir eher Singlehaushalte, dort leben mehr Familien, die Fluktuation ist sicherlich kleiner als in der Innenstadt.

Was aber vergleichbar ist, ist die eindrucksvolle Geschichte der Gemeinde.

Ja, und deshalb habe ich mich dort auch ganz bewusst beworben. Die geschichtliche Tradition in der Zeit des Nationalsozialismus, in der Zeit der Bekennenden Kirche mit Pfarrer Martin Niemöller, der dort gewirkt hat. Diese Tradition der Friedensarbeit, die es dort im Gedenkzentrum des Martin-Niemöller-Hauses gibt, gilt es weiterzuentwickeln. Wie kann man Jugendliche heute an die Geschichte heranführen, wie kann man aktuelle friedensethische Diskussionen führen zu den heute drängenden Themen der weltpolitischen Lage mit dem IS, was passiert mit den Jesiden, die vertrieben werden. Darauf muss Kirche heute Antworten finden, was heißt heute friedensethisch verantwortlich zu handeln. Das wird ein Teil meiner Aufgabe dort sein.

Die Gedächtniskirche ist Ort des Gedenkens an die Schrecken des Krieges und Symbol für Versöhnung und Frieden. So wird an jedem Freitag um 13 Uhr am Nagelkreuz von Coventry in der Gedenkhalle im Alten Turm das Versöhnungsgebet gesprochen, so wie es zeitgleich auch in der Kathedrale von Coventry geschieht.

Ja, wir haben einen sehr guten Kontakt zur Kathedrale von Coventry, wo man so wie in Berlin Teile der Ruine sehr bewusst hat stehen lassen und mit einem Neubau verbunden hat, in dem täglich geistliches Leben stattfindet, aber die Ruine Teil des kirchlichen Lebens ist. Man kann sagen, dass sind die vielleicht bekanntesten Symbolruinen in Europa.

Welche Bedeutung hat denn heute dieser Zusammenschluss noch?

Die Geschichte wird in aller Kürze erläutert, aber immer mit einem Gegenwartsbezug, sodass sie auch für junge Leute sehr interessant ist. Das Durchbrechen von Zirkeln der Gewalt, Gewalt erzeugt Gegengewalt – ist ein Thema, das hochaktuell ist, ob in der Ukraine, in den aktuellen Konflikten wie der Flüchtlingsthematik. Es gibt immer die Brücke in die Gegenwart. Von Coventry aus entstand eine weltweite Versöhnungs- und Friedensbewegung. Es gibt weltweit diese Nagelkreuzgemeinschaft, in Amerika am Ground Zero, wo es um die Versöhnung nach dem 11. September geht, alle haben dasselbe Versöhnungsgebet, ob in Nigeria, wo es um Konflikte zwischen Christen und Moslems geht und mit Jugendlichen Antigewalttraining gemacht wird, oder in Südafrika oder Nordirland – überall gibt es die Nagelkreuzzentren. Ich bin im Leitungskreis der Nagelkreuzgemeinschaft Deutschland, und da koordiniere ich die Arbeit in Berlin und Brandenburg. Das wird auch weiter so sein, wenn ich nach Dahlem wechsle. Die Nagelkreuzarbeit wird von mir dort fortgeführt.

Was wird in den beiden Kirchen in Dahlem anders?

Gar nicht so viel, wie es auf den ersten Blick erscheint. Vieles von dem, was mir bislang schon wichtig war, werde ich dort fortsetzen. Auch die interkonfessionelle und interreligiöse Zusammenarbeit.

Die City West ist im Aufwind. Profitiert die Gedächtniskirche davon, indem es künftig leichter wird, Geld für Sanierungen einzuwerben?

Es bleibt schwierig. Die Podiumssanierung steht jetzt an. Das Licht im Innern wird umgebaut. Der neue Turm ist eingerüstet. Wir freuen uns, dass die City West im Aufschwung ist. Umso wichtiger ist es, dass die Kirche ein ganz eigener Ort in all dem Trubel ist, ein Ort der Stille, ein Ruheort.

Wann verabschieden Sie sich in der Gedächtniskirche?

Ich werde am 14. Juni um 18 Uhr mit einem Psalmtongottesdienst, den Jazzmusiker mitgestalten, in der Gedächtniskirche verabschiedet. In der Jesus-Christus-Kirche an der Hittorfstraße gibt es dann am 28. Juni um 14 Uhr den Einführungsgottesdienst.